Stadtmuseum im Wihelmspalais in Stuttgart Neuer Direktor sieht sich als „Popularisierer“

Von Josef Schunder 

Ein Haus, das gute Aussichten eröffnet: Direktor Torben Giese vor dem künftigen Stadtmuseum Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Ein Haus, das gute Aussichten eröffnet: Direktor Torben Giese vor dem künftigen Stadtmuseum Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Der Gründungsdirektor will das Wilhelmspalais zu einem Haus machen, das „brummt“. Trotzdem hat er Respekt vor dem Auftrag, mehr als 100 000 Besucher pro Jahr zu gewinnen.

Stuttgart - Anja Dauschek ist weg. Die Leiterin des Projektstabs Stadtmuseum ging enttäuscht nach Hamburg-Altona. Jetzt ist Torben Giese (38) da, den die Stadt holte, um das Projekt zu Ende zu bringen und vor Jahresschluss 2017 die Türen des Museums zu öffnen und als Gründungsdirektor das Haus zu bespielen. Seit rund vier Wochen schaut er sich alles an, und er geht voller Wohlgefallen durch die Baustelle.

Aber kann das überhaupt Laune machen – so spät einzusteigen und bei Konzeption und Bau nur noch wenig gestalten zu können? Den Gedanken lässt Giese so nicht stehen. Seit er die Stelle antrat, würden das Team und er intensiv überlegen, wo und wie man dieses tolle, „super aufgestellte“ Haus noch besser machen könne.

Viel Birkenholz im Innenausbau

Übergreifend geht es da um Edutainment, also unterhaltsame Bildung. Im Obergeschoss mit der Dauerausstellung kann man auch noch über einen schmalen, sich fast über die ganze Palaisbreite erstreckenden Schlauch unmittelbar vor dem Balkon verfügen. Der war plötzlich verfügbar geworden, weil das dort vorgesehene Museumscafé von der Politik ins Erdgeschoss verlegt wurde, um unten mehr öffentlichkeitswirksame und abendfüllende Bespielung zu erreichen. Der Streifen könnte, wegen des Ausblickes, nun Schaufenster zur Stadt werden oder kreative Erholungszone für Besucher. Oder noch was anderes. Überdies, sagt Giese, sei jede Menge Gestaltung möglich beim Programm der lang vorauszuplanenden Sonderausstellungen und auch bei der Kinderetage mit Klassenraum, Spielplatz und eigenem Café im Untergeschoss. Gestaltungsspielraum gebe es ferner bei der Entwicklung des elektronischen Museumslotsens.

Der neue Direktor tigert jedenfalls gern und voller Vorfreude durch das designierte Stadtmuseum, wo der Innenausbau „weit fortgeschritten“ sei. Gewiss, beim Treppenbelag hinkt man etwas hinter dem Zeitplan her. Den hellen Birkenholzpaneelen, die der Architekt Arno Lederer den Innenwänden verordnet hat und die die früheren Betoneinbauten in die Kriegsruine Wilhelmspalais vergessen machen, begegnet man aber schon auf Schritt und Tritt. Einen genauen Eröffnungstermin wagt Giese trotzdem noch nicht vorherzusagen. Grob angepeilt ist der Herbst oder das Jahresende 2017.

Das Ziel sind 100 000 Besucher

Das Konzept fürs Museum, das ohne ihn geschmiedet worden war, hat Giese verinnerlicht. Den künftigen Betrieb sieht er im Geiste vor sich: „ein Haus, das brummt und praktisch niemals schläft“. Ein transparentes, offenes und modernes Museum, das niemanden einschüchtert. Im Gegenteil. Giese will die Leute reinziehen. Der wissenschaftliche Ansatz stehe im Hintergrund, „wir sind gnadenlose Popularisierer“. Das von der Kommunalpolitik formulierte Ziel, mehr als 100 000 Besucher pro Jahr zu bekommen, sieht er dennoch als „große Herausforderung“. Wenn es klappe, wäre man die Nummer fünf unter den deutschen Stadtmuseen. Noch dazu mit einem Betriebsbudget, das „wahrscheinlich noch etwas unter Platz fünf“ liege.

Die aufgekommene Diskussion über freien Eintritt in Landesmuseen verfolgt er mit Interesse. Das könne, sollte die Stadt darauf eingehen, „eine Option für uns sein“. Günstige Eintrittspreise seien Anreize für den Museumsbesuch. Eine Explosion der Besucherzahl zöge aber auch der Wegfall des Eintrittspreises nicht unbedingt nach sich. Schon gar nicht im Stadtmuseum, das es in Gieses Augen nicht leicht hat. „Nicht alle sind Fans von historischen Museen und von Stadtmuseen“, grämt er sich, „die Legitimität von Stadtmuseen wird anders als bei Kunstmuseen nicht automatisch vorausgesetzt.“ Man könne sich nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen.

Erste Sonderausstellung über die Konrad-Adenauer-Straße?

Anders ausgedrückt: Der Nachweis, dass das Stadtmuseum zu Recht existiert und alimentiert wird, hat für Giese höchste Priorität. Der Auftrag der Stadt, die in letzter Minute die Weichen auf mehr Veranstaltungsbetrieb stellte, auch. Die Zielgruppen des Museums seien heterogen, sagt Giese, dem werde man mit unterschiedlichen Museumselementen gerecht. Die Dauerausstellung ist eines davon, doch Giese glaubt „nicht uneingeschränkt an die Kraft der Objekte“. Er sagt: „Die Dinge erklären sich nicht von selbst.“ Also komme es auf ihre Begleitung an und auf die Sonderausstellungen.

Auf der dafür vorgesehenen Etage will Giese zwei Ausstellungen pro Jahr anbieten. Im Erdgeschoss möchte er auf einer Fläche, die Gegenstück zum Veranstaltungssaal ist, in rascherer Folge eher fünf bis sechs Sonderausstellungen. Das entspringt dem Anspruch, aktuelle Debatten in der Stadt und über die Stadt ins Museum zu holen. Vielleicht, sagt Giese, werde man zum Auftakt die Pläne ausstellen, die in Jahrzehnten für die Umgestaltung der Konrad-Adenauer-Straße als Teil eines Kulturquartiers gesponnen worden sind. Was wäre passender in einem Haus, das selbst Teil des Wandels an dieser Straße ist?

Suche nach Ausstellungsleiter beginnt

Was immer im Stadtmuseum geschehe – „es wird hier stets um Stuttgart gehen“. Geschichte, Gegenwart und mögliche Zukunft der Stadt möchte Giese „möglichst zu gleichen Teilen“ ausstellen. Allerdings weiß er auch, dass die Zukunft „schwer ausgestellt werden kann“. Viel wird auf den Ausstellungsleiter ankommen. Auch bei der Ausschreibung dieser Stelle, die nun bevorstehe, will Giese Offenheit beweisen: Der Ausstellungsleiter müsse kein Kunsthistoriker sein und kein Volkskundler. Die Qualifikation könne man auch aus anderen Bereichen mitbringen. Giese selbst hat schon Ausstellungen gemacht in Wiesbaden, wo der Bau eines Stadtmuseums „zweimal krachend scheiterte“. Dort war er zuletzt Vizechef des real existierenden Provisoriums. Schon dieser Szenenwechsel könnte seine gute Laune beim Gang durchs Wilhelmspalais erklären.

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