Die Erschaffung von Kunstwerken könnte bald in andere Hände übergehen – fragt sich nur mit welchem Ergebnis. Foto: IMAGO/Zoonar/IMAGO/Zoonar.com/manfred2000

Genie war gestern. Heute schreibt, malt und komponiert die KI in jedem beliebigen Stil. Hat der Künstler ausgedient? Kommt darauf an, mit was man sich zufrieden gibt.

Zu Beginn dieses Jahres war es so weit. Die Autorin Rie Kudan, Trägerin einer bedeutenden Literaturauszeichnung Japans, bekannte sich jüngst bei der Preisverleihung dazu, Teile ihres prämierten Romans „Tokyo-to Dojo-to“ mithilfe von ChatGPT verfasst zu haben. Sie habe der Software ihre innersten Gedanken anvertraut, über die sie „mit niemand anderem sprechen“ könne. Einige Antworten ihres künstlich intelligenten Gegenübers hätten sie dann zu Dialogen in ihrem Buch angeregt.

 

Ob und wie KI künftig an der Herstellung von Fiction aller Art beteiligt sein könnte, ist nicht nur eine Frage, die die Produktionsbedingungen künstlerischer Arbeit betrifft. Sie liefert zugleich den visionären Stoff, mit dem sich viele Kunstwerke gerade inhaltlich auseinandersetzen. Auch der Roman von Rie Kudan bedient sich nicht nur eines Chatbots als Dialogpartner, sondern handelt auch davon.

Der zwischenmenschmaschinliche Austausch mag in Japan gewisse Anknüpfungspunkte haben, wo die Menschen schon gegen Ende des letzten Jahrhunderts kleinen digitalen Quälgeistern namens Tamagotchi liebevolle Pflege angedeihen ließen. Aber am Beispiel jenes Romans – dessen Titel ein KI-basiertes Übersetzungsprogramm auf Deutsch so ausspuckt, wie er auf Japanisch eingegeben wurde – lässt sich zeigen, in welches Verhältnis das Generative komplexer Computerprogramme zu dem genuin menschlichen Schöpfungsakt treten kann.

Offensichtlich gibt es die innersten Gedanken eines Menschen, die einen Verarbeitungsprozess durchlaufen, an dem auch Künstliche Intelligenz beteiligt sein kann. Und es gibt eine Autorin, die die Verantwortung für das Ganze übernimmt, und deren Berufsbezeichnung sich aus dem lateinischen Auctor ableitet, was soviel wie Urheber bedeutet.

Kombinatorische Buchstabensuppe

Kulturleistungen wie Literatur und Kunst lassen sich im weitesten Sinn als Ausdrucksmittel verstehen. Und selbst wenn sich Texte auf andere Texte beziehen, Bilder auf andere Bilder, steht am Beginn und am Anfang der Kette das Bedürfnis, etwas darüber zu erfahren oder mitzuteilen, wie es für ein an einen Körper gebundenes Bewusstsein ist, in der Welt zu stehen.

Aus was aber bestehen die Erfahrungen einer KI? Aus Wahrscheinlichkeiten, hinter ihnen steht kein Denken oder Fühlen, sondern Statistik. Was hat uns ein Chatbot darüber zu sagen, wie es ist, Schmerz zu empfinden, Liebe oder auch nur die existenzielle Angst, überflüssig zu werden? Sicher einiges, aber nur weil schon viele, die wussten, wovon sie sprachen, und einen Fundus geliefert haben, aus dem sich die kombinatorische Buchstabensuppe möglicher Antworten speist.

Was die Befürchtung nährt, Maschinen könnten künftig kulturelle Leistungen urheben, die an den Kern des menschlichen Selbstverständnisses rühren, ist das Ergebnis massiver Urheberrechtsverletzungen. Und so rasant lernfähig sich die neue Technologie erweist, könnten bald eklatante Lernbehinderungen rechtlicher Art die Versetzung in die nächste superintelligente Stufe gefährden.

Den Daten, mit denen die Tech-Konzerne ihre KI-Modelle trainieren, liegen ungeahnte Mengen geschützter Werke zugrunde. Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels spricht von Urheberrechtsverletzungen in bisher nicht da gewesenem Ausmaß und fordert eine Klarstellung durch den europäischen Gesetzgeber. Gerade läuft ein Verfahren des Europäischen Schriftstellerverbands gegen Google, denn ein Teil des Trainingsmaterials für dessen generative KI stammt aus einer sogenannten Schattenbibliothek, gestohlenen Büchern im Netz. Schriftsteller wie Jonathan Franzen und George R. R. Martin klagen gegen das Unternehmen OpenAI, weil sie befürchten, imitiert zu werden.

Allzumenschliche Allmachtsphantasien

Doch ein Spezifikum von Kunstwerken ist, dass ihre Bedeutung nur zu einem Teil material greifbar sein kann, der andere bleibt im Immateriellen einer Zuschreibung: Wenn ein in einen musealen Kontext versetztes Pissoir zum Ausdrucksmedium werden kann, warum nicht auch jenes im Auktionshaus Christies für 380 000 Euro versteigerte Porträt „Edmond de Belamy“, das von keines Künstlers Hand gemalt wurde? Vorausgesetzt jemand übernimmt die Autorschaft, in dem er dem künstlich generierten Artefakt eine Bedeutung zuweist, etwa als zeitgenössisches Readymade, das den Begriff des Kunstwerks reflektiert oder infrage zu stellt.

Wie wenig der Einsatz computergenerierten Materials die schöpferische Originalität schmälern muss, ja ihrer Entfaltung im Gegenteil ganz neue überwältigende Mittel an die Hand gibt, zeigt ein Film wie „Poor Things“ des griechischen Regisseurs Jorgos Lanthimos: die Vogel-Hund-Klone, die seine Frankensteiniade über einen „Mad Scientist“ bevölkern, hätten ohne die Unterstützung künstlicher Intelligenz nie das Licht der Welt erblickt; gleichzeