Er galt als Vorzeige-Jugendtrainer in Fellbach, dann kamen schwere Missbrauchsvorwürfe ans Licht. Bald beginnt der Prozess gegen den 53-Jährigen. Der Umfang der mutmaßlichen Taten ist erschreckend.
Die Vorwürfe haben viele Menschen im ganzen Land schockiert: Ein Mann, der über Jahre hinweg als Vorzeige-Jugendtrainer galt und den Handballsport in der Region mitgeprägt hat, soll mehrere seiner Schützlinge missbraucht haben. Jahrelang. Unbemerkt. Der Fall aus Fellbach im Rems-Murr-Kreis war Ende des vergangenen Jahres öffentlich geworden und hat schon damals bundesweit für Schlagzeilen gesorgt – aber erst jetzt zeichnet sich die ungeheure Dimension der Anschuldigungen gegen den 53-Jährigen ab.
Wie in jedem Verfahren gilt für den Mann die Unschuldsvermutung, vom 27. April an muss er sich am Landgericht Stuttgart verantworten. Wie unsere Zeitung erfahren hat, umfasst die Anklageschrift insgesamt 567 Einzeltaten. Die mutmaßlichen Betroffenen sind alle männlich. Einer von ihnen ist noch im Jugendalter, bei den anderen handelt es sich um junge Erwachsene – sie treten als Nebenkläger in dem Verfahren auf. Es ist möglich, dass die tatsächliche Zahl noch höher ist. Mindestens ein weiterer mutmaßlich Geschädigter soll sich erst nach Abschluss der Ermittlungen gemeldet haben.
Der Mann soll seine Position als Trainer fast 15 Jahre lang ausgenutzt haben
Die Anklageschrift umfasst unter anderem die Vorwürfe schweren sexuellen Missbrauchs, den Besitz kinder- und jugendpornografischen Materials und den Missbrauch Schutzbefohlener. Der genaue Wortlaut der Anklage ist offiziell noch nicht bekannt. Doch was aus gut informierten Kreisen zu hören ist, deutet darauf hin, dass der Mann seine Funktion als Trainer fast 15 Jahre lang ausgenutzt und bewusst Situationen geschaffen haben soll, die den Missbrauch der damals 13 bis 18 Jahre alten Handballspieler möglich gemacht haben sollen. Körperliche Gewalt soll er dazu nach bisherigen Informationen nicht angewendet haben. Stattdessen wird dem Mann vorgeworfen, auf das Schamgefühl der mutmaßlichen Opfer gesetzt zu haben, auf deren schlechtes Gewissen – und womöglich auch darauf, die mutmaßlichen Geschädigten mit der Aussicht auf sportliche Förderung manipulieren zu können.
Manipulation statt körperlicher Gewalt?
Von den Anwälten des 53-Jährigen ist zu hören, dass der Mann sich vor Gericht zu den Vorwürfen äußern wird. „Wir wollen der Hauptverhandlung inhaltlich aber nicht vorgreifen“, sagt der Rechtsanwalt Bernd Kiefer. Das Ziel der Verteidigung werde auch sein, die mutmaßlichen Opfer zu schützen und von Detailfragen möglichst zu verschonen. „Es wird aber nicht so sein, dass wir die Anklageschrift einfach abnicken. Es gibt die ein oder andere Untiefe in der Ermittlungsarbeit und in manchen Äußerungen“, sagt Kiefer.
Im Juli des vergangenen Jahres hatte sich ein erstes mutmaßliches Opfer offenbart und damit eine regelrechte Lawine an Enthüllungen in Gang gebracht. Immer schwerere Vorwürfe kamen ans Licht, weitere mutmaßlich Geschädigte trauten sich auszusagen. Seit November sitzt der 53-Jährige in Untersuchungshaft.
