Eine Wildtierkamera an der Autobahn Foto: privat

Ob ein in Flacht gerissenes Reh auf den fotografierten Wolf zurückzuführen ist, bleibt unklar. Aus einem bestimmten Grund sehen die örtlichen Jäger aber keinen Anlass zur Sorge.

Ein Wolfnachweis in Rutesheim? Kein Grund zur Aufregung, sagt Thomas Philippin. Er ist Hegeringleiter für den Kammerforst, zu dem neben Leonberg auch Weissach und Rutesheim gehören – und damit auch der Bereich nahe der Kraxlalm, an der am 2. April ein Wolf in eine Fotofalle getappt ist.

 

Im Kreis Böblingen ist es der erste gesicherte Wolfsnachweis, seitdem vor fast genau einem Jahr ein gerissenes Reh bei Schafhausen per genetischer Testung einem Wolf zugeordnet werden konnte. Die Wildkamera, die jetzt den Wolf abgelichtet hat, befand sich in unmittelbarer Nähe zur Autobahn.

Kein Grund zur Panik

Schon vor der offiziellen Meldung des Landesumweltministeriums war in den sozialen Netzwerken ein Schreiben kursiert, auf dem die Rutesheimer Jägerschaft über den Fotofund informierte. „Vermutlich ist es ein sehr junger Wolf, welcher in ruhigere Gebiete weiterzieht“, heißt es darin. Mit dem Text habe man „keine Panik machen, sondern aufklären“ wollen, bestätigt Johannes Aehling, der im Rutesheimer Revier als Jäger unterwegs ist und den Flyer verfasst hatte. Aufregung und Angst? Nicht nötig, sagt er. „Dafür sehen wir gar keinen Anlass“, so Aehling. Es müsse keiner zuhause bleiben, man könne ganz normal spazieren gehen. „Wie jedes andere Wildtier auch, hat der Wolf in der Regel Angst und haut ab“, so der Jäger. Der Informationsvorstoß der Jäger hat scheinbar funktioniert: Bisher sei es seitens der Bevölkerung ruhig geblieben, sagt Aehling. Auch das Landratsamt hatte vermeldet, dass es sich bei dem abgelichteten Wolf vermutlich um ein durchziehendes Einzeltier handle.

Auch andere Tiere können Wild reißen

Bereits vor Ostern war im Weissacher Ortsteil Flacht ein gerissenes Reh gefunden worden. Dass dieser Vorfall zum Wolfsfoto passe, berichteten auch die Jäger in in ihrem Schreiben. Eine Genanalyse des gerissenen Tiers habe es allerdings nicht gegeben. „Es kann auch einfach nur ein Zufall sein“, sagt Aehling zu dem Fund. Im vergangenen Jahr habe in Rutesheim etwa ein Hund ein Reh gerissen.

Dass das immer wieder vorkommt, bestätigt auf die Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) mit Sitz in Freiburg. Werden Hinweise auf einen Wolf gefunden, also etwa gerissene Tiere oder Bildmaterial, kümmert sich die FVA um die Analyse dieser Hinweise. „Grundsätzlich erbeuten neben Wölfen und Luchsen auch Hunde und Füchse oder Goldschakale Wildtiere wie Rehe“, heißt es auf Nachfrage von der FVA. „Die Zahl der durch Hunde getöteten und verletzten Wildtiere wird vermutlich stark unterschätzt.“ Obendrein seien nicht alle tot aufgefundenen oder verletzten Tiere auch wirklich auf einen Riss zurückzuführen. „Todesursachen für Wildtiere gibt es viele“, so die FVA. Füchse, Wildschweine, aber auch Dachse oder Vögel würden die verendeten Tiere dann als einfache Option der Nahrungsaufnahme nutzen. Geht ein Rissverdacht bei der FVA ein, wird also erst einmal genau hingeschaut – etwa, ob Bissspuren vor oder nach dem Tod entstanden sind.

In Rutesheim geht man in Beobachtungsstatus über

Gemeldet werden der FVA zunehmend mehr Hinweise, heißt es von der Einrichtung. Seit Anfang des Jahres gingen 345 Meldungen mit Wolfsverdacht ein, nur 33 davon waren schließlich auch gesicherte Wolfsnachweise. Von 55 gemeldeten toten Wildtieren mit Rissverdacht ergab keines einen sicheren Nachweis auf den Wolf. Dass die Zahl der Meldungen, aber auch der sicheren Wolfsnachweise stetig zunimmt, liegt laut FVA einerseits an der Ausbreitung der Wölfe in Europa. Andererseits nehme die Sensibilität in der Bevölkerung in Regionen, in denen der Wolf lange kein Thema war, zu. Dadurch ausgelöst werden meist auch weitere Meldungen. Und dort, wo sich Wölfe niederlassen und Territorien etablieren – aktuell hauptsächlich im Schwarzwald –, sorge ein aktives Monitoring dafür, dass mehr Hinweise und Nachweise registriert werden. Außerhalb des Schwarzwalds wurden in Baden-Württemberg bisher ausschließlich durchziehende Einzelwölfe nachgewiesen.

Ein solcher Einzelwolf war es wahrscheinlich auch, der in Rutesheim fotografiert wurde. Wie weitermachen mit dieser Erkenntnis? „Beobachten“, sagt Johannes Aehling. In Rutesheim hat man die Wildtierkameras noch einmal aufgestellt, ebenso in den benachbarten Revieren.