Nach Prüfungseklat an der Uni Hohenheim Attestaffäre weitet sich aus

Von Inge Jacobs 

Der Massenabbruch bei einer Prüfung an der Universität Hohenheim schlägt weiter Wellen. Foto: dpa
Der Massenabbruch bei einer Prüfung an der Universität Hohenheim schlägt weiter Wellen. Foto: dpa

Wie sich erst jetzt herausgestellt hat, haben nicht 37, sondern 75 Wirtschaftsstudenten an der Uni Hohenheim ihre Prüfung spontan verlassen. Dass 48 Prüfungsabbrecher nahezu gleichlautende Atteste desselben Arztes vorlegten, löste eine Lawine aus. Auch Stuttgarter Studierende sind betroffen.

Stuttgart - Von dem massenhaften Prüfungsabbruch bei einer Grundlagenprüfung in Finanzwirtschaft am 23. Mai an der Uni Hohenheim sind deutlich mehr Prüflinge betroffen, als zunächst von der Uni mitgeteilt wurde. Wie deren Sprecher Florian Klebs jetzt erklärte, hatten an jener Prüfung nicht 202, sondern 244 Studierende teilgenommen. Und von ihnen hatten nicht 37, sondern 75 während der Prüfung spontan den Saal verlassen – darunter auch zwei Studierende der Uni Stuttgart. Da 48 Abbrecher nahezu gleichlautende Atteste vom selben Arzt vorlegten, kam eine Lawine ins Rollen.

„Am 23. Mai sind wir misstrauisch geworden“, berichtet Klebs. „Von da an haben wir alle Atteste vom selben Arzt auch für die Prüfungen am 24. und 25. Mai genauer angeschaut.“ Dahinter stand die Frage: „Kann der diese Mengen verarbeitet haben?“ Die Rede ist von insgesamt 148 Attesten, die jener Arzt im Prüfungszeitraum 23. bis 25. Mai den Studierenden ausgestellt hat. „Die Uni Hohenheim sieht es als zweifelhaft an, dass überhaupt ausreichende Untersuchungen stattgefunden haben, um die Prüfungsfähigkeit festzustellen“, erklärt Klebs.

Uni zweifelt – und nimmt bereits erteilte Anerkennungen wieder zurück

Pech für 105 Kommilitonen, die sich bereits vor ihrer Prüfung krankgemeldet hatten. Denn auch ihre vom selben Arzt ausgestellten und teilweise bereits akzeptierten Atteste nahm die Uni daraufhin genauer unter die Lupe. Bei Krankmeldungen, die von anderen Ärzten attestiert wurden, jeweils nur für einzelne Studierende, habe die Uni „keinen Anhaltspunkt für die Fehlerhaftigkeit und damit keine Handhabe, den Wahrheitsgehalt der Krankmeldung anzuzweifeln“.

Das bisherige Ergebnis der Überprüfungen: Nur 23 der 148 von „Doktor Holiday“ ausgestellten Atteste erkennt die Uni Hohenheim an, darunter nur ein einziges von den Abbrechern. Einige Studierende nutzten die Aufforderung der Uni, mit einer eigenen Stellungnahme zu begründen, weshalb sie plötzlich nicht mehr prüfungsfähig waren. Erfolg damit hatten bisher elf Prüfungsabbrecher und 22 weitere Krankmelder. „Es kommt auf die Begründung der Studierenden an – oder darauf, dass sie ein ausführliches, schlüssiges Attest nachreichen“, erklärt Christel Maier, die Leiterin des Prüfungsamts.

17 Prüfungsabbrecher haben gegen den Ablehnungsbescheid Widerspruch eingelegt

Weniger gut sieht es für 54 Prüfungsabbrecher aus, deren Anträge auf Rücktritt von der Prüfung die Uni abgelehnt hat. 21 von ihnen hatten mit ihrem Attest ohnehin die Frist verpasst – das Papier vom Arzt muss noch am selben Tag vorgelegt werden. Inzwischen haben 17 dieser Säumigen Widerspruch gegen die Ablehnung eingelegt. Für fünf Abbrecher dürfte die Sache eng werden, da es ihr dritter Prüfungsversuch war. Ihnen droht die Exmatrikulation.

Sieben Prüfungsteilnehmer am 23. Mai waren Studierende der Uni Stuttgart, die an einem Kooperationsstudiengang eingeschrieben sind: Zwei von ihnen brachen ab, ohne Attest: „Das ist normales Nichtbestehen“, so Herwig Geyer, Sprecher der Uni Stuttgart. Fünf schrieben zu Ende. Sie dürfen freiwillig wiederholen – genauso wie die 164 Hohenheimer Prüflinge, die die Prüfung am 23. Mai zu Ende geschrieben hatten. Die Uni bietet das an, weil die Abbrecher zu laut waren – „vor der Prüfungsaufsicht hatten sich regelrechte Schlangen gebildet“, wie Teilnehmer berichteten. Das Wiederholungsangebot nahmen 106 Prüflinge an – sie mussten sich aber entscheiden, ohne ihr Prüfungsergebnis zu kennen. 52 hatten dazu keine Lust und ließen sich bewerten. Pech für sechs von ihnen: Sie fielen durch.

Die Prüfung selbst ist laut Uni „nicht auffällig“ ausgefallen

Da die Uni aber noch nicht von allen 164 Prüflingen eine Entscheidung habe, ob sie wiederholen wollen oder nicht, könne man auch keinen Notendurchschnitt mitteilen, so Klebs. Es gebe aber „kein auffälliges Gesamtergebnis – da ist alles dabei, von der Eins bis zur Fünf“. Studierende hatten sich beschwert, dass sie auf die falschen Themen vorbereitet worden seien, die Uni hatte dies zurückgewiesen.

Dass die Uni zunächst von weniger Prüflingen und Abbrechern ausgegangen war, begründet sie damit, dass zehn Klausuren wegen Verdachts des Abschreibens zurückgelegt worden seien, die Studierenden der Uni Stuttgart nicht erfasst und 27 Abbrecher Atteste von anderen Ärzten vorgelegt hatten.

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