Kristian Bezuidenhout Foto: Holger Schneider

Kristian Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester haben Musik des Sturm und Drang gespielt.

Stuttgart - Erst vor wenigen Wochen ist eine CD mit Mozarts Klavierkonzerten KV 413 bis KV 415 (bei harmonia mundi) auf den Markt gekommen; es ist die zweite Mozart-Aufnahme, bei der Kristian Bezuidenhout und das Freiburger Barockorchester zusammenarbeiten, und als Wunderwerk feiner Farbenspiele und sensiblen Aufeinander-Reagierens ergänzt sie exzellent die viel gelobte Einspielung sämtlicher Solowerke Mozarts für Klavier, die der südafrikanische Hammerflügel-Virtuose zu Beginn diesen Jahres abgeschlossen hat. Am Mittwochabend war das historisch informierte Dreamteam im Mozartsaal live zu hören – wobei das Spannendste an diesem zum Konzert geronnenen intimen, aber ungemein körperlich-gestischen Dialog nicht das Erreichen des Ziels (mit Mozarts Es-Dur-Konzert KV 449) war, sondern der Weg dorthin.

Er führt – und so ist das Konzert auch übertitelt – über Werke jenes Übergangs zwischen Barock und Klassik, den erst seit den späten 1970er Jahren Alte-Musik-Ensembles vom Ruch einer Zwischenzeit befreiten, die etwas nicht mehr und ein anderes noch nicht ist: also weder Fisch ist noch Fleisch. Heute weiß man um den Reiz der musikalischen Epoche, die sich aus der Literatur die Begriffe Sturm und Drang oder Empfindsamkeit borgte; man weiß um ihre wilde Lust am Experimentieren, ihr revolutionäres Potenzial, ihr frisches, freches Befragen des Vergangenen, für das vor allem Carl Philipp Emanuel Bach steht. Das d-Moll-Klavierkonzert (Wq 17) von Johann Sebastian Bachs zweitältestem Sohn wirkte auch jetzt auf dem Hammerflügel wie eine Offenbarung: Im Verhältnis zum modernen Konzertflügel dynamisch reduziert, dafür aber ausgestattet mit einer schier unendlichen Vielfalt an klangfarblichen Nuancen und Kontrasten, die mit denen das wachen Ohrs begleitende Orchesters auf das Schönste korrespondierte, wirkte das mit Überraschungen reichlich gesegnete Stück auf dem Hammerflügel wie eine Versuchsanordnung – und wie eine Vorstudie zu jenen dramatischen Dialogen, mit denen er später Mozarts Konzert durch plastische Gesten und stete Wechsel von Licht und Schatten in Opern-Nähe rückte.

Freiheit durch Beschränkung

Den Weg des Programms, der auch den historischen Weg einer allmählichen Emanzipation des Individuums und des Künstlers abbildet, war noch mit Haydns 47. (G-Dur-)Sinfonie und mit der g-Moll-Sinfonie (op.6/6) von Mozarts großem Vorbild Johann Christian Bach gesäumt. In beiden Werken saß Bezuidenhout am Flügel, wie es seinerzeit Komponisten taten, spielte Orchesterpartien mit, tupfte Akkorde. Das hätte er auch lassen können, weil man ihn eh kaum hörte und weil das selbstbestimmte Orchester prima auch ohne ihn zurecht gekommen wäre. Aber schön war’s trotzdem: ganz nah, ganz dicht, auf fast kammermusikalische Weise intim – und ein Beweis dafür, dass das Virtuosentum dereinst dem Kollektiv entwuchs – und dass (hier:dynamische) Beschränkung nicht nur viel Freiheit zeitigt, sondern auch ungeheuren Reichtum.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: