Skulptur des aztekischen Unterweltgottes Xolotl, der einen Maiskolben abnagt (ca. 200 n. Chr.) Foto: Museum Brot und Kunst

Warum heißt ein Kaiserbrötchen Kaiserbrötchen? Und was isst der Mensch weltweit? Das neu gestaltete Museum Brot und Kunst in Ulm bietet auf vieles Antwort. Es ist so spannend wie lehrreich.

Ulm - Es gibt Fragen, die man sich noch nie gestellt hat: Warum heißt das Kaiserbrötchen eigentlich Kaiserbrötchen? Warum nennt sich Brot mit aufgerissener Kruste Bauernbrot, und weshalb existieren bis heute Hofbäckereien? Ausgerechnet beim Brot, diesem ersten vom Menschen erfundenen Essen, werden auch jene Wissenslücken haben, die es tagtäglich essen. Wer hätte schon gewusst, dass ein Schweizer Chemiker bei seinen Experimenten mit Mutterkorn LSD entdeckte?

In Ulm kann man nun auf höchste anregende Weise Nachhilfe nehmen zu allem, was im Brot steckt. Das ehemalige Museum für Brotkulturist runderneuert und nach fast einem Jahr wiedereröffnet worden unter dem neuen Namen Museum Brot und Kunst. Die Kunst spielte schon immer eine Rolle in dem Museum, das die Unternehmerfamilie Eiselen in den Fünfzigerjahren in einem Salzstadel aus der Renaissance in der Ulmer Altstadtgründete. Sie wollten die Bedeutung des Brotes vermitteln – und auch die frisch eingerichtete Dauerausstellung macht bewusst, wie wertvoll Brot für den Menschen war und ist. Auch wenn die billigen Backshops heute anderes vermitteln, auch wenn die industrielle Produktion manche Unverträglichkeiten auf den Plan gerufen hat, so ist Brot doch ein großartiges Lebensmittel, das ein eigenes Museum mehr als verdient hat, vor allem, wenn es solch ein hoch spannendes Haus ist.

Denn die Ausstellung zur Kulturgeschichte des Brotes, die auf drei Stockwerken erzählt wird, kitzelt das Interesse der Besucher immer neu und auf vielfältigste Weise. Deshalb heißt es erst einmal Hand anlegen und mit einem 1500 Jahre alten Stein Getreide von Hand mahlen – gerade so, wie es schon die Diener taten, die eine altägyptische Skulptur verewigt hat. Man darf auch selbst ein Getreidekorn auf einer Pflanzmatte aussäen und auf einem Stäbchen seinen Namen hinterlassen. Andrea scheint die einzige zu sein, die einen grünen Daumen hatte, aus ihrem Korn ist ein zartes, grünes Hälmchen gewachsen, das auch verrät, wie mühsam der Ackerbau ist.

Am Brot schieden sich lange die Gesellschaftsschichten

Landwirtschaft, Forschung, Klima spielen in das Thema Brot mit hinein, außerdem Religion und technischer Fortschritt. So wurde das Kaiserbrötchen 1867 auf der Pariser Weltausstellung vorgestellt und international bekannt. In Wien galt als arm, wer sich keine Kaisersemmeln leisten konnte, sondern Schusterlaibeln essen musste. Am Brot schieden sich lange die Gesellschaftsschichten, Hofbäckereien backten andere Laiber als Stadtbäckereien oder Bauern. Die Ausstellung schlägt einen ungewöhnlichen wie anregenden Bogen vom Brot zum Design: Das Kastenbrot wird mit Bauhaus-Architektur in Verbindung gebracht, weil es wie diese schlicht und funktional ist und alles enthält, was notwendig ist.

