Die Diesel-Fahrverbote in Stuttgart sorgen weiter für Diskussionen – auch bei Konzertgängern. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart ist Deutschlands Kulturhauptstadt Nummer eins – aber wie lange noch? Wegen des Fahrverbots für ältere Diesel drohen einige Konzertgänger mit Kündigung. Wird Spitzenkultur in Stuttgart bald unbezahlbar? Die Stadt sieht es nicht so dramatisch und lehnt Ausnahmen ab.

Stuttgart - Erich und Frauke Scheurenbrand wohnen in Esslingen-Berkheim. An zehn Abenden im Jahr fahren sie in die Stuttgarter Liederhalle. Sie haben bei der Stuttgarter Konzertagentur Russ die Konzertreihe „Meisterpianisten“ gebucht. Womöglich müssen sie bald auf diesen Genuss verzichten. Frauke Scheurenbrand fährt einen Ford-C-Max-Diesel (Euro 4), der bereits vom Fahrverbot für ältere Diesel betroffen ist. Ihr Mann besitzt einen Mercedes 220 TDI (Euro 5), der wahrscheinlich von nächstem Jahr an nicht mehr in der Landeshauptstadt fahren darf. „Wenn wir mit keinem Auto mehr reinfahren dürfen, müssen wir die Klaviermiete aufgeben, so leid es uns tut“, sagt Erich Scheurenbrand. „Wir sind beide große Musikliebhaber, aber der Aufwand und die Unannehmlichkeiten wären so groß, dass es in keinem Verhältnis steht.“

Erst um Mitternacht zuhause

Mit dem Auto brauchen die Scheurenbrands zur Liederhalle rund 20 Minuten. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, so rechnet er vor, dauere ein Weg anderthalb Stunden, am späten Abend vielleicht sogar zwei. „Wir müssen entweder mit dem Auto nach Ostfildern fahren, dort erstmal einen Parkplatz suchen und dann mit der U 7 nach Stuttgart, dort noch einmal umsteigen, um zur Liederhalle zu kommen“, sagt er. „Oder wir fahren mit dem Bus nach Esslingen runter und steigen dort in die S-Bahn, um dann am Hauptbahnhof in die Stadtbahn Richtung Liederhalle umzusteigen.“ Das wollen sich die beiden nicht mehr antun, schon gar nicht in den Wintermonaten. „Meine Frau ist 80, ich werde dieses Jahr 80 - da hat man nicht mehr Lust, sich Wind und Wetter auszusetzen“, sagt er. Vor allem vor der Heimreise von den Konzerten graust es ihm: „Wenn das Konzert abends um 22 Uhr aus ist, wir aber erst um Mitternacht zuhause sind, dann macht das keinen Spaß mehr.“ Ein Parkhaus am Stadtrand, das man ansteuern könnte, gebe es nicht. Und ein Taxi koste jeweils 40 Euro die Strecke. „Das steht in keinem Verhältnis“, sagt er.

Hoffen auf Nachrüstung

Scheurenbrand könnte sich umorientieren und irgendwo in der Region nur die zweitbesten Pianisten umhören. Aber das will er nicht. „Ich spiele selbst Klavier und stelle an ein Konzert gewisse Ansprüche“, sagt er. Sein Auto verkaufen will er auch nicht, das sieht er nicht ein. Sein Diesel habe gerade mal 80 000 Kilometer drauf, sagt er. Es sei ein sehr sparsames Auto. Letzter Ausweg für seine Frau und ihn wäre eine Hardware-Nachrüstung. „Die würde ich sogar selbst bezahlen, aber die bieten das bislang nicht an“, sagt er. Bei Ford tue sich gar nichts, Mercedes bemühe sich angeblich. Scheurenbrands Eindruck ist allerdings, dass auch Mercedes die Dieselkrise nur zum Verkaufen neuer Autos nutzen will. „Man wird vergackeiert“, sagt er.

Auch ein Mediziner schimpft

Betrogen fühlt sich auch Herr W., der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Auch er wohnt in Esslingen, ist Arzt im Ruhestand. Als er noch arbeitete, konnte er die besten Pianisten nur im Radio hören. Danach erfüllte er sich seinen Traum, hat seit ein paar Jahren für die Liederhalle eine Klaviermiete. W. fährt einen 350er Mercedes Diesel (Euro 5), vor sechseinhalb Jahren Jahren gekauft, auch aus ökologischen Gründen. Das Modell stoße besonders wenig Kohlendioxid aus und verbrauche knapp 8 Liter auf 100 Kilometer, sagt er. Pech für W., dass es inzwischen nicht mehr so sehr um Kohlendioxid geht, sondern (zumindest bei den Fahrverboten) um den Stickoxid-Ausstoß. W. hält das sowie die von der EU festgelegten Grenzwerte für reine Willkür. „Es gibt keinerlei stichhaltigen Beweis dafür, dass die gemessenen Konzentrationen in der Luft gesundheitsschädlich sind“, sagt der Mediziner.

Auch W. würde eine Hardware-Nachrüstung bezahlen, war deswegen sogar kürzlich bei seiner Mercedes-Werkstatt. „Die konnten mir aber rein gar nichts sagen“, erzählt er. Angeblich soll bis spätestens März eine amtliche Freigabe für bestimmte Nachrüstungen erfolgen.

