Blick in die Ausstellung „ Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ in der Staatsgalerie Stuttgart, die am 21. November eröffnet wird. Foto: dpa

Am 21. November beginnt in der Staatsgalerie Stuttgart als Große Landesausstellung die Schau „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“. Unfassbar und doch Realität ist es weltweit die erste umfassende Schlemmer-Ausstellung seit der für die Staatsgalerie Stuttgart erarbeiteten Schau von 1977.

Stuttgart - Oskar Schlemmer – dieser Name sorgte von den 1920er Jahren an ein halbes Jahrhundert für ein Raunen in der internationalen Kunstszene. Der gebürtige Stuttgarter gilt als Impuls- und Integrationsfigur der Bauhaus-Idee einer umfassenden Verbindung von Kunst und Leben. Mehr noch: Schlemmer ist mit seinem „Triadischen Ballett“ Schrittmacher der weltweiten Kunst-Avantgarde. Und obgleich Hitler-Deutschland die Figurinen des „Triadischen Balletts“ als entartete Kunst brandmarken , festigt Schlemmer seinen Rang nach 1933 weiter. Sinnbildlich dafür ist der Stolz, mit dem die Verantwortlichen des Museums of Modern Art in New York Schlemmers Bild „Die Bauhaustreppe“ über Jahrzehnte an ­zentraler Stelle präsentieren.

Wenige Tage noch, dann sollen die „Bauhaustreppe“ und die Figurinen des „Triadischen Balletts“ erneut magische Wirkung entfalten. Am 21. November beginnt in der Staatsgalerie Stuttgart als Große Landesausstellung die Schau „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“. Doch es ist nicht die Bestätigung eines bruchlos gefeierten Weltkünstlers, es ist ein Neuanfang. Unfassbar und doch Realität ist es weltweit die erste umfassende Schlemmer-Ausstellung seit der von ­Karin von Maur ebenfalls für die Staatsgalerie Stuttgart erarbeiteten Schau von 1977. Danach versinkt der Name Oskar Schlemmer unter Klageschriften um Urheberrechte. Was die politische Verfemung nicht vermochte, schafft ein Ringen vor allem um Abbildungsrechte. Ein Werk verschwindet – und wird nun neu entdeckt. Das ist die Chance dieser Ausstellung, das ist die Chance Stuttgarts im internationalen Wettbewerb. Mehr noch aber ist es die Chance einer neuen Generation von Kunstwissenschaftlerinnen und Kunstwissenschaftlern. Ungewollt eröffnet das Drama um das Schaffen Oskar Schlemmers in den vergangenen drei Jahrzehnten die Möglichkeit, mit dem Blick der Gegenwart eine Neugewichtung des Schaffens von Schlemmer vorzunehmen. Möglich wird all dies dadurch, dass 70 Jahre nach dem Tod eines Künstlers die Urheberrechte an den Abbildungen erlöschen. Im Fall des 1943 gestorbenen Oskar Schlemmer ist damit seit 1. Januar 2014 der Weg frei, das Werk ohne juristische Probleme wieder sichtbar zu machen. Und, so einfach dies klingt, so richtig ist es doch: Nur Kunst, die über Reproduktionen veröffentlicht und diskutiert werden kann, existiert in der öffentlichen Wahrnehmung.

International wird diese Ausstellung mit Spannung erwartet. Mit ihren 200 Arbeiten, darunter Leihgaben aus aller Welt, wird „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ den Ausgangspunkt der Neubetrachtung bilden, die Basis legen für neue Themen, neue Sichtweisen. Und doch schwingt bei allem Unsicherheit mit. Wie wird das Schlemmer-entwöhnte Pu­blikum reagieren? Weiß man noch, wer dieser Maler und Bühnenkünstler überhaupt war? Weiß man noch, wie unvergleichlich er mit seinem abstrahierten, aber doch gerade in seiner Reduktion so eindringlichen Menschenbild der Rationalität der Bauhaus-Prinzipien widersprach? Die Frage „Schlemmer, wer?“ ist in diesen Tagen oft zu hören. Nicht aus Geringschätzung, sondern als Folge des Verschwindens des Werks aus der öffentlichen Wahrnehmung. Die Schau „Oskar Schlemmer – Visionen einer neuen Welt“ kommt zum juristisch frühestmöglichen Zeitpunkt und gerade noch rechtzeitig für einen Neubeginn. Weltkunst aus Stuttgart ist von 21. November an zu sehen – und hat alle Begeisterung verdient.