Weg mit dem Verkehr, zurück zur Vergangenheit. Das eint alle Pläne Foto: red

Eine Diskussion über Studentenentwürfe wird zur Generalabrechnung mit der Baupolitik.

Leonhardsviertel - Hier lernt selbst der Herr Professor noch dazu, wenn auch ungern. „Was mich deprimiert, ist die Unbeweglichkeit“, sagt Horst Sondermann, aber „ich finde das lehrreich“. Sondermann moderiert im Gustav-Siegle-Haus eine Runde, die sich mit der Stadtmitte der Zukunft befasst. Ansonsten lehrt er an der Hochschule für Technik Architektur. In der Diskussion hat er gelernt, wie politische Prozesse die Stadtplanung verhindern.

Seine Studenten haben sich monatelang mit der Frage befasst, wie das Bohnen- und das Leonhardsviertel aussehen könnten, wenn das Züblin- und das Breuninger-Parkhaus abgerissen wären. Unbeweglich steht vor allem das Letztere. Ein Abriss des Betonungetüms ist aus stadtplanerischer Sicht selbstverständlich wünschenswert, aber dass Breuninger seine Teilnahme an der Veranstaltung abgesagt hat, gleicht einer Botschaft. Das Unternehmen hegt keinerlei Absicht, die Garage aufzugeben. Und „ich sehe keine Chance, dass wir das in absehbarer Zeit ändern“, sagt Veronika Kienzle, die Bezirksvorsteherin der Stadtmitte. Breuninger hat ein so gut wie unbefristetes Recht auf seine Parkplätze vor der Kaufhaustür. Das Züblin-Parkhaus wird aufgegeben, allerdings erst, wenn die Studenten im Raum die Hochschule längst verlassen haben: im Jahr 2020. Sondermann murmelt etwas von „den unveränderlichen Rechten des deutschen Autofahrers“.

Eben die würden die Studenten gern beschneiden. Und zwar drastisch: Am weitesten geht ein Konzept, dessen Erfinder vorschlagen, die Hauptstätter Straße zu fluten. „Wassermeile Stuttgart“ haben sie ihren Plan benannt. Mit Blick auf einen Fluss lebt es sich angenehm. Das ist der Grundgedanke. Vergleichbares gilt für die anderen Entwürfe. Sie sind nicht am Wohle von Investoren orientiert oder an dem von Autopendlern, sondern am Wohl der Bewohner des Stadtviertels.

„Im Bohnenviertel fühle ich mich wie daheim“

Zwei andere Arbeitsgruppen gehen für ihre Entwürfe davon aus, dass die äußeren Spuren der Bundesstraße zu Gunsten des städtischen Lebens geopfert werden, zudem Tempo 30 gilt. In ihren Neubauten wollen die Studenten großstädtisches Leben moderner Fasson verwirklichen: das Nebeneinander von Wohnen und Arbeiten, das Miteinander der Generationen unter einem Dach. Die Entwürfe sind grundrissgenau, sie enthalten Details bis hin zum betreuten Wohnen für Alleinerziehende und einem Gymnastikraum.

Gewissermaßen geht es den Studenten um eine Rückkehr zu Tugenden der Vergangenheit. Die Hauptstätter Straße gibt es seit Jahrhunderten, aber nicht „als Ungetüm“, wie Sondermann es formuliert. Sie ist ein Relikt der Zeit, in der Städte autogerecht geplant wurden, durchaus mit Zustimmung der Bewohner. Als 1961 der Umbau des Charlottenplatzes zum Verkehrsknoten begann, pilgerten Scharen zur Baugrube, um dem Sinnbild für die Moderne zu huldigen.

Für Neubauten nehmen die Pläne die Kleinteiligkeit des historischen Quartiers auf. Bildhaft gesprochen: „Im Bohnenviertel fühle ich mich wie daheim“, sagt der Student Christopher Heinzelmann. Er stammt aus einem Dorf im Schwarzwald. Damit sind die Studentenentwürfe architektonisch das Gegenteil dessen, was auf den Baustellen der Stadt entsteht. Aus Sicht des Architekturprofessors sind das „merkwürdige Komplexe mit merkwürdigen Namen“, die emporwachsen, weil „man ganze Quartiere einem einzigen Bauherren überlässt“. Womit Sondermann das S 21-Baugebiet genauso meint wie das neue Einkaufszentrum zwei Gehminuten entfernt, benannt „Das Gerber“.

Aufgabe für kommende Generationen

Dem mag zumindest in dieser Runde niemand widersprechen, nicht einmal Carolin zur Brügge, die im Sinne ihres Arbeitgebers widersprechen müsste. Zur Brügge arbeitet im Stadtplanungsamt. „Mit dem Gerber ist niemand so richtig glücklich“, sagt sie, das habe sich im Zuge der Vertragsverhandlungen so ergeben, man könne dann nur noch an Details tüfteln – statt Gesamtkonzepte zu entwerfen. In Stuttgart „hat die Stadtplanung nicht richtig Gehör“, sagt die Stadtplanerin. „Da sind wir dran.“

Allerdings sind an dieser Aufgabe schon andere gescheitert. Im Jahr 2006 hat der derzeitige Baubürgermeister Matthias Hahn ein Konzept entwerfen lassen, wie die Innenstadt im Ideal aussehen sollte. Das sieht in der Schnellzusammenfassung vor: Raus mit dem Verkehr, weg mit den Bausünden der Nachkriegszeit, auf dass Stuttgarts historische Plätze und Bauten wieder sichtbar werden. Inzwischen bezeichnet Hahn die Verwirklichung als „Aufgabe für kommende Generationen“.

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