Museumsfachmann zum Wilhelmspalais in Stuttgart Kritik an der Architektur des Stadtmuseums

Von Josef Schunder 

Jan Vaessen im künftigen Stadtmuseum, das üppige Ausblicke bietet, den Ausstellungsmachern ihre Aufgabe aber nicht leicht macht. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Jan Vaessen im künftigen Stadtmuseum, das üppige Ausblicke bietet, den Ausstellungsmachern ihre Aufgabe aber nicht leicht macht. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der renommierte Museumsfachmann und Architekturliebhaber Jan Vaessen findet die Wilhelmspalais-Räume unbrauchbar für museale Zwecke. Wir erklären, warum er das so sieht.

Stuttgart - Bisher löste er nur Zustimmung, ja, fast Euphorie aus: der Komplettumbau im Inneren des Wilhelmspalais’. Rund vier Monate nach der Fertigstellung und rund drei Monate vor der Eröffnung des neuen Stadtmuseums kommt jetzt aber erstmals scharfe Kritik an der Arbeit des Architekturbüros Lederer, Ragnarsdóttir, Oei: Die Räume seien für museale Zwecke unbrauchbar. Wenn man sie dennoch dafür nutze, mache man die schöne Architektur völlig kaputt. Die Dominanz der Gestaltung und die Strenge des Stylings seien vielleicht noch mit einem Kunstmuseum kompatibel, bei einem historischen Museum jedoch „vollkommen fehl am Platz“. Das sagt ein Museumsfachmann und Architekturliebhaber. Es ist Professor Jan Vaessen, der ehemalige Direktor des Nederlands Openluchtmuseum in Arnhem, eines ambitionierten und geachteten Freilichtmuseums.

Hoher Preis für die Verkleidung der Innenwände

Vaessen spricht ohne irgendeinen Auftrag, aber mit der Leidenschaft des interessierten Museumsmachers und begeisterten Architekturliebhabers, der im Ruhestand in Fellbach wohnt und landauf, landab Museen durchstreift. Voller Erwartungen besuchte er auch das „radikal transformierte Wilhelmspalais“. Das Resultat: „stark gemischte Gefühle“. Die Einpassung des Objekts in die Stadt und in die bestehenden Strukturen sei dem Büro Lederer wieder einmal „mehr als gelungen“, lobt Vaessen. Und er spricht von einer „absoluten Bereicherung für die Qualität unserer städtischen Umgebung“. Begeistert hat ihn, wenn man die künftige Funktion des Hauses einmal außen vor lasse, die formale Gestaltung, wenngleich die hölzerne Strenge auf Dauer nervenbelastend sein könne.

Doch für die Verkleidung der Innenwände mit Birkenholz muss nach Vaessens Urteil ein hoher Preis bezahlt werden. „Man kann, darf und will da nichts hängen.“ Ein historisches Museum verlange aber – anders als ein Kunstmuseum – buchstäblich Freiräume. Es müsse Geschichten erzählen, inszeniert mit schwarzen Räumen und Kunstlicht. Das schreie nach Räumen, die nicht zwingend Aufmerksamkeit für sich fordern. Kurzum: Die Architektur, die nur dienende Funktion haben solle, werde den Erfordernissen dieses Museums nicht gerecht. Was unter Umständen an mangelnden Vorgaben der Bauherrin Stadt liegen könnte.

Vaessen ist auch nicht entgangen, dass manche Elemente der Planung dem ebenfalls vom Büro LRO entwickelten Konzept für den Hospitalhof entnommen sind, wenngleich sie etwas anders eingesetzt werden. Damit sind die Birkenholzklappen gemeint, die wie Flügel unter den Oberlichtern des Sonderausstellungssaals hängen und ausgeklappt den Lichteinfall verhindern können. Sie sind ein Paradebeispiel, aber nicht das einzige Beispiel dafür, wie die neue innere Schatulle des Wilhelmspalais mit ästhetischen, schön gearbeiteten Details die Aufmerksamkeit des Architekturkonzepts einfordert. Vielleicht, deutet Vaessen an, seien die hervorragenden Architekten doch etwas zu selbstverliebt mit diesem Auftrag umgegangen. Das sei l’art pour l’art, Kunst um der Kunst willen.

Lederer verteidigt Museumsplanung

„Die Kritik habe ich so noch nicht gehört“, kontert Arno Lederer, der als Architekt mit großem Sinn für die Einordnung der Gebäude in den Stadtraum gilt und mit seinem Büro Stuttgart zunehmend prägt. Die Museumsplanung verteidigt er entschlossen, und zwar nicht nur die pragmatische Entscheidung, die Technikstränge zwischen den Innenwänden und der Birkenholzverkleidung zu platzieren statt unter den Decken, damit man eine Etage mehr im Wilhelmspalais unterbrachte. „Es ist schon ein Konzept dahinter“, versichert er.

Das Wilhelmspalais sollte innen im Stile des Hofbaumeisters Salucci wiedererfunden und räumlich konfiguriert werden, mit den Sichtachsen, die quasi durchs Haus verlaufen, und mit den offenen Ausblicken. Dem letzten klassizistischen Palais in Stuttgart die Fenster innen zuzubauen, brachten Lederer und seine Kollegen nicht übers Herz. Im Gegenteil: Sie drehten den Spieß um und bauten in ihr Konzept die Fenster wie Vitrinen ein, in denen der Ausstellungsgegenstand in seiner realen Form präsentiert wird. In diesem Museum werde ja über die Stadt berichtet, sagt Lederer, daher sei es doch schön, durch die Fenster die Stadt zu sehen. Schließlich sei es ja nicht um den Einbau einer Geisterbahn gegangen.

Das Innere mit Wänden auszustatten, die man nutzen und immer wieder streichen könnte, habe man zwar diskutiert, aber auch verworfen. „Das schien uns nicht der richtige Umgang mit dem Wilhelmspalais zu sein.“ Lederer räumt ein, dass man bei einem Museumsneubau auf der grünen Wiese vielleicht anders verfahren würde. Spezialisten aus dem Museumsbereich hätten einen speziellen Blick, die Architektur stehe allerdings für „Generalistentum“. Das Konzept habe man im Übrigen „unglaublich sorgfältig besprochen“, unter anderem mit einem Beirat und der für die Museologie zuständigen Agentur jangled nerves. Museumsleute, Fachbegleiter und Stadträte seien immer einverstanden gewesen.

Und was sagt Torben Giese? Der Gründungsdirektor des Stadtmuseums will all dem nichts hinzufügen. Er freut sich vor allem über eines: dass die Stuttgarter sich so sehr mit dem umgebauten Wilhelmspalais identifizieren.

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