Matthias Kelle Wie man auf Kommando weinen kann

Von Nicole Golombek 

 Foto: Sebastian Kowski
Foto: Sebastian Kowski

Matthias Kelle (27) ist im Schauspiel Stuttgart bisher für die jungen Wilden zuständig. In der nächsten Produktion wird er als Dichter auf der Bühne des Theaters im Depot stehen.

Stuttgart - Matthias Kelle (27) ist im Schauspiel Stuttgart bisher für die jungen Wilden zuständig. In der nächsten Produktion wird er als Dichter auf der Bühne des Theaters im Depot stehen. Matthias Kelle hat einen ziemlich durchdringenden Blick. Er wird stechend, wenn er die schräg stehenden Augen aufreißt und sich über das Elend der Welt erregt. Er brüllt alle Ungerechtigkeiten heraus, die ihm einfallen. Später kann er sich aber schon beim Plakatemalen nicht entscheiden, wie er seine Wut formulieren soll.

Matthias Kelle spielt den wirren Studenten in Jan Neumanns Stück "Fundament" im Theater im Depot mit enormer Energie, er hält die Waage zwischen Klamauk und Weltschmerz. Am Ende wird er sich grimmig einen Bombengürtel um den Leib binden: Er ist der Selbstmordattentäter, der in einem Bahnhof eine Riesenexplosion mit mehreren Toten verursacht.

Kürzlich hat Kelle im Schauspielhaus in Volker Löschs Gorkiadaption "Nachtasyl Stuttgart" einen gehetzten Zeitarbeiter gespielt, der gegen die Hire-and-fire-Mentalität anschreit, später wütend die vom Himmel fallenden Brote zerfetzt und in den Mund stopft. "Eine klare Position an die Leute herantragen wollte ich eigentlich nicht", sagt er zwar - doch dann ist es in "Fundament" doch wieder so gekommen. Er zuckt die Schultern, lacht. Vielleicht, weil er so etwas Widerständiges, Trotziges an sich hat. Schon in der Theater-AG, erzählt Kelle, war er in "Die zwölf Geschworenen" der Böse, der bis zum Schluss für die Todesstrafe plädierte. "Früher fand ich die Bösen interessanter. Das hat sich geändert. Die scheinbar Normalen reizen mich mindestens ebenso sehr. Jeder hat Sehnsüchte, jede Figur kann man facettenreich spielen."

Der 27-Jährige, der seit dieser Saison fest am Schauspiel Stuttgart engagiert ist, wirkt abseits der Bühne oft belustigt, abgeklärt. Nur nicht übertreiben. "Der Regisseur fand mich passend", erzählt er lakonisch, als wundere er sich fast, dass er überhaupt für einen Film infrage komme. Er spielt einen Mann, der morgens aufwacht und in seinem Zimmer eingeschlossen ist. Das an Kafkas "Verwandlung" erinnernde Ereignis bringt ihn dazu, über sein Leben nachzudenken, um am Ende einen Schlüssel zu finden, der ihn aus dem Zimmer befreit.

Bei den Dreharbeiten zu dem Film "After Hour" in Ludwigsburg wird er von Workshops bei Bibiana Beglau und Götz Spielmann profitiert haben, die er dort an der Filmakademie gemacht hat. "Siebzig Prozent der Emotion macht der Schnitt", habe ihm die Schauspielerin erklärt. "Ein leeres, konzentriertes Gesicht reicht oft schon aus."

Anstrengend ist es trotzdem, denn wie soll man schon Freude oder Eifersucht fühlen, ohne zu jubeln oder zu heulen? "Bei Spielmann ging das so: Du sitzt auf dem Stuhl, vor dir die Kamera, und sie sagt, so, jetzt zeig mir mal Angst. Ich hab da eine Menge gelernt. Schnell Emotionen herstellen, wechseln, wissen, wo Traurigkeit entsteht." Und? "Bei mir war das eher im Brustbereich. Man muss das körperliche Gefühl von Traurigkeit kennen." Dann verrät er noch einen Schauspielertrick. Wie das geht: Weinen auf Kommando. "Wenn ich gähne, kann ich schneller weinen, ich hab das eher zufällig bemerkt."

Reden über Techniken und über Handwerk sind auch eine Art, Distanz zu wahren - zu sich, zu dem Beruf, gegen den er ziemliche Vorbehalte hatte. "Ich wusste, man verdient damit nicht viel oder kann vom Spielen überhaupt nicht leben."

Er hat dann erst einmal Theaterwissenschaften und Literatur studiert, doch in Berlin kann man eben viel Theater sehen. "Ich glaube, ich hatte Racine mit Jutta Lampe gesehen. Jedenfalls habe ich gemerkt, mir reicht die theoretische Beschäftigung mit Theater nicht. Es sollte mehr sein."

Also doch Schauspieler. Der Vater, der in Berlin das Jugendtheater Theater Strahl leitet, hat eher ab- als zugeraten, dann aber doch entscheidend geholfen, dass es klappte mit der Schauspielschule. Und dabei, dass Matthias Kelle einmal mehr merkte, dass es oft anders geht, als man denkt. Der gebürtige Westfale hatte wenig Lust auf ein Vorsprechen in München an der Falkenbergschule, obwohl die mit den renommierten Kammerspielen verbunden ist. "Bayern. Fußballbonzen. Lackfabrik." Nicht so seins. "Es gab einen Schneesturm, und der Flug nach München wurde abgesagt. Mein Vater sagte, fahr trotzdem, du wirst es sonst bereuen." Also setzte er sich morgens um fünf in den Zug, sprach vor, wurde genommen.

München war dann doch ganz schön. Vor allem konnte er jeden Abend in den Kammerspielen großartige Schauspieler sehen. Sandra Hüller, Steven Scharf oder André Jung. Mit manchen hat er während des Studiums in den Kammerspielen arbeiten können, mit Sepp Bierbichler in Faldbakkens "Macht und Rebel" zum Beispiel. Da lernte er außerdem ein Idol aus Teeniezeiten kennen. Schorsch Kamerun war der Regisseur. "Bei dem war ich zum 14. Geburtstag im Konzert: Die Goldenen Zitronen in Detmold." Er lacht. "Ich mag Punk, und ich mag, wie sich die Band mit der Zeit verändert hat."

Da kann er also doch schwärmen. Auch von Schauspielern. Von Ivo van Hoves Toneelgroep Amsterdam, deren Römerdramenbeabeitung er in Zürich gesehen hat und deren Direktheit er schätzte. Oder von dem eindrücklich still leidenden Jeroen Willems, den er in Johan Simons Kieslowski-Inszenierung "Drei Farben" in München erlebte. "Da denkt man, das will ich auch können. Ich möchte mir das selbst glauben, was ich da tue." Er wird noch genügend Gelegenheit haben. Als Dichter zum Beispiel, den er am 19. Februar spielt - in Nis-Momme Stockmanns neuem Stück "Kein Schiff wird kommen" im Theater im Depot.

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