Kaum gebaut, schon wird über einen Abriss gesprochen: die Tübinger Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge dient als Reserveunterkunft. Foto: www.mauritius-images.com

Nachhaltig bauen sieht anders aus: Bei der Erstaufnahmestelle in Tübingen ist an der falschen Stelle gespart worden, kommentiert Christine Keck. Ohne weiterzudenken, wurde in ein Hauruck-Projekt investiert, das durch seinen Leerstand zur Farce wird.

Tübingen - Wer unter zu großem Zeitdruck entscheidet, vergisst zu denken. So muss es beim Bau der Tübinger Erstaufnahmestelle gewesen sein. Schnell und so kostengünstig wie möglich wurden innenstadtnah moderne Flüchtlingsunterkünfte für 250 Menschen errichtet. Die Mitte 2016 fertiggestellten Bauten werden aber mindestens ein Jahr leer stehen – vielleicht zieht dort niemals jemand ein. Durch die sinkende Zahl an neu ankommenden Flüchtlingen werden die Gebäude nur noch als Reserve für besonders schutzbedürftige Asylbewerber benötigt.

Keine schlechte Idee, einen Puffer zu schaffen, falls irgendwann wieder mehr Menschen in Deutschland Asyl suchen. Zumal jeder weiß, wie wenig vorhersehbar Fluchtbewegungen und deren Folgen sind. Doch es mutet an, als ob Schildbürger die Erstaufnahmestelle gebaut hätten. Sie ist mit ihrer Minimalausstattung weder für eine Zwischen- noch für eine Weiternutzung geeignet und soll in spätestens zehn Jahren abgerissen werden. Nachhaltiges Bauen sieht anders aus. Es wurde an der falschen Stelle gespart. Denn eine Elf-Millionen-Euro-Immobilie ohne Steckdosen lässt sich nicht weitervermieten. So scheiterte das Landratsamt mit seinem Plan, die Häuser für eine vorläufige Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen, die schon länger im Land sind. Und auch Tübingens Oberbürgermeisters Boris Palmer stieß mit dem Wunsch, eines Tages Studenten einziehen zu lassen und gleich hochwertiger zu bauen, auf taube Ohren. Ohne auch nur einen Schritt weiterzudenken, wurde in ein Hauruck-Projekt investiert, das durch seinen Leerstand zur peinlichen Farce wird.

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