Ein Gutachten hält Rund-um-die-Uhr-Einsätze in der Luftrettungsstation bei Kornwestheim für zulässig. Im Kampf um den Verbleib des Rettungshubschraubers in Leonberg wendet sich der FDP-Abgeordnete Hans Dieter Scheerer jetzt direkt an den Ministerpräsidenten.
Ist ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb in der Flugrettungsstation Pattonville umsetzbar? Bejaht wird diese Frage offenbar in zwei Lärmgutachten, die dem Regierungspräsidium in Stuttgart vorliegen. „Die Gutachten kommen insgesamt zu dem Ergebnis, dass die Lärmbelastung zulässig sein wird“, bestätigte eine Sprecherin auf Anfrage. Damit sei aber keine endgültige Entscheidung gefallen.
Der Antrag des für die Luftrettung zuständigen Innenministeriums auf Nachtbetrieb in Pattonville werde jetzt einschließlich der Gutachten öffentlich ausgelegt. Vom 3. Juni an sind sie auch auf der Internetseite des Regierungspräsidiums abrufbar.
Erst wenn die Stuttgarter Aufsichtsbehörde zudem die Einwendungen der Betroffenen, etwa der Anwohner geprüft hat, sei mit einer finalen Entscheidung zu rechnen.
Die Unterlagen genau anschauen will sich auch der FDP-Landtagsabgeordnete Hans Dieter Scheerer. Der hauptberufliche Rechtsanwalt aus Weil der Stadt engagiert sich seit langem für den Verbleib des Rettungshubschraubers Christoph 41 am Krankenhaus in Leonberg.
Keine Lust, Christoph 41 zur Chefsache zu machen
Scheerer hatte dabei stets auch Leonberg als möglichen Standort für nächtliche Hubschraubereinsätze genannt, sollte ein Rund-um-die-Uhr-Betrieb in Pattonville nicht genehmigt werden. Ob die jetzt bekanntgewordenen Gutachten die Chancen Leonbergs schmälern, wollte er auf Anfrage unserer Zeitung nicht beurteilen. „Dafür müssen wir die Unterlagen erst einmal analysieren.“
Für den Liberalen ist die Diskussion um Nachtflüge freilich nur ein Aspekt der gesamten Debatte. Als der Ministerpräsident vor rund sechs Wochen in Renningen war, gab dieser sich bei dem Thema äußerst hartleibig. Man könne doch nicht immer, so reagierte Winfried Kretschmann auf das Anliegen eines Bürgers, „wenn wir eine Entscheidung treffen, immer noch mal und noch mal drüber reden.“ Mit der Entscheidung meinte der Grünen-Politiker die geplante Verlegung des Rettungshubschraubers Christoph 41. „Aus fachlicher Sicht“, so erklärte der Landesregent bei einem Bürgerempfang, gebe es „keinen Grund, diese Entscheidung zu ändern.“ Auch zeigte Kretschmann wenig Neigung, den stark umstrittenen Hubschrauber-Abzug, den der frühere Innenstaatssekretär Winfried Klenk (CDU) kurz vor seinem Ruhestand gegen alle Widerstände durchgepeitscht hatte, nunmehr zur Chefsache zu machen. Da müsste man ihm schon „triftige Gründe“ vorlegen.
„Basta-Politik des Ministerpräsidenten“
Eine Aufforderung, die sich Hans Dieter Scheerer wiederum nicht zweimal sagen ließ. In einem Brief an den Regierungschef hat der FDP-Abgeordnete erneut alle Argumente zusammengestellt, die seines Dafürhaltens nach für eine langfristige Stationierung von Christoph 41 am Klinikum in Leonberg sprechen.
„Politik bedeutet, Entscheidungen zu treffen – und es ist auch nicht verwerflich, Entscheidungen zu revidieren, wenn die Rahmenbedingungen sich ändern oder neue Argumente aufkommen“, erklärt Scheerer, der aus seinem Ärger über Kretschmanns „Basta-Politik“ keinen Hehl macht. Für den Landtagsabgeordneten und Weil der Städter Stadtrat sprechen dabei vor allem die „veraltete Datengrundlage des Gutachtens“, die als Basis für die Verlegung von Christoph 41 genutzt wird, gegen einen neuen Standort auf der Tübinger BG-Klinik. „Das Gutachten nutzt selektive Zahlen aus 2018 und würde eine Verlegung, die möglicherweise erst zehn Jahre später vollzogen wird, rechtfertigen. Ebenso werden die Verkehrszunahme rund um Leonberg mit Autobahnkreuz und Engelbergtunnel nicht ausreichend berücksichtigt.“
Gerade dort sei der Einsatz von Rettungshubschraubern häufig „zwingend notwendig“, da Rettungskräfte am Boden nicht rechtzeitig zum Unfallort durchkämen. „Zudem verhindern die topografischen und klimatischen Bedingungen am Rande der Schwäbischen Alb oft die Starts von Helikoptern, wohingegen die Bedingungen in Leonberg optimal sind“, erklärt Scheerer.
Rund 10 Millionen Euro Mehrkosten in Tübingen
Bei einem Hubschrauberstandort Tübingen kämen zudem Kosten von bis zu zehn Millionen Euro – angesichts der Inflation womöglich noch mehr – auf das Land zu. Zwei weitere Landeplätze müssten auf dem Dach der Klinik gebaut werden, sagt Scheerer. „In Leonberg sind alle Strukturen vorhanden und wurden erst vor wenigen Jahren komplett auf den neusten Stand gebracht.“