In zwölf Jahren soll die Stadt Stuttgart keine Emissionen mehr ausstoßen – im Klimaplan werden allerdings nicht alle Ausstöße berücksichtigt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Von der Urban Future erhofft sich die Stadt Stuttgart Impulse, wie sie bis 2035 CO2-neutral werden kann. Am Rand der Konferenz kommentiert OB Nopper, dass seine Verwaltung das Solarziel um 75 Prozent nach unten korrigiert hat.

Gerald Babel-Sutter ist ehrlich. Die erste Reaktion auf Stuttgarts Bewerbung, Austragungsort der Urban Future zu werden, war: „Stuttgart, echt jetzt?“ Als der Gründer und CEO der internationalen Konferenz zur Zukunft von Städten diese Anekdote erzählt, lehnt er an einem Tisch im Haus der Wirtschaft in Stuttgart. Zwei Armlängen entfernt: Frank Nopper, Oberbürgermeister und damit Mitgastgeber der diesjährigen Urban Future. Jede Urban Future sei anders, erzählt Babel-Sutter beim Pressegespräch. In Stuttgart gesetzte Themen: die Wirtschaft und das Auto.

 

Die Landeshauptstadt will bis 2035 frei von klimaschädlichen Emissionen sein, so vom Gemeinderat vor einem Jahr beschlossen. Das Ziel nennt Nopper „sehr sportlich“. Die Ideen von der Urban Future, „die brauchen wir ganz dringend. Wir sollten alles daran setzen, dass der Spirit nicht wieder verloren geht“. Rund 100 Mitarbeiter der Stadt haben vom 21. bis 23. Juni an der Konferenz teilgenommen. „Wir werden Impulse und Hinweise sammeln, und wir werden versuchen, so schnell wie möglich die Dinge, die wir für sinnvoll halten, umzusetzen“, sagt Nopper.

Städte sollten sich beim Klimaschutz nicht verzetteln

Chantal Zeegers, Vize-Bürgermeisterin von Rotterdam, nennt im Rahmen der Konferenz-Session „Race to Zero“, Wettlauf zur Nullemission, drei maßgebliche Strategien: Klimagerechtigkeit, um ärmere Einwohner einzubinden, Transparenz über die Maßnahmen sowie Kooperationen, weil der Einfluss der Stadt begrenzt sei. Rotterdam, Gastgeber der Urban Future 2024, ist von der Größe vergleichbar mit Stuttgart.

Zu den Erkenntnissen gehört zudem: Auf dem Weg zur Klimaneutralität tun Städte gut daran, sich nicht zu verzetteln, sondern sich aufs Wesentliche zu konzentrieren, also auf das, was die CO2-Emissionen senkt, erklärt Kaisa-Reeta Koskinen, Head of Climate in Finnlands Hauptstadt Helsinki. Die meisten der knapp 150 Maßnahmen hätten sich als „völlig undeutlich“ herausgestellt, sagt sie. Ihr Tipp: „Scheitere schnell, lerne schneller.“

Das würde der Stuttgarter OB Frank Nopper sicher unterschreiben. „So ein Klimaneutralitätspfad verändert sich, der wird angepasst“, sagt er am Rande der Konferenz. „Das soll aber nicht heißen, dass man alles umschmeißt.“ Wobei man derzeit durchaus zu diesem Schluss gelangen könnte. Der Klimafahrplan, den die Stadt mit McKinsey ausgearbeitet hat, umreißt in 13 Steckbriefen, was zu tun ist. Im April hatte die Verwaltung das Ziel beim Solarausbau überraschend um 75 Prozent eingedampft. Statt der 2150 Megawattpeak seien nur 520 Megawattpeak bis 2035 realistisch. „Eine Korrektur nach unten ist unerfreulich, aber wir müssen uns immer realistische Ziele setzen“, kommentiert Nopper. „Wir sollten trotzdem voller Dynamik an den Zielen dranbleiben, auch am Solarziel.“ Man müsse sich das noch mal „im Einzelnen“ anschauen. „Vielleicht ist nur eine geringere Korrektur erforderlich.“

Entscheidend dafür, ob das Ziel erreicht oder verfehlt wird, ist aber nicht das Bemühen der Stadtverwaltung. Laut Klimafahrplan müssen bis 2035 elf Milliarden Euro in Stuttgart investiert werden. Allein 6,7 Milliarden Euro davon machen Gebäudesanierungen aus, davon wiederum müssten die Bürger 5,9 Milliarden Euro aufbringen. Es wird auf privates Geld ankommen. „Im ganzen Energiebereich wird es immer mindestens kofinanziert werden, wenn nicht gar in alleiniger Finanzverantwortung des privaten Kapitals stehen“, sagt Nopper. Er spricht von einer „enormen Kraftanstrengung“.

Entscheidende Emissionen werden meist nicht berücksichtigt

Erschwerend hinzu kommt: Klassischerweise werden bei städtischen Klimabilanzen nur der direkte Kohlendioxidausstoß der Verwaltungseinrichtungen sowie die stadtweiten Emissionen durch Strom und Heizung berücksichtigt (sogenannter Scope 1 und 2). Der dritte Bereich (Scope 3) ist aber mit Abstand der größte. Er umfasse als wichtigste Felder die Bautätigkeit sowie Lebensmittelkonsum; die Flüge der Einwohner seien dagegen gar nicht so bedeutend, sagt Eva Promes vom niederländischen Unternehmen Metabolic bei der Urban Future.

Einige Städte, wie Paris, Amsterdam oder London, versuchen das zumindest teils zu berücksichtigen. In London etwa helfe die Stadt bei der Organisation, um überschüssige oder weggeworfene Lebensmittel einzusammeln und zu verwerten, so Promes. Und in Amsterdam, erzählt die Nachhaltigkeitsexpertin der Stadt, Judith Strik, habe man erstmals überhaupt errechnet, wie hoch diese indirekten Emissionen seien. Das Ergebnis: Sie seien in Amsterdam zehnmal höher als Scope 1 und 2 zusammen.

Auch wenn die Städte helfen, diesen Bereich der Emissionen zu senken – die einzelnen Menschen sind nicht davon befreit, auf ihren Fußabdruck zu achten. Das gelingt am besten mit nachhaltigem Bauen und Wohnen, dem Einsatz erneuerbarer Energien und zumindest manchmal auch mit dem Verzicht auf Fleisch oder einen Urlaubsflug.