Mit der Industrialisierung kehrt auch in die Backstuben die Technik ein. Knetmaschinen machen es nun möglich, größere Mengen zu produzieren für die vielen Menschen, die in die Städte ziehen. Sie sind darauf angewiesen, ihre Lebensmittel im Laden kaufen zu können – und die Lebensmittelindustrie bringt die passenden Produkte auf den Markt, ob es Zichorienkaffee ist oder Würzmittel. 1871 wird die erste Margarine-Fabrik eröffnet. Ab 1825 werden in Italien bereits die Nudeln industriell hergestellt, in Deutschland braucht es noch sechzig Jahre, bis die Erste Badische Dampf-Teigwaren-Fabrik an den Start geht. Mahlen, Rösten, Zuckern, Würzen sind die Bausteine dieser neuen Ernährung – Chemiker leisten hierbei wichtige Hilfestellung und versuchen, natürliche Prozesse künstlich zu beschleunigen. Unternehmen wie Maggi und Bahlsen gestalten nun auch ihre Produkte – es ist der Anfang von Marken, Logos und Werbung.

Wenn amerikanische Wissenschaftler heute im Auftrag der NASA Mini-Weizen züchten, so letztlich aus derselben Motivation heraus, welche die Unternehmen schon vor hundert Jahren antrieb: Es geht um die Versorgung der Städter. Der Mini-Weizen, der in dem Ulmer Museum in einem kleinen Gewächshaus grünt, soll eines Tages in Gewächshochhäusern gedeihen mit minimalem Wasser- und Energieverbrauch und vor allem in Stadtnähe, um die Transportwege zu verkürzen. Denn mit dem Thema Brot ist auch die Energie- und Ressourcenfrage verknüpft, wie die Ausstellung vorführt. Ein Europäer verbraucht 4000 bis 5000 Liter so genanntes virtuelles Wasser, das für die Herstellung der von ihm konsumierten Artikel eingesetzt werden muss. Einen stattlichen Anteil am Verbrauch haben Bananen, Avocados, T-Shirts und Smartphones.

Die alten Ägypter gaben ihren Toten Getreidekörner mit auf den Weg

Die Sammlung der Familie Eiselen, die sich heute in einer Stiftung befindet, besteht aus inzwischen 20 000 Objekten, darunter auch religiöse Malerei, eine geschnitzte Abendmahlszene aus Tirol oder auch ein kleiner Osiris-Sokar-Sarkophag, der 600 vor Christus in Ägyptern entstanden ist. In ihm gab man dem Toten einige Getreidekörner mit auf den Weg. Manches Objekt würde man nicht unmittelbar in einer Ausstellung über Brot vermuten, etwa die Keksrollen, die der Künstler Thomas Rentmeister zu einer Pyramide gestapelt hat oder das witzige Video, in dem der Künstler Christian Jankowski im Supermarkt wie die Jäger von einst mit Pfeil und Bogen die Waren erlegt. Doch es sind eben diese überraschenden Querbezüge, welche die neue Dauerausstellung so sehenswert und anregend machen und die Themen mitunter auch gegen den Strich bürsten. So mag man von Backshops mit billigster Aufbackware halten, was man mag, letztlich sind sie eine Errungenschaft der Demokratie, weil das konfektionierte Standardbrötchen aus der Fabrik für alle erschwinglich sein soll.

„So isst der Mensch“ nennt sich eine Fotoserie von Peter J. Meusel, der Familien auf der ganzen Welt mitsamt ihren Speisen fotografiert hat. In Bhutan kommt fast nur Frisches auf den Tisch, in Japan sind sämtliche Speisen in Plastik eingeschweißt, und in Mali bescheiden sich die Menschen mit wenigen großen Säcken voller Körner. Hier kommen allerdings die Skulpturen von Katharina Fritsch ins Spiel: Ihre großen, schwarzen Mäuse erinnern an jene Wesen, die immer schon die liebsten Besucher der Kornkammern und Backstuben waren.

Ausstellung Montag 10– 15 Uhr, Di, Do–So 10 bis 17 Uhr, Mi 10–19 Uhr, Salzstadelgasse 10

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