„Wir hoffen auf maximale Bestrafung“, heißt es aus dem SV Fellbach
Der SV Fellbach trat damals die Flucht nach vorne an. Nach einem Informationsschreiben an die Eltern schaltete der Verein im Dezember auch die Medien ein und kündigte an, die Vorwürfe umfassend aufarbeiten zu wollen. „Wir wollen wirklich alles nur Mögliche dafür tun, dass wir so einen Fall nie wieder haben“, beteuert Dieter Pfeil, der Leiter der Handballabteilung des SV Fellbach.
Im Januar hatte der Verein deswegen Jugendtrainer aus dem ganzen Handballbezirk zu einer Präventionsschulung eingeladen. Im Sommer wird es eine weitere Veranstaltung geben, bei der es darum gehen wird, Anzeichen von Missbrauch frühzeitig zu erkennen. Dieter Pfeil wünscht sich, dass der Verein durch den Prozess mit dem Fall abschließen kann – „wir hoffen auf eine maximale Bestrafung“, sagt er. Dem Gerichtsverfahren will er allerdings nicht beiwohnen: „Ich will den Mann nie wieder sehen und denke, dass er nach seiner Entlassung wohl einen Bogen um Fellbach machen wird.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Der Handballtrainer galt als Institution
Der Beschuldigte hatte in der Stadt den Ruf eines „Kümmerers“, der die Jugendarbeit im SV Fellbach maßgeblich geprägt hat. Er galt als Ziehvater vieler Spieler, die teilweise sogar in der Zweiten Bundesliga aktiv waren, und war auch in anderen Vereinen involviert. Die Ermittler haben jedoch keine Anhaltspunkte, dass es dort zu Missbrauchsfällen gekommen ist: Alle im Prozess auftretenden mutmaßlichen Opfer stammen aus dem Fellbacher Verein. Auch bei seiner Arbeit als EDV-Administrator beim Jugendamt eines Landkreises in der Region Stuttgart hatte der ausgebildete Sozialpädagoge laut unseren Informationen keinen Umgang mit Kindern oder Jugendlichen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Polizei vermutet hundertfachen Missbrauch
Der Waiblinger Anwalt Jens Rabe vertritt in dem bevorstehenden Prozess sechs der mutmaßlichen Opfer. Er nennt den Fall ein „Paradebeispiel dafür, wie sexueller Missbrauch in Sportvereinen abläuft“. Der Beschuldigte sei ein ehrgeiziger, angesehener Coach gewesen. „Aber er war auch hochmanipulativ. Und er förderte diejenigen, die sich dem Missbrauch ergeben haben.“ Der Trainer habe sich „mit gespielter Fürsorglichkeit“ ins Leben der Jugendlichen eingeschlichen, ein vermeintliches Vertrauensverhältnis geschaffen und dieses dann ausgenutzt.
Es existieren offenbar Fotos und Videos von den Taten
Der Trainer soll auch Fotos und Videos von dem Missbrauch gemacht haben. Ob diese weiterverbreitet wurden, ist unklar. Die Existenz der Aufnahmen könnte aber dazu beigetragen haben, dass es so lange dauerte, bis sich die mutmaßlich Geschädigten ihren Eltern, dem Verein und den Behörden anvertrauten. Als die Ermittler die Wohnung durchsuchten, in der der Mann mit seiner Familie lebte, fanden sie umfassendes Beweismaterial – das damals zur Identifizierung weiterer mutmaßlicher Opfer führte.
Es ist zu erwarten, dass das Landgericht für die Aussagen der Betroffenen die Öffentlichkeit ausschließt und Medien sowie Zuhörer den Saal für diese Zeit verlassen müssen. Bislang sind sieben Verhandlungstage angesetzt. Falls der 53-Jährige die Taten, die ihm vorgeworfen werden, umfassend gesteht, kann es sein, dass zumindest nicht alle mutmaßlich Geschädigten ausführlich vor Gericht aussagen müssen.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: So will der SV Fellbach den Missbrauch aufarbeiten