Im Era-Market werden Lebensmittel aus dem Balkan und aus Deutschland angeboten. Viele Senioren nutzen das Angebot in der Innenstadt. Foto: Simon Granville

Das Gebäude mit dem letzten Lebensmittelmarkt in der Renninger Innenstadt gehört jetzt der Stadt. Diese liebäugelt schon lange mit dem Gedanken, das gesamte Gelände neu zu bebauen. Wie es weitergeht, ist noch offen.

Wie in vielen Städten hat sich auch in Renningen der Lebensmittelhandel aus der Innenstadt an die Ortsränder verlagert. Dort reihen sich große Supermarktfilialen aneinander. In der Kernstadt verbleiben oft nur vereinzelt Anbieter, wenn überhaupt. Nachdem der neue Unverpacktladen seine Schließung zum Jahresende verkündet hat, wird in Renningen der Era-Market in der Bahnhofstraße bald der einzige Lebensmittelmarkt im Ortskern sein. Und selbst dessen Zukunft ist seit neuestem ungewiss. Die Stadt hat das Gebäude gekauft, das innerhalb des Sanierungsgebiets Bahnhofstraße liegt.

 

Betrieben wird der Markt von Qendresa Kadrija-Qorraj. Die Reutlingerin hat die Räume erst vor zwei Jahren übernommen und bereits viel Geld investiert. „Wir verkaufen Lebensmittel aus balkanischen Ländern wie Serbien, dem Kosovo, der Türkei oder Kroatien, die man sonst nicht so findet“, erzählt Kadrija-Qorraj. „Aber wir haben auch ganz klassische Waren aus Deutschland, vor allem frisches Obst und Gemüse.“ Die meisten ihrer Kunden seien ältere Leute, die nicht in die entfernteren Supermärkte am Ortsrand kommen, aber auch Schüler aus dem nahe gelegenen Schulzentrum.

Muss der Laden in wenigen Jahren schließen?

Qendresa Kadrija-Qorraj hatte mit dem vorherigen Eigentümer einen Vertrag über zehn Jahre abgeschlossen, der bis 2031 gilt. Als sie vom Verkauf des Gebäudes vor rund einem Jahr und von den Plänen der Stadt erfuhr, fiel sie aus allen Wolken. „Mir wurde bei unserem Gespräch klipp und klar gesagt, dass hier bis in fünf Jahren neue Gebäude stehen werden und ich raus muss“, sagt sie. Bislang habe sie lediglich die Zusage, dass sie bis Ende 2024 in jedem Fall dableiben könne, darüber hinaus hänge sie komplett in der Luft. „Ich bin da wirklich schwer enttäuscht von der Stadt.“ In jedem Fall möchte sie den Betrieb weiter aufrechterhalten, mindestens bis zum Ablauf des ursprünglichen Vertrags.

Bei der Stadt nachgefragt, klingt das etwas anders. Nach Aussage des Bürgermeisters Wolfgang Faißt ist jedenfalls nichts Konkretes geplant. „Für uns war das ein strategischer Kauf“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Das Gebäude befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Pumpwerks der Wasserversorgungsgruppe. Das Hauptpumpwerk befindet sich mittlerweile bei Malmsheim Richtung Weil der Stadt. Der noch immer auf dem Gelände befindliche Tiefbrunnen soll für Notfälle möglichst erhalten bleiben. Mit dem übrigen Gelände liebäugelt die Stadt allerdings schon lange, um es früher oder später bebauen zu können.

Bürgermeister: Es gibt kein Ultimatum

Dass der Geschäftsführerin des Era-Markets ein Ultimatum gestellt worden sei, streitet er ab. Es sei im Gespräch lediglich der Stadtsanierungsplan angesprochen worden. Das Gebäude mit dem Era-Market befindet sich im Sanierungsgebiet Bahnhofstraße. Umbauten und Sanierungen sind förderfähig – allerdings nur, wenn sie innerhalb eines festen Zeitrahmens abgerechnet werden. In diesem Fall fünf bis sieben Jahre. Das heißt allerdings auch: Sollte der Gemeinderat tatsächlich entscheiden, das Gebäude abzureißen und zu überplanen, werde das wohl innerhalb der nächsten paar Jahre passieren. „Aber wie gesagt: Da ist noch gar nichts Konkretes geplant.“

Qendresa Kadrija-Qorraj bleibt dabei: „Ich weiß, was ich gehört habe und was mir gesagt wurde.“ Auch die Aussage des Bürgermeisters, der Stadt sei nicht bekannt, was die Geschäftsführerin über 2024 hinaus mit dem Laden plane, sei unwahr. „Ich habe bei unserem Gespräch deutlich gesagt, dass ich hier drinbleiben möchte“, betont sie. Zumal sie schon viel Geld in die Hand genommen habe, nicht nur für den Laden selbst, sondern auch, um bessere Bedingungen für Kunden und Mitarbeiter zu schaffen. „Der Laden hatte keine Heizung und kein Warmwasser, als wir ihn übernommen haben“, beklagt sie.

„Gerade Senioren wird das hart treffen“

Inzwischen habe sie selbst für Heizungen gesorgt, da von Eigentümerseite her nichts geschehen sei. Die Stadtverwaltung habe ihr bereits suggeriert, dass diese dort nichts mehr investieren wolle mit Hinblick auf die Pläne für das Gelände. Auch das bestreitet der Bürgermeister. Von entsprechenden Äußerungen oder Forderungen habe er keine Kenntnisse. Gleichwohl seien die Verhältnisse die gleichen wie beim Voreigentümer.

Wie also geht es nun weiter? „In der Innenstadt ist ein Lebensmittelmarkt immer ein wichtiges Angebot“, sagt Wolfgang Faißt. „Und solange der Markt läuft und wir da keine konkreten Pläne haben, tut sich erst mal auch nichts.“ Zumal der Vertrag, auch wenn er mit dem Voreigentümer geschlossen wurde, in der Tat weiterhin Gültigkeit habe. Er verweist allerdings auch auf nicht näher benannte Kündigungsoptionen in dem Vertrag, falls das Gebäude doch weichen sollte.

Qendresa Kadrija-Qorraj will dafür einstehen, auch die nächsten Jahre ihren Laden weiter betreiben zu können. „Ich lasse mich hier nicht rausekeln.“ Der Era-Market sei immerhin der letzte verbliebene Lebensmittelmarkt in der Innenstadt. „Gerade Senioren wird das sehr hart treffen, wenn es uns mal nicht mehr gibt.“