Ein Flugzeugmodell steht in Köln zwischen Blumen und Kerzen vor der Germanwings-Zentrale Foto: dpa

Der Airbus-Absturz und seine Umstände: Die Betroffenheit über das Geschehen bricht sich auf allen Ebenen und Kanälen Bahn – in Gesprächen auf der Straße, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, übrigens auch unter den angeblich so abgebrühten Journalisten – umso wichtiger ist die Einordnung der Ereignisse, meint unser Kommentator Jan Sellner.

Stuttgart - Wann hat eine Nachricht die Öffentlichkeit zuletzt so bewegt wie der Absturz des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen vom Dienstag? Allzu weit muss man – leider – nicht zurückblicken, auch wenn es sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlt: Es war der 7. Januar, als die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris Ziel eines terroristischen Anschlags wurde. Das Ereignis zog Millionen Menschen in den Bann – auch deshalb, weil sich das Geschehen in greifbarer Entfernung abspielte. Innerhalb unseres Nachrichten-Horizonts.

So ist es jetzt wieder. Germanwings, Airbus, Barcelona–Düsseldorf, Schulklasse aus Westfalen – diese Stichworte stehen für Vertrautheit und Nähe. Die Tragödie hat sich nicht irgendwo am Ende der Welt ereignet, sondern dort, wo wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass Derartiges nicht passiert. Im Vergleich mit „Charlie Hebdo“ kommt die Komponente des eigentlich Unvorstellbaren hinzu: Dass der Co-Pilot einer deutschen Linienmaschine vorsätzlich einen Absturz verursacht und damit 149 Insassen und sich selbst das Leben nimmt, wie die Ermittler vermuten, dafür reichte bisher die Vorstellungskraft nicht aus.

Unerklärbare Dinge berühren einen empfindlichen Nerv der Wissensgesellschaft, die sich viel darauf einbildet, jederzeit Daten, Fakten und Zahlen abrufen zu können. Mit der Bergung und Auswertung des Stimmenrekorders ist das auch hier technisch eindrucksvoll gelungen.

Das Ergebnis jedoch – die Hinweise auf 149-fachen Mord – lässt Ermittler wie Öffentlichkeit rat- und hilflos zurück. Vor allem deshalb werden jetzt überall Psychologen, Psychiater, Seelenkundler angefragt in der Hoffnung, sie könnten etwas zur Erklärung beitragen und Licht in das Dunkel bringen, das den jungen Co-Piloten mutmaßlich umgeben hat. Ob das präzise gelingen wird, ist offen. Möglicherweise muss man in diesem Fall mit Fragezeichen leben. Ganz sicher aber muss man Vorkehrungen treffen, um die Sicherheit im Cockpit zu erhöhen.

Soziale Netzwerke: die große Bühne der Betroffenheit

Die Betroffenheit über das Geschehen bricht sich derweil auf allen Ebenen und Kanälen Bahn – in Gesprächen auf der Straße, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz, übrigens auch unter den angeblich so abgebrühten Journalisten. Besonders intensiv fallen die Reaktionen in den sozialen Netzwerken aus – sie sind die große Bühne der Betroffenheit geworden.

„Was geht ab in der Welt?“, fragte am Donnerstag ein Nutzer des Nachrichtendienstes Twitter schockiert. Ein Ausdruck der von vielen so empfundenen Ohnmacht. Die Twitter-Mitteilung weist über die Flugzeug-Tragödie hinaus – auf das aktuelle Weltgeschehen, das von Kriegen und Krisen gekennzeichnet scheint. Denn die Tatsache, dass Brennpunkte wie Ukraine, Irak, Syrien, Libyen und Jemen unter dem Eindruck des Airbus-Absturzes auf die hinteren Seiten ausgelagert sind, heißt ja nicht, dass sie kleiner geworden oder gar verschwunden wären.

Sich dem Strom der Nachrichten aus- zusetzen kann belastend sein. Umso wichtiger ist es, dass diejenigen, die damit von Berufs wegen umgehen – die Journalisten –, eine gründliche Einordnung des Geschehens vornehmen. Sie können die Sehnsucht nach einer heilen Welt nicht bedienen.

Sie können den Blick aber auch auf Dinge jenseits des Negativen richten. Gute Nachrichten – es gibt sie. Selbst im Kontext der Katastrophe. Da ist der Germanwings-Pilot, der vor dem Start von Hamburg nach Köln in die Kabine trat, jeden Passagier einzeln begrüßte und von seiner Familie sprach und davon, dass er alles dafür tun würde, am Abend wieder zu Hause zu sein. „Es war völlig still“, erinnert sich eine Passagierin. „Und dann hat der ganze Flieger applaudiert.“ Worte nur, aber sie haben inmitten der Verunsicherung etwas bewirkt: Zuversicht! Davon sollte es mehr geben.

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