Dieses Plakat am Flughafen sorgt für viel Kritik. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Erst der Realschullehrerverband, jetzt die Gymnasiallehrer und weitere Bildungsverbände: die Empörung bei Lehrkräften über ein Plakat des Kultusministeriums zur Lehrer-Werbung ist groß. Auch in den Parteien.

Die Reaktion des Philologenverbandes ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem die baden-württembergischen Realschullehrer am Dienstag auf ein ihrer Ansicht nach „skandalöses“ Werbeplakat des Kultusministeriums aufmerksam gemacht und dagegen protestiert haben, legten die Gymnasiallehrer am Mittwochmorgen nach. Ralf Scholl, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, erklärte, das Kultusministerium bediene mit dieser Kampagne „alle Vorurteile gegen Lehrer und versetzt den eigenen Lehrkräften einen Tiefschlag“. Die Lehrkräfte, die trotz massiver Belastungen ihr Bestes geben würden, fühlten sich „nach Strich und Faden verhöhnt“. Das Plakat sei an „Dummdreistigkeit“ nicht zu überbieten.

 

Massive Kritik an Arbeitsbedingungen

Stein des Anstoßes ist die Aufschrift „Gelandet und gar keinen Bock auf Arbeit morgen. HURRAAA! Mach was Dir Spaß macht und werde Lehrer*in.“ Zu lesen auf einem Werbeplakate, das im Auftrag des Kultusministeriums aktuell prominent im Stuttgarter Flughafen hängt. Die Kampagne, mit der für den Lehrerberuf geworben werden soll, wurde am 17. Juli in den Social-Media-Kanälen gestartet.

Der Vorsitzende des Philologenverbandes wählte dafür drastische Worte: „Zu dieser Kampagne gibt’s nur einen Kommentar: ,Null Bock auf Arbeit? — dann geh’ ins Kultusministerium! Da genügen hohle Sprüche!“ Statt Hunderttausende Euro für unverschämte Sprüche auszugeben, sollte das Kultusministerium endlich beginnen, seine Hausaufgaben zu machen und die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte zu verbessern: „Dann würde der Lehrerberuf auch wieder interessant genug für wirklich motivierte Studienanfänger.“

Die Arbeit als Lehrer sei kein lockerer und entspannter Job, wie es das Ministerium in seiner Kampagne verkaufe, betonte Scholl. Der Lehrerberuf belege vielmehr einen Spitzenplatz bei der Burnout-Rate. Den Verantwortlichen warf er vor: „Wenn der Intellekt nicht ausreicht, um die grundlegenden Probleme überhaupt zu begreifen, dann ist das Ignorieren der Probleme verbunden mit dumm-flotten Sprüchen die einzig mögliche Reaktion.“

Scharfe Kritik kam auch vom Verband Bildung und Erziehung. „Das Plakat ist eine Beleidigung für alle Lehrerinnen und Lehrer im Land“, sagte der Landesvorsitzende Gerhard Brand. Er bezeichnete die Aussage als Schlag ins Gesicht für alle Lehrkräfte, die in drei Jahren Corona-Pandemie bis zur Erschöpfung gearbeitet hätten, sich in 60-Stundenwochen um die Beschulung Tausender Flüchtlingskinder kümmerten und das System trotz anhaltenden Lehrermangels am Laufen hielten. Brand betonte, eine Kampagne zur Lehrer-Werbung sei wichtig: „Wir hätten uns allerdings niemals vorstellen können, auf welch unsäglichem Niveau eine solche Kampagne vom Land geführt wird.“

Zurückhaltender, aber gleichwohl enttäuscht reagierte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Die Kampagne des Kultusministeriums habe die richtige Intention. Dass etliche Lehrkräfte die Plakate in den falschen Hals bekämen, sei jedoch nachvollziehbar, weil sie Vorurteile gegenüber Lehrkräften bediene. Das Ganze sei „unglücklich“. Der Landesschülerbeirat gewinnt der Kampagne dagegen Positives ab. Der aufgedruckte Spruch könne leicht falsch interpretiert werden. „Doch bei genauerem Hinsehen wird der wahre Zweck der Kampagne erkennbar: Lehrkräfte sollen keinesfalls lächerlich gemacht werden, sondern vielmehr sollen andere dazu motiviert werden, sich für den Lehrberuf zu interessieren“, sagte der Vorsitzende Berat Gürbüz.

Kritik auch aus der Regierungsfraktion CDU

Reaktionen gab es auch bei den Parteien: Stefan Fulst-Blei, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, zeigte sich empört. Das Plakat erwecke den Eindruck, Lehrkräfte seien faul und würden ihren Job nur wegen der Ferien machen: „Für dieses verantwortungslose Spiel mit Vorurteilen sollte sich die Kultusministerin bei den über 100 000 Lehrerinnen und Lehrern in Baden-Württemberg entschuldigen.“ Für die Regierungsfraktion CDU stellte Andreas Sturm fest, es sei „gänzlich missverständlich“, dass Menschen für den Lehrerberuf angeworben werden sollen, die nicht zur Arbeit gehen wollten. Roman Link, Mitglied des CDU-Landesvorstands sagte: Lehrerwerbung sei wichtig, in der vorliegenden Form diskreditiere sie jedoch den Lehrerberuf: „Wenn ein Schüler im Unterricht eine missverständliche Aussage auf ein Plakat schreibt, dann muss er diese korrigieren. Was für die Schüler im Klassenzimmer gilt, das sollte auch für das Land gelten: Bitte nochmals und dann besser machen!“ Die AfD-Fraktion forderte die Landesregierung auf, die Werbekampagne „umgehend zu beenden“. Sie zeige „fehlenden Respekt für den Lehrerberuf, bildungspolitische Unfähigkeit und staatliche Hängemattenmentalität“. Scharfe Kritik hatte zuvor auch schon die FDP geäußert.

Das Ministerium steht zu der Kampagne

Das Kultusministerium hatte die Werbekampagne am Dienstag als gut und erfolgreich verteidigt. Die Slogans habe man bewusst gewählt, um Aufmerksamkeit zu erregen, erklärte ein Sprecher: „Man muss schließlich auffallen, und das tun die Plakate.“ Die Meinung der Gymnasiallehrer dazu: „Auffallen um jeden Preis? — das ist dem Kultusministerium mit diesem Schlag ins Gesicht aller Lehrkräfte gelungen. Es wird Zeit, dass im Kultusministerium endlich auch personelle Konsequenzen gezogen werden!“