Nürtingen Nach dem Hangrutsch nähern sich die Streithähne an

Von Wolfgang Berger 

Der am 8. Juni 2016 abgerutschte Hang ist noch nicht nachhaltig gesichert. Foto: Horst Rudel
Der am 8. Juni 2016 abgerutschte Hang ist noch nicht nachhaltig gesichert. Foto: Horst Rudel

Bei einem Runden Tisch diskutieren Anwohner, Geologen und Vertreter der Stadt Nürtingen über Lösungen. Eine Dränage und eine Begrünung sollen den Hang stabilisieren.

Nürtingen - Zwar hat es weiter Vorhaltungen gegeben. Doch stand jetzt bei einem Runden Tisch im Nürtinger Rathaus das Bemühen aller Beteiligten im Vordergrund, Lösungen zur Stabilisierung des vor fast zweieinhalb Jahren an der Panoramastraße im Teilort Zizishausen abgerutschten Hangs zu finden. Der Bauherr des Neubaus, dessen Terrasse bei dem Unglück zusammen mit den Erd- und Gesteinsmassen abgegangen war, hat nun im Nürtinger Rathaus ein Baugesuch für die Dränage seines Hanggrundstücks eingereicht.

Wer ist für die Ableitung von Oberflächenwasser zuständig?

Denn die drei mit der Thematik befassten Geologen sind sich darin einig, dass technische Vorkehrungen zur Entwässerung unverzichtbar sind. Zusammen mit einer Begrünung soll es so gelingen, den Hang dauerhaft zu stabilisieren. Auf den zunächst von der Stadt Nürtingen vorgeschriebenen Einbau einer Spritzbetonwand kann laut dem Geologen des Bauherrn, Ralf Jechalik vom Büro PGG verzichtet werden – eine Einschätzung, die der von der Stadt beauftragte Geologe, Klaus Kleinert vom Büro Vees und Partner, teilt.

Neben diesen Gemeinsamkeiten bleiben jedoch Unstimmigkeiten, die bei dem Runden Tisch zur Sprache gekommen sind. Oberhalb des Hangs gibt es Felder, über die bei starkem Regen Oberflächenwasser in den Hang fließt. Der Bauherr ist nun der Ansicht, dass es Aufgabe der Stadt sei, das Wasser zurückzuhalten. Das Nürtinger Rathaus hingegen vertritt die Ansicht, dass sie lediglich für das Wasser zuständig sei, das sich auf dem Feldweg sammelt, der dem Bauherrn auch als Zufahrt zu seinem Grundstück dient. Dem Bauherrn ist die Klärung dieses Punkts wichtig. Da er Abwasserkosten von jährlich 32 000 Euro befürchtet, ist sein Anwalt mit dem Thema befasst. Der Nürtinger Technische Beigeordnete Andreas Neureuther hat nun zugesichert, dass das Tiefbauamt bauliche Maßnahmen oder mögliche Geländemodellierungen zumindest einmal prüft. Zusagen könne er jedoch keine machen, so Neureuther, denn das Rathaus will keinen Präzedenzfall schaffen, über den andere Grundstücksbesitzer in Nürtingen die Stadt in die Verantwortung nehmen könnten.

Ein Naturdenkmal steht dem Bau von Garagen entgegen

Meinungsverschiedenheiten gibt es weiter bei der Dränage des Hangs. Der Bauherr sieht keine andere Möglichkeit, als das Wasser über das benachbarte Grundstück der Familie Schweizer in den Sammler der Stadt zu leiten. Die Nachbarn, die ihr Stückle nach dem Hangrutsch durch die Ablagerung von Schutt und Erdmassen zerstört sehen, wollen dem Bauherrn jedoch nur unter einer Bedingung Zugang zu ihrem Flurstück gewähren: Sie pochen auf den Bau von Garagen, für die das Nürtinger Bauverwaltungsamt schon Zustimmung signalisiert hatte – fälschlicherweise, wie sich herausgestellt hat. Denn das Baufenster liegt im Bereich eines Naturdenkmals, das durch den Hangrutsch zwar in Mitleidenschaft gezogen, aber nicht zerstört worden ist. Indessen hat die Stadt beim Runden Tisch argumentiert, die Dränage könne auch gelegt werden, ohne das Grundstück der Familie Schweizer zu tangieren.

Eine neue Rutschung ist nicht auszuschließen

Abgerutscht war der Hang am 8. Juni 2016 nach einem Starkregen. Mehrere Häuser mussten evakuiert werden. Die Gefahr einer weiteren Rutschung ist Klaus Kleinert zufolge nicht gebannt. Sie sei zwar nicht akut, „es ist jedoch nicht auszuschließen, dass bei einer starken Durchflutung das Material erneut in Bewegung gerät“, sagte der Geologe. Deshalb verfolgt die benachbarte Familie Kurt die Dränage für ihr Hanggrundstück inzwischen separat, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren.

Angesichts geborstener Fenster im Haus, Feuchtigkeit im Keller und zu beobachtenden „Kriechbewegungen“ im Hang sieht der Geologe der Kurts, Steffen Potthoff, „dringenden Handlungsbedarf“. Den trockenen Sommer bezeichnete er als „ein großes Glück“. Ein rasches Handeln erwarten endlich auch andere Anwohner der Panoramastraße. Sie befürchten ebenfalls eine neue Rutschung und haben Sorge, dass ihre Keller volllaufen könnten.

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