unter denen auch Foto: Foto: Steffen Schmid

Kann man heiter und begeisternd klare und sogar unbequeme Positionen vermitteln? Nicole Fritz ist genau dies bei ihrem Auftritt in der „Stuttgarter Nachrichten“-Reihe „Über Kunst“ in der Staatsgalerie gelungen.

Stuttgart - Zum 1. Januar hat Nicole Fritz die Leitung der Kunsthalle Tübingen übernommen. Für sie ist es eine Rückkehr. Geboren wurde sie 1969 in Ludwigsburg, studiert hat sie in Tübingen. „Der Hausmeister“, sagt sie und lacht, „kannte mich schon als Studentin.“

In Ravensburg vermisst man Nicole Fritz

Nicole Fritz war Stipendiatin für Kunstkoordination an der Akademie Schloss Solitude, verantwortete als Co-Kuratorin 2007 die Fellbacher Triennale Kleinplastik, wurde 2011 Direktorin des 2013 neu eröffneten Kunstmuseums Ravensburg, das zwei Jahre später von den deutschsprachigen Kunstkritikern als „Museum des Jahres“ ausgezeichnet wurde. In Ravensburg vermisst man sie.

Für die Kunsthalle Tübingen bedeutet ­Nicole Fritz einen Neustart, auch in struktureller Hinsicht: Erstmals seit 2004 liegt bei ihr die künstlerische Verantwortung und die Geschäftsführung der Halle in einer Hand. Ein fraglos großer Vorteil: „So kann man viel verändern, weil man die Hoheit über das Budget hat und entscheidet, in welche Richtung die Veränderung gehen soll“, sagt sie. „Ich glaube, dass das für eine solche Institution auch gut und wichtig ist.“

Unabhängigkeit der Kunsthalle gibt Souveränität im Dialog mit der Stadt

Nicht minder wichtig ist ihr die Unabhängigkeit der Tübinger Kunsthalle, seit 2003 eine gemein­nützige Stiftung. Und doch: „Nachdem die Kunsthalle lange um ihre Unabhängigkeit von der Stadt Tübingen rang, möchte ich jetzt aus souveräner Position wieder in das Gespräch mit der Kommune einsteigen“. Mehr noch: Fritz möchte die Kunst von der Kunsthalle ins städtische Leben Tübingens hinab tragen, denkt daran, wieder einen Freundeskreis der Kunsthalle ins Leben zu rufen, und zeigt sich offen, auch mit Werken aus der Sammlung der Kunsthallen-Gründungs-Stifter-Familie Zundel zu arbeiten.

Erste eigene Schau in Tübingen: „Sexy & Cool“

„Sexy & Cool. Minimal goes Emotional“ ist der Titel der ersten Ausstellung, die Nicole Fritz in Tübingen kuratiert; am 23. März wird sie eröffnet, und sie scheint die Richtung vorzugeben. Die Minimal Art, ihre historische, ästhetische Dimension, ihre Fortführung in die Gegenwart hinein, ihre Erweiterung – all das sind Themen, die Nicole Fritz im Gespräch mit Nikolai B. Forstbauer, Titelautor unserer Zeitung, immer wieder aufgreift.

Geschichte der Kunsthalle ist mit Minimal verknüpft

Die reduzierte Kunstform der sechziger Jahre spielte ihre Rolle in der Geschichte der Kunsthalle – schon Götz Adriani, ihr Begründer, stellte Minimal aus. „Das Haus“, sagt Nicole Fritz, „ist mit dieser Kunst verknüpft. Wir werden dies sichtbar machen, und die Besucher werden spüren, wie diese Tradition sich weiter entwickelt hat.“

Die Minimal Art, sagt Nicole Fritz, galt als letzter großer Stil der Kunst, bevor die Individualisierung der Bildsprachen einsetzte. Sie galt auch als kühl, unnahbar, trat sogar auf als „Cool Art“, bevor der britische Philosoph Richard Wollheim den heute etablierten Begriff prägte. Nicole Fritz: „Sol LeWitt sagte, die Kunst der sechziger Jahre müsse ohne Emotionen auskommen. Deshalb wurde die Minimal Art von feministischer Seite her stigmatisiert und die Postminimal Art als weiblicher, humaner betitelt.“

Mit „Cool & Sexy“ möchte Nicole Fritz diese Sichtweise überwinden. Sie möchte Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart zeigen, die sich auf die Minimal Art amerikanischer Prägung beziehen, deren vermeintlich kühle Ästhetik jedoch um Emotionen, Sinnlichkeit bereichern - „Eine inhaltliche, haptische Aufladung, eine körperlich sensitive Erweiterung der Formel.“

„Minimal“, sagt Fritz weiter, „wurde als kühle reduzierte Formensprache rezipiert. Die Künstler selbst wehren sich oft gegen diesen Begriff, wollten nicht in die Schublade. Ihnen ging es auch um eine Utopie, um den Körper des Betrachters, seine Wahrnehmung. Dieser anthropologische Charakter der Minimal Art wurde nicht vermittelt, sie wurde zu schnell vom Kunstmarkt vereinnahmt. Seit den 1990ern reflektieren wir den Körper wieder in der Kunst.“