Angst abends in der S-Bahn

Sollte das mit der Nachrüstung nicht klappen, will W. auf die Klaviermiete schweren Herzens verzichten. „Wenn das Fahrverbot kommt und ich nicht mehr reinfahren darf, werden wir leider kündigen und uns Richtung Göppingen orientieren“, sagt er. „Dort droht kein Fahrverbot, aber da tritt natürlich auch nicht die 1-A-Kategorie der Pianisten auf.“ W. befürchtet, dass einige so handeln werden wie er und seine Frau und dass dann irgendwann keine Spitzenpianisten mehr in Stuttgart zu hören sein werden. „Wenn die Anzahl der Abos zurückgeht, müsste man die Preise erhöhen. Und ob das dann noch akzeptiert wird?“

Öffentliche Verkehrsmittel sind auch für ihn keine Option. Vor allem seine Frau wolle auf keinen Fall mit der S-Bahn ins Konzert. Zum einen dauere das deutlich länger mit dem Auto, und es sei auch keineswegs sicher, dass sie abends bei der Heimreise den letzten Bus am Bahnhof noch kriegen. Zum anderen fühlen seine Frau und er sich abends am Esslinger Bahnhof sowie in der S-Bahn nicht sicher – schon gar nicht in festlicher Kleidung. „Als Gutangezogener ist man spätabends in der S-Bahn nicht unbedingt in einer guten Situation“, sagt er, „das muss man leider sagen“. Dem steht die Behauptung von Stuttgarts Ordnungsbürgermeister Martin Schairer entgegen, derzufolge man in Bus und Bahn in Stuttgart nicht gefährlicher lebt als anderswo. „Das subjektive Unsicherheitsgefühl bei der Benutzung des ÖPNV lässt sich objektiv nicht begründen“, so Schairer.

Wo parken?

Ursula Würth (77) lebt in Laichingen auf der Alb, ist aber in Stuttgart geboren und aufgewachsen. Die Verbindungen nach Stuttgart sind eng. Verwandte und Freunde leben dort, und eine Konzertmiete in der Liederhalle hat sie auch. Seit Januar darf sie mit ihrem Auto, einem BMW X3 (Euro 4), nicht mehr in die Landeshauptstadt fahren und ist darüber fassungslos. Erst vor sieben Jahren habe sie das Auto für viel Geld gekauft, sagt sie. Es sei vom Staat zugelassen und nun werde sie enteignet. „Warum?“, fragt sie, „ich habe doch nichts verbockt.“ Sie schätzt den Komfort ihres Autos. Ihn gegen einen ähnlichen Wagen auszutauschen, der in Stuttgart fahren dürfte, könne sie sich nicht leisten, sagt sie. Sie vermisst Hinweisschilder und Informationen. Wo sollen denn Leute wie sie am Stadtrand parken? Natürlich kennt sie das Park-and-Ride-Parkhaus an der Albstraße in Degerloch, aber wenn das voll ist, was dann?

Schaden für die Innenstadt?

Sie hat den Konzertveranstalter Russ angeschrieben, ob der ihr weiterhelfen kann. Kündigen will sie ihr Konzert-Abo erst einmal nicht, aber nun muss sie zwei Stunden einplanen für den Weg nach Stuttgart. Bislang war es eine. Nach dem Konzert ist sie auch gerne noch was essen gegangen, hat Geld liegen lassen, wie sie sagt. Das geht jetzt nicht mehr so leicht, sie muss schauen, dass sie die letzte Stadtbahn stadtauswärts kriegt. Jahrzehntelang hätten sich alle bemüht, die Stuttgarter Innenstadt zu beleben, sagt sie. Und nun werde das alles gefährdet. Umgekehrt ist es auch, dass ihre Verwandtschaft sie momentan auch nicht mehr in Laichingen besuchen kann. Denn die fährt auch einen verbotenen, sechs Jahre alten Diesel und darf gar nicht mehr die Stadt verlassen.

Nicht mehr gut zu Fuß – was dann?

Elmar Woll und seine Frau sind 77 Jahre alt. Wenn sie von Böblingen nach Stuttgart ins Konzert fahren, nehmen sie eine 88jährige Dame mit, die in ihrem Haus wohnt. Seit 30 Jahren haben sie ein Konzert-Abo über die Stuttgarter Kulturgemeinschaft, gehen auch noch zwei- oder dreimal im Jahr in die Oper, aber mit Wolls VW-Limousine (Euro 4), Baujahr 2005, dürfen sie nun nicht mehr fahren. Mit dem ÖPNV dauere es aber anderthalb Stunden, sagt Woll. Außerdem seien sie nicht mehr so gut zu Fuß. Dieses treppauf und treppab an den Haltestellen, zudem seien oft die Aufzüge außer Betrieb – Woll versteht nicht, warum man keine Ausnahme macht für Leute wie sie. Bei einer Polizeikontrolle einfach die Theaterkarte vorzeigten – das müsste doch reichen. Eigentlich wolle man das Konzert-Abo nicht kündigen, meint er. Vielleicht versuche man es die nächsten Monate tatsächlich mal mit dem ÖPNV. Aber die Sinnhaftigkeit des Fahrverbots erschließt sich ihm nicht. „Da werden Leute in Haft genommen“, sagt er. Seine VW-Limousine will er auf keinen Fall verkaufen. Das sei ein wunderbares Auto, für das er nur noch ein paar tausend Euro kriegen würde.

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