Mal soll es auf der Heimfahrt von einem Turnier begonnen haben, dann beim gemeinsamen Fußballschauen. Seit Mittwoch steht ein Fellbacher Ex-Handballtrainer wegen Missbrauchs vor Gericht.
Als der Angeklagte in den Gerichtssaal geführt wird, wird es totenstill. Bis auf das Rattern einer Fotokamera ist nichts zu hören. Alle Blicke ruhen auf dem 53-jährigen Mann mit Baseballkappe und FFP2-Maske, der sein Gesicht hinter einem Aktenordner verbirgt. Die Zuschauerränge sind voll. Während der Staatsanwalt Punkt für Punkt die mehrere Hundert Einzelfälle umfassende Anklageschrift vorliest, beginnt eine Zuhörerin zu weinen. „Dieses Dreckschwein“, entfährt es ihr später.
Der unscheinbare 53-Jährige, der in sich zusammengesunken auf der Anklagebank sitzt, soll in seiner Funktion als Handballtrainer fast 15 Jahre lang Kinder und Jugendliche missbraucht haben. Acht von ihnen treten im Prozess, der am Mittwoch begonnen hat, als Nebenkläger auf. Als Jugendtrainer war der Angeklagte in der Region bekannt, er hatte vor allem in Fellbach die Jugendarbeit des Sportvereins geprägt und später auch bei anderen Vereinen als Trainer gewirkt. Die acht Betroffenen aus dem Prozess gehörten alle dem SV Fellbach an.
Jahrelanger Missbrauch durch ehemaligen Handballtrainer
Laut der Anklageschrift erschlich sich der 53-Jährige das Vertrauen seiner Schützlinge, suchte möglicherweise auch Nähe zu jenen, die es zu Hause nicht ganz leicht hatten. Die Taten, die ihm vorgeworfen werden, ähneln sich in den meisten Fällen. Mal sollen die intimen Berührungen auf einer Heimfahrt vom Turnier, dann wieder beim gemeinsamen Fußballschauen begonnen haben. Der Tatort soll meist die Wohnung des Angeklagten gewesen sein, teils ereigneten sich die mutmaßlichen Übergriffe im Wochenrhythmus. Oft nahm er das Geschehen auf Video auf, er soll den Jugendlichen auch Filme vom Missbrauch anderer gezeigt haben. Dann überredete er sie zu sexuellen Handlungen, meistens dazu, aneinander Hand anzulegen.
Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er sein Wissen als ausgebildeter Sozialpädagoge nutzte, um die Geschädigten zum Gehorsam zu nötigen. Manche, die sich sexuelle Nähe aufdrängen ließen, sollen mit Pornos, Geld, Sportausrüstung oder Amazon-Gutscheinen bedacht worden sein.
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Oft zog sich der mutmaßliche Missbrauch über Jahre hin, die Geschädigten waren stets männlich und oft um die 13 Jahre alt, wenn es begann. Viele der Opfer, sagte der Staatsanwalt, hätten sich geschämt und gefürchtet, auf sportlicher Ebene nicht mehr unterstützt zu werden. Falls ein Jugendlicher doch einmal den Mut aufbrachte und sich widersetzte, konnte der Jugendtrainer laut dem Staatsanwalt auch deutlicher werden. Er wolle keine Diskussionen, soll er zu einem der Betroffenen gesagt haben. „Wenn du zu mir kommst, dann wichsen wir, das ist jetzt klar“, zitiert der Ankläger den 53-Jährigen.
Für eine Überraschung sorgt dann eine Erklärung, die der Angeklagte von seinen beiden Verteidigern Svenja und Bernd Kiefer vorlesen lässt. „Ich räume sämtliche mir zur Last gelegten Sachverhalte umfassend ein“, heißt es darin. „Ich habe über Jahre hinweg das in mich gesetzte Vertrauen missbraucht, für mein Handeln übernehme ich die volle Verantwortung.“ Svenja Kiefer liest auch Worte vor, die an die mindestens acht Geschädigten gerichtet sind. „Ich bitte sämtliche Betroffenen um Entschuldigung. Ich hoffe, dass sie wieder in einen positiv gestalteten Lebensrhythmus zurückfinden.“ Auch die betroffenen Vereine, denen er Schaden zugefügt habe, wolle er um Verzeihung bitten.
Für die Opfer ist ein Auftritt vor Gericht oft schwer
Der Waiblinger Anwalt Jens Rabe, der sechs der Geschädigten vertritt, spricht von einem „Prozess mit ganz ungewöhnlichen Dimensionen“. Missbrauch begleite die Opfer oft ein Leben lang. „Das Thema Sexualität ist für sie jetzt negativ behaftet, und viele tun sich schwer, zu anderen Menschen Vertrauen zu fassen“, so Rabe. Viele Betroffene fürchteten sich auch davor, ihrem Peiniger in aller Öffentlichkeit gegenüberstehen zu müssen. Die Zeugenaussagen der Opfer, die bis auf eine Ausnahme inzwischen volljährig sind, finden daher unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. „Viele Geschädigte sind jetzt froh, dass sie nach dem Geständnis wohl nicht vor Gericht aussagen müssen“, sagt Rabe.
Der Prozess gegen den 53-Jährigen könnte durch das kurze, aber umfassende Geständnis abgekürzt werden. Einige Punkte gibt es aber dennoch zu klären, unter anderem soll ein psychiatrisches Gutachten Aufschluss über die Schuldfähigkeit des Angeklagten geben. Die Aussagen der mutmaßlichen Opfer stehen für Jens Rabe nicht in Zweifel: Der Sachverständige habe nicht den Auftrag, auch deren Aussagen auf Glaubwürdigkeit zu prüfen.
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