Der öffentliche Nahverkehr wächst, die Feinstaubdebatte ist in aller Munde, das Land wird grün-rot regiert: Trotzdem steigt die Zahl der Fahrzeugzulassungen seit drei Jahren deutlich an. Foto: dapd

Junge Leute legen mehr Wert aufs Smartphone als aufs Auto. Die Fein­staubdebatte ist in aller Munde. Der öffentliche Nahverkehr verzeichnet Zuwächse. Und doch erfreut sich das Auto einer ungeahnten Renaissance – die Zulassungen stiegen zuletzt massiv.

Stuttgart - Genau 344.462 Fahrzeuge waren zum 30. September bei der Stuttgarter Zulassungsstelle registriert – Pkw, Lastwagen, Busse, Wohnmobile, Anhänger. Alles, was auf der Straße rollt und ein Nummernschild hat. Seit dem Jahresende 2011 ist die Zahl um satte 11.000 Fahrzeuge gestiegen. Seit dem bisherigen Tiefpunkt 2009 sind es sogar 21.000. „Besonders in den vergangenen Monaten hat auch der Publikumsverkehr bei uns wahnsinnig angezogen“, sagt Frank Eggart, stellvertretender Leiter der Zulassungsstelle.

Das erstaunt nicht nur dort. „Woran das liegt, können wir nicht sagen“, wundert sich Eggart, „immerhin sind die Spritpreise hoch, und wir haben eine Feinstaubdiskussion in der Stadt.“ In den Jahren vor 2010 hatte die Zahl der Kraftfahrzeuge stetig abgenommen. Das bestätigen auch Zahlen des Statistischen Amts, die insgesamt aber etwas tiefer liegen als die der Zulassungsstelle, weil dort verschiedene Fahrzeuge herausgerechnet werden. Die Statistiker haben zudem herausgefunden, dass seit 2000 die Zahl der jungen Stuttgarter, die ein eigenes Auto besitzen, um 63 Prozent zurückgegangen ist. Wieso also der deutliche Anstieg jetzt? Es herrscht allerorten Rätselraten.

Doch es gibt zumindest vage Erklärungsversuche. „Vielleicht war bei manchen noch was im Sparstrumpf“, mutmaßt Eggart und könnte damit richtig liegen. Finanzexperten sehen Parallelen zum Immobilienmarkt. In Zeiten der Euro-Krise genießen Banken weniger Vertrauen als früher, viele Bürger investieren lieber in Sachwerte. Die Preise für Wohnungen sind deshalb zuletzt massiv gestiegen. Da ist es nicht ausgeschlossen, dass mancher sein Geld auch in vier Räder steckt. Dazu kommen eventuell Tageszulassungen von Händlern und üppige Rabatte, die viele Automobilhersteller derzeit gewähren.

Günstige ausländische Anbieter schaffen es nicht auf die Spitzenplätze

„Die Leute sehen wohl, dass sie auf der Bank wenig Zinsen bekommen“, sagt ADAC-Sprecher Reimund Elbe. Das bestätigt Rainer Kapp vom Amt für Umweltschutz: „Zweit- und Drittfahrzeuge liegen im Trend.“ Elbe hält zudem die Behauptung, junge Leute legten keinen Wert mehr auf ein eigenes Auto, für „Legendenbildung“. Ein Auto sei vielleicht nicht mehr dasselbe Statussymbol wie noch vor Jahrzehnten, sei aber nach wie vor gerade bei jungen Leuten äußerst begehrt.

Überraschend ist auch die Verteilung nach Herstellern. Günstige ausländische Anbieter schaffen es nicht auf die Spitzenplätze. Stattdessen stehen auf den Rängen eins bis fünf ausschließlich deutsche Automobilfirmen. Mercedes-Benz liegt knapp vor Volkswagen, dahinter folgen mit einigem Abstand BMW, Opel und Audi. Auch Porsche schafft es mit Platz neun noch unter die ersten zehn. Die Stuttgarter setzen offenbar zu einem guten Teil auf Premiumhersteller.

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„Schritt in die falsche Richtung“

Dass der heimische Stern dabei ganz an der Spitze glänzt, kommt dagegen nicht überraschend. „Eine sehr große Zahl der Autos wird als Firmenfahrzeuge genutzt und ist damit nicht auf Privatpersonen, sondern auf den Hersteller selbst zugelassen“, weiß Eggart. Zudem spielen die Jahreswagen vieler Mitarbeiter eine Rolle. Ähnliches gilt für Porsche: Platz neun bei den insgesamt zugelassenen Fahrzeugen dürfte der Sportwagenbauer aus Zuffenhausen wohl in keiner anderen deutschen Stadt erreichen. Bundesweit liegt VW deutlich vorn – gefolgt von Opel und Mercedes-Benz.

Beim Amt für Umweltschutz spricht man angesichts der Entwicklung von einem „Schritt in die falsche Richtung“, so Rainer Kapp. Zwar wisse man nicht, wie viel mit den zusätzlichen Fahrzeugen tatsächlich gefahren werde, grundsätzlich seien sie jedoch eine „ernst zu nehmende Konkurrenz bei der Verkehrsmittelwahl“. Die Entwicklung passe deshalb nicht in die Strategie der Stadt, den sogenannten Umweltverbund, also Mobilität per öffentlichem Nahverkehr, zu Fuß oder per Fahrrad, zu stärken. Welche Auswirkungen es für die Luftqualität gebe, könne man nicht genau sagen.

Der Stuttgarter Trend spiegelt sich in schwächerer Form auch bundesweit wider. Von Januar 2011 bis Januar 2012 stieg die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge laut Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg von 59 auf gut 60 Millionen. Zuwächse gab es besonders bei Geländewagen und Cabriolets. Mehr als die Hälfte der Fahrzeuge sind in drei Bundesländern zugelassen: in Nordrhein-Westfalen, Bayern – und Baden-Württemberg. Dort fährt die Landeshauptstadt vorneweg. Trotz Feinstaubs, guten öffentlichen Nahverkehrs und hoher Spritpreise.

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