Besucher wollen in die Kunst mit hineingenommen werden

Mit leichter Hand fast knüpft Nicole Fritz ihre Themenfäden, weitet den Blick auf das Museum, den Markt der Kunstvermittlung, ihre Strategien, ihre Pläne für Tübingen. „Die Besucher wollen auch mit in die Kunst hinein genommen werden, vielleicht zum Denken angeregt werden, in Kommunikation mit anderen treten.“ Kann dies mit begründen, weshalb viele Museen und Ausstellungshäuser heute von Frauen geleitet werden? Nicole Fritz ist skeptisch, sagt aber: „Wir verändern das Museum auf andere Art. Wir setzen vielleicht einen größeren Schwerpunkt auf die Vermittlung. Wir stellen andere Künstler aus.“

Museum hat an Bedeutung gewonnen

Ein Schwinden gesellschaftlicher Anerkennung für das Museum hat sie dabei nicht bemerkt – im Gegenteil: „Das Museum hat an Bedeutung gewonnen. Es ist ein ­Freiraum, in dem wir alles denken können, ein Marktplatz der Begegnung. Das lassen wir uns nicht nehmen.“ Das Publikum, im Vortragssaal der Staatsgalerie sehr reichlich erschienen, spendet ihr Applaus.

Als Direktorin des Kunstmuseums Ravensburg initiierte Nicole Fritz einen Jugendkunstclub, in dem Kurzfilme entstanden, die sich mit Werken der Peter-und-Gudrun-Selinka-Stiftung, Grundstock der Ravensburger Sammlung, beschäftigten. Einige sind nun bei „Über Kunst“ zu sehen, antworten den Kunstwerken mit aktueller Trailer-Ästhetik – für Nicole Fritz ein unbedingt erlaubtes Vorgehen.

Studierende als Publikum gewinnen

Und doch wird es nicht ausreichen, um eine gerade in Tübingen enorm große mögliche Besuchergruppe für die Kunsthalle zu begeistern: die Studierenden. Nicole Fritz setzt hier im ersten Schritt auf Analyse. Studierende der Dualen Hochschule Ravensburg erforschen zwei Semester lang spezielle ­Erfordernisse der Kunstvermittlung. Diese dürften gerade in dieser Zielgruppe mit digitalen Angeboten verbunden sein. Doch Fritz macht zugleich deutlich: „Das Potenzial eines Kunstmuseums, eines Ausstellungsforums“, sagt sie, „ist das Original. Man soll es mit allen seinen Sinnen, seiner Intuition aufnehmen, mit ihm in Resonanz gehen und nicht mit dem Smartphone vor einem Bild stehen.“

Bildkenntnis wappnet gegen Manipulationen

Und wie hält es Nicole Fritz mit dem Politischen als Grundkonstante der internationalen Gegenwartskunst? „Kunst“, sagt Nicole Fritz, „hat viele Facetten. Ich kann nicht einfach etwas ausblenden, das zur Kunstlandschaft gehört. Aber wenn ich gesellschaftliche Themen aufgreife wie das Verhältnis der Menschen zum Tier oder zur Natur und mehr als 3000 Jugendliche besuchen diese Ausstellungen, dann unterrichte ich von klein auf eine Bildkenntnis, die wappnet – wappnet gegen die Manipulationen, denen wir heute im Internet ausgesetzt sind.“ Fritz betont: „Es ist ein politischer Akt, den Menschen wieder in den Mittelpunkt zu stellen.“

„Überspannt, wenn Bilder abgehängt werden“

Bei all dem bleibt Nicole Fritz einer kunsthistorischen Perspektive verpflichtet, bezieht sich auf Aby Warburg, der in der Kunst den Ausdrucksschatz der Menschheit sah, über Jahrhunderte gesammelt, aus der Distanz erschließbar. Deshalb auch hält sie, die sich so sehr dafür interessiert, der Kunst ihre emotionale Seite zurückzugeben, Abstand zu eiligen Handlungen der vergangenen Monate: „Ich finde es überspannt, wenn Bilder abgehängt werden“, sagt sie. „Werke spiegeln das Denken und Fühlen einer Epoche wieder. Wir können doch nicht aus unserer heutigen Sicht auf das Werk schauen und es abhängen, weil es nicht mehr passt.“

Die Kunsthalle Tübingen – Ort der Resonanz mit allen Sinnen

Ein Fazit? „Die Kunsthalle Tübingen“, sagt Nicole Fritz, „ist ein Ort mit großem Potenzial, ein Ort der Resonanz mit allen Sinnen. Die Kunsthalle ist die Sonnenterrasse Tübingens. Jeder Stuttgarter sollte sich das einmal ansehen, wenn hier dicke Luft ist“. Dabei lacht Nicole Fritz noch einmal – einnehmend, viel versprechend, optimistisch und begeisternd.

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