Nicht alle Stuttgarter stören sich an Obdachlosen beim Hauptbahnhof Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Die Klett-Passage und die Unterführung am Rotebühlplatz sind zu Treffpunkten von Szenen geworden, die Einzelhandel und Stadt als problematisch einstufen. Nicht mehr alle Passanten fühlen sich dort sicher. Die Berichterstattung unserer Zeitung erfuhr ein großes Echo.

Stuttgart - Die Klett-Passage und die Unterführung am Rotebühlplatz sind zu Treffpunkten von Szenen geworden, die Einzelhandel und Stadt als problematisch einstufen. Nicht mehr alle Passanten fühlen sich dort sicher. Die Berichterstattung der Stuttagrter Nachrichten erfuhr ein großes Echo.

So klagt die 24-jährige Katharina Rothengass, Medienmanagement-Studentin aus Feuerbach, dass sie sich vor allem in der Stadtmitte zwischen den S-Bahn- und den Stadtbahn-Haltestellen unwohl fühlt: „Da sind schon ein paar komische Gestalten unterwegs“, sagt sie. Obwohl sie nicht „der ängstliche Typ“ sei. Die „Gestalten“, von denen Rothengass spricht, kommen nach Einschätzung der Polizei aus dem Drogenmilieu bei der Paulinenbrücke. Etliche Leser haben in Zuschriften und auf der Seite unserer Zeitung im sozialen Netzwerk Facebook den Verantwortlichen Versagen in Stuttgarts Brennpunkt-Passagen vorgeworfen.

 

„Die Bahn und die Stadt haben in der Klett- und der Passage am Rotebühlplatz seit Jahrzehnten nichts mehr investiert oder verschönert. Daher rutscht das Sozialniveau zur Zeit dort so extrem ab. Eine Landeshauptstadt und starke Wirtschaftsregion sollte hier mehr investieren und die Passagen zeitgemäßer und ansehnlicher gestalten!“, findet Andreas Betsch aus Stuttgart.

Die Bahn vermietet jedoch lediglich die Ladenflächen dort, die Freiflächen und Laufwege der Klett-Passage sind öffentlicher Raum und liegen damit im Zuständigkeitsbereich der Stadt. Genauso verhält es sich in der Unterführung am Rotebühlplatz.

Auch finden viele, dass sich die Stadt eher Sorgen um ihre sozialen Probleme machen sollte, anstatt darüber nachzudenken, wie sich das Bild im öffentlichen Raum verschönern ließe. So wurde im vergangenen Herbst ein komplettes Rauchverbot in der Klett-Passage erlassen. Das Ergebnis: Wo Zigaretten früher bei den Raucherinseln im Aschenbecher landeten, liegen sie heute auf dem Boden herum.

„Dass sich dort immer mehr Obdachlose sammeln, hat wohl verschiedene Gründe: Erstens hat sich die Szene durch die Bauarbeiten von Stuttgart 21 verlagert, zweitens nimmt der Anteil von Armen und Obdachlosen in unserer Gesellschaft ständig zu. Wir sollten uns klar machen, dass das in erster Linie ein gesellschaftliches Problem ist. Je unsozialer die Politik, je radikaler die Geschäftsgebaren der Firmen, desto mehr Menschen rutschen aus dem System und landen auf der Straße“, ergreift Claudia Richter aus Stuttgart Partei für Randgruppen in den Passagen. Ähnliche Töne schlägt ein Leserbrief an: „Gerade wird teilweise gegen die ärmsten unserer Mitbürger Stimmung gemacht. Besser wäre es doch, gegen die Bedingungen Stimmung zu machen, die das verursachen.“ In den Augen von Walther Pfisterer aus Stuttgart ist die Ursache die ungerechte Verteilung des Reichtums.

Andere dagegen wünschen sich, dass Stadt und Polizei in Stuttgarts Untergrund präsenter werden – und entschiedener handeln. So kritisiert Kai Lösch: „Meine Kollegen und auch ich fühlen uns teilweise sehr unwohl, es kam vor, dass man uns bedroht. Jede Mülldeponie schaut gepflegter aus als der Hauptbahnhof. Die Touristen bekommen gleich mal einen tollen Eindruck, was Stuttgart zu bieten hat.“ Die Stadt und Polizei müssten dort mehr durchgreifen „Dort unten ist es wie in einem Markt, man kommt rein und hat alles im Angebot, vom Obdachlosen bis zum Stricher, Dealer, Alkis, alles dabei.“

Einigkeit dagegen herrscht darin, was die Sauberkeit in den Passagen angeht. Da müsse die Stadt mehr investieren, heißt es. Um bei dem umstrittenen Thema eine Lösungen zu finden, hat Hermann Karpf, Sprecher von Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) angekündigt, zeitnah ein Treffen der Verantwortlichen einzuberufen. Was besprochen werden soll, ist noch nicht bekannt. Auch ein Termin steht noch nicht fest. In der Vergangenheit, von 2002 bis 2003, hat der Einsatz von Kameras die Drogenszene am Rotebühlplatz vertreiben können.

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