Im Mai 2016 waren die ersten Container fertig, jetzt erst sind sie bezogen worden. Foto: Haas

Nach mehr als einem Jahr Leerstand wird in Tübingen die teuerste Erstaufnahmeeinrichtung des Landes eröffnet. Sie ist für besonders schutzbedürftige Frauen und ihre Kinder vorgesehen, die ersten Bewohner sind Anfang der Woche eingezogen.

Tübingen - Die Tübinger Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge ist ein Bau der Rekorde: Sie stand mehr als ein Jahr lang leer. Sie ist mit elf Millionen Euro Baukosten die teuerste im Land und damit extrem „unwirtschaftlich und nicht nachhaltig“, wie der baden-württembergische Rechnungshof moniert. „Die Maßnahme in Tübingen kostete 44 000 Euro je Platz, also mehr als zehnmal so viel wie andere Unterbringungen“, ist in der aktuellen Denkschrift zu lesen.

Und die rot-grauen Containerbauten sollen in spätestens zehn Jahren wieder abgerissen werden, weil sie mit ihrer Minimalausstattung nicht für eine Weiternutzung etwa als Wohnungen für Studenten geeignet sind. Es gibt weder Steckdosen in den Zimmern noch Kochmöglichkeiten. Lange war überdies unklar, ob aufgrund der rückläufigen Flüchtlingszahlen der Neubau überhaupt benötigt werden würde. Das sind die schlechten Nachrichten.

Die gute Nachricht lautet: In dieser Woche sind 44 Frauen und Kinder aus Somalia, Syrien, dem Irak und Eritrea in die Module auf den Mühlbachäckern eingezogen. Sie wurden aus den Erstaufnahmeeinrichtungen Heidelberg und Meßstetten umgesiedelt. Etliche weitere Bewohnerinnen sollen bald folgen. „Welcome“ steht auf dem Zaun, der die Anlage umgibt und an das Tübinger Behördenzentrum grenzt. Auf die Krone aus Nato-Stacheldraht, eigentlich Vorgabe des Musterraumprogrammes für Erstaufnahmeeinrichtungen, ist mit Genehmigung des Innenministeriums verzichtet worden. Auf dem gepflasterten Vorplatz kurven die ersten Roller und Bobbycars, die Kinder haben das Gelände sofort in Beschlag genommen.

Lange war unklar, ob aufgrund rückläufiger Flüchtlingszahlen der Neubau benötigt würde

Für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge ist der Neubau in Tübingen vorgesehen, das wurde durch den Ministerrat im vergangenen Dezember entschieden. „Der Betrieb läuft, es klappt alles bestens“, sagt Marco Rigano, der stellvertretende Leiter der Einrichtung, die an diesem Freitag offiziell eröffnet wird. Bis zu 250 Plätze gibt es im Regelbetrieb, auf bis zu 500 kann bei Bedarf aufgestockt werden.

Für ausgesprochen sinnvoll hält Rigano, die Unterbringung der oft traumatisierten alleinreisenden Frauen und Kinder in einer eigenen Unterkunft. „Sie können sich so frei bewegen“, sagt Rigano. Er kennt Einrichtungen, in denen sich Frauen kaum trauten, ihre Zimmer zu verlassen – aus Angst, von Männern bedrängt zu werden.

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