Landwirtschaft Bauernpräsident legt sich mit Ökos an

Von Walther Rosenberger 

Deutscher Bauernpräsident Joachim Rukwied vor Kurzem in Erfurt Foto: dpa-Zentralbild
Deutscher Bauernpräsident Joachim Rukwied vor Kurzem in Erfurt Foto: dpa-Zentralbild

Auf seiner Mitgliederversammlung in Fellbach singt der Landesbauernverband das Hohelied auf die konventionelle Landwirtschaft und gibt der grün-roten Landesregierung eins mit.

Fellbach - Na klar ist das ein Heimspiel für Joachim Rukwied. Seit Sommer 2012 führt er von Berlin aus den Deutschen Bauernverband. Aber Präsident des Landesbauernverbands im Südwesten (LBV) ist er auch noch, und als solcher hat er die Mitglieder an ­diesem Donnerstag nach Fellbach geladen. Natürlich in die Schwabenlandhalle.

Für die Verbandsmitglieder gibt es Blaubeeren in Schälchen, Sprudel und Apfelsaft. Für die Politik, neben einem Anstandshäppchen Lob, ein Potpourri voller Kritik.

Eine weitere Extensivierung der Landwirtschaft – eines der Kernthemen grüner Politik – und eine deutliche Reduktion der Produktion wären ein falscher Weg und ein „Ticket in die Armut für die Bauernfamilien“, sagt Rukwied, der selbst in der Nähe von Heilbronn einen Hof bewirtschaftet. „Ich bin nicht bereit, das zuzulassen“, sagt er in kämpferischen Ton an die rund 600 LBV-Mitglieder gewandt.

„Kopf hoch, Visier auf, abdrehen niemals“

Kämpferisch ist Rukwied immer. „Kopf hoch, Visier auf, abdrehen niemals“, ist die Devise des 53-Jährigen, der seit Jahrzehnten einen streng betriebswirtschaftlichen Ansatz für die deutsche Landwirtschaft vertritt. Die deutschen Höfe sind international wettbewerbsfähig, und diesen Trumpf sollen sie auch nutzen und ihre Waren in aller Welt anbieten, lautet seine Devise. Effiziente Produktion, neue Märkte und Exportwachstum sind drei seiner Lieblingsvokabeln, weswegen er es sich in den drei Jahren seiner Amtszeit als deutscher Bauernpräsident schon des Öfteren mit Umweltschützern, ökologischen Erzeuger- und Nichtregierungsorganisationen verscherzt hat. Besonders zu Letzteren pflegt er ein oftmals angespanntes Verhältnis. Aus seiner Sicht ziehen die Öko-Aktivisten mit „unsachlichen Angriffen“ den ganzen Berufsstand der Bauern in den Dreck. Dem daraus resultierenden öffentlichen Druck will Rukwied nicht nachgeben. „Die Produktionsweisen in der Landwirtschaft grundlegend zu verändern kann nicht der Ansatz sein“, sagt er an diesem Tag in Fellbach. Die Bauern arbeiteten jetzt schon „nachhaltig und innovativ“. Dafür erntet er Applaus aus den Reihen.

Aber ein Weiter-so-wie-bisher – geht das überhaupt noch angesichts immerwährender Skandale besonders in der Fleischwirtschaft?

Wohl nicht, denn in jüngster Vergangenheit hat der Deutsche Bauernverband unter seinem baden-württembergischen Chef einen Schwenk hingelegt. In der vor zwei Wochen auf dem Deutschen Bauerntag in Erfurt verabschiedeten Erfurter Erklärung geht der Verband einen Schritt auf seine Kritiker zu. Seitdem sind neben rein wirtschaftlichen Belangen der Bauern auch „kooperativer Umwelt- und Naturschutz“ und „gesellschaftliche Vorstellungen zur Nutztierhaltung“ Leitlinien, an denen man sich orientieren will.

Initiative Tierwohl - Landwirte stehen Schlange

Als eines der Aushängeschilder dieser Politik kommt Rukwied am Donnerstag auf die Initiative Tierwohl zu sprechen. Das ist eine Art Pakt zwischen den Bauern und der Fleischwirtschaft, die Haltungsbedingungen im Gegenzug zu einem kleinen Aufschlag von vier Cent aufs Kilo Fleisch zu verbessern. Die Bauern stehen Schlange, an dem Programm teilnehmen zu dürfen, aber das Geld reicht im Moment nicht für alle, weil zu wenige aus der Fleischindustrie mitmachen. Auch das ist für Rukwied ein Zeichen, dass es zumindest die Landwirte mit den Themen Nachhaltigkeit und Tierschutz ernst meinen.

Dennoch bleibt aus Sicht des Bauernpräsidenten die klassische landwirtschaftliche Produktionsweise für die Branche bestimmend. Schon allein deswegen, weil über 90 Prozent der Höfe eben so ihr Geld verdienen. Für diese Betriebe tue die Politik zu wenig, sagt Rukwied. Nach vier Jahren Grün-Rot habe man „ein Förderdefizit für konventionelle Betriebe“. Das wichtigste millionenschwere Förderprogramm des Landes – „Fakt“ – nütze konventionellen ­Erzeugern wenig.

Der Adressat der Bemerkung – Landwirtschaftsminister Alexander Bonde (Grüne) – widerspricht: Auch diese Landwirte würden von den Fördermillionen des „Fakt“-Programms etwas abbekommen, wenn sie nur hohe Umweltstandards einhielten.

Die Landesregierung schreibt sich sowieso auf die Fahnen, die Landwirte mit ihrer Politik der Öko-Orientierung in die richtige Richtung zu stoßen. Neue Geschäftschancen entwickelten sich gerade im Öko-Bereich, sagt der Agrarsprecher der Grünen im Landtag, Martin Hahn. Ein Marktwachstum von 25 Prozent in den letzten Jahre zeige, dass hier auch Geld verdient werden könne.

Für die Opposition ist die Sache indes klar: Die Landesregierung spalte die Bauernschaft. „In Baden-Württemberg muss Schluss sein mit dem Öko-Dirigismus, der die Landwirte in gute und schlechte einteilt“, sagt der Spitzenkandidat und Fraktionsvorsitzende der Landes-CDU, Guido Wolf, in Fellbach. Die Politik des Landes stelle das „Selbstverständnis der klassischen Landwirtschaft voll infrage“.

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