Das Technische Rathaus in Freiburg hat zwei Preise für seinen klimapositiven Charakter bekommen. Foto: privat/HGEsch, Hennef

Im Herbst 2019 hat die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen erstmals elf Projekte ausgezeichnet, die der Umwelt eher nutzen als schaden. Darunter ein Bauwerk von Drees & Sommer aus Stuttgart. Nun wollen die Ingenieure nachlegen.

Vaihingen - Das Klima zu schützen, das schreiben sich immer mehr Menschen auf die Agenda. Seien es Privatleute, Politiker, Einrichtungen oder Firmen – eines ihrer Ziele ist es, möglichst wenig des klimaschädlichen Treibhausgases CO2 auszustoßen. Dabei fällt immer wieder der Begriff klimaneutral. In Deutschland bringt es der Durchschnitt auf einen rechnerischen CO2-Fußabdruck von knapp zwölf Tonnen im Jahr. Wer da den Anspruch hat, klimaneutral zu werden, legt die Messlatte hoch. Ein im Vergleich dazu unerreichbar klingendes Ziel ist es, klimapositiv zu werden. Den Bauingenieuren von Drees & Sommer mit Sitz in Stuttgart-Vaihingen ist dies beim Bau eines Gebäudes gelungen: dem Technischen Rathaus in Freiburg. Dafür hat das Büro – zusammen mit der Stadt Freiburg und den Ingenhoven-Architekten – 2019 den Preis der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen bekommen und 2018 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis. Doch wann ist ein Gebäude eigentlich klimapositiv?

Was heißt klimapositiv?

Das hat freilich mit der CO2-Bilanz zu tun. Wie sich diese bei einem Gebäude darstellt, wird von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) differenziert. Es komme darauf an, „ob man nur das Gebäude in seinem aktuellen Betrieb betrachtet oder die Treibhausgasemissionen, die im Zuge der Konstruktion entstehen, mit einrechnet“, erklärt Felix Jansen für die DGNB. „Rechnet man die Emissionen aus der sogenannten grauen Energie, die während der Konstruktion verbraucht wird, mit ein, hat ein Gebäude in gewisser Weise einen CO2-Rucksack.“ Der könne im Laufe der Zeit über die Eigenerzeugung von Energie kleiner werden. „Wenn die Bilanz null oder kleiner null ist, ist die Klimaneutralität erreicht“, so Jansen. „Um auszudrücken, dass ein Gebäude damit einen positiven Beitrag für den Klimaschutz leistet, verwendet die DGNB hierfür den Begriff klimapositiv.“

Wie wurde das beim Technischen Rathaus in Freiburg umgesetzt?

Das Technische Rathaus in Freiburg hat zwar diesen Rucksack, von dem Jansen spricht. Doch es ist trotzdem ein Leuchtturmprojekt für Drees & Sommer, sagt der Geschäftsführer Professor Michael Bauer. Ein herkömmliches Gebäude sei beim Bau und später beim Unterhalt „immer eine Belastung für die Umwelt“, erklärt Bauer. „Wir haben uns gefragt: Können wir das nicht umdrehen?“ Das Haus müsste mehr Energie produzieren, als es verbraucht.

Beim Freiburger Rathaus – die Eröffnung war im November 2017 – ist dies mit einer Kombination aus Solarenergie, Solarthermie und Geothermie gelungen. Das Gebäude ist ein Oval und hat sechs Etagen, die meisten sind Büros, im Erdgeschoss erledigen Bürger Behördengänge. Das Dach ist gespickt mit Fotovoltaik, ebenso rund die Hälfte der Fassade, auf die laut einer Studie das Gros an Sonnenstrahlen fällt. Mit der Solarenergie wird unter anderem die Wärmepumpe für die Geothermie betrieben. Im Sommer wird das Gebäude so übers Grundwasser gekühlt, im Winter beheizt. Die Decken der Räume sind mit Wasserleitungen durchzogen, wie Adern schlängeln sie sich durchs gesamte Bauwerk.

Das Rathaus produziert das, was es für Heizung, Klimatisierung und Beleuchtung braucht, selbst. Für die Computer, Drucker, die sonstigen Geräte, die Kantine oder das Rechenzentrum kauft die Stadt Freiburg allerdings grünen Strom. Trotzdem bewegt sich das Technische Rathaus in seiner Energiebilanz im Plusbereich. Denn übers gesamte Jahr gesehen, speist es mehr grünen Strom ins Netz ein, als es verbraucht. So würde der graue Strom automatisch anteilig aus dem Netz verdrängt, erklärt Bauer.

Gibt es weitere Beispiele für klimapositive Gebäude?

Im Oktober 2019 hat die DGNB erstmals elf Pilotprojekte als klimapositiv ausgezeichnet. Damit wolle man ein Signal an Politik und Immobilienwirtschaft senden, was alles schon möglich sei, erklärt Jansen – und zwar nicht nur bei Einfamilienhäusern, sondern auch bei Nutzgebäuden. Die Übersicht steht unter www.dgnb.de. darunter befindet sich auch das sogenannte Eisbärhaus in Kirchheim/Teck.

Plant Drees & Sommer weitere klimapositive Gebäude?

Das nächste klimapositive Gebäude von Drees & Sommer befindet sich aktuell im Bau. Es handelt sich dabei um ein firmeneigenes Bürogebäude an den Waldplätzen in Vaihingen. Zum Einsatz kommen sollen ähnliche Techniken wie in Freiburg, wenn auch leicht abgewandelt.

Warum wird nicht nur noch klimapositiv gebaut?

Klimafreundlich zu bauen, sei nicht automatisch teurer, sagt Michael Bauer von Drees & Sommer. Das Problem sei aber, dass der Bauherr nicht immer der Nutzer sei, „das führt dann zu Interessenskonflikten“. Denn der finanzielle Vorteil werde über den Betrieb reingeholt. Beim Rathaus in Freiburg habe man berechnet, dass sich der Bau nach acht, neun Jahren amortisiert habe. „Dann verdienen Sie Geld damit.“ Da hier die Stadt Bauherr und Nutzer ist, geht das Konzept auf. Trotzdem bestätigt Bauer, dass das Thema nachhaltiges Bauen wichtiger werde. „Wir schlagen unseren Kunden auf jeden Fall viel in diese Richtung vor“, sagt er.

Erkennt man einen Trend zum nachhaltigen Bauen?

Von einem Trend würde die DGNB nicht sprechen. Aber: „Es ist ein wichtiger, längst überfälliger Schritt, dass sich jeder Bauherr, Betreiber und Nutzer mit dem Einfluss seines Gebäudes aufs Klima auseinandersetzt und sich sukzessive verbessert“, sagt Jansen. Fakt ist, es tut sich einiges. So kommt zum Beispiel auch die digitale Bauweise vermehrt auf. Sie könnte alles effizienter und damit nachhaltiger machen. So haben Forscher der Uni Stuttgart für die Bundesgartenschau 2019 einen Faserpavillon entworfen. Der entstand per robotischem Wickelverfahren, bei dem keine Abfälle anfallen. Zu diesen neuen Bauweisen gehören auch Fertigungen aus dem 3-D-Drucker. Allerdings steckt all das noch in den Kinderschuhen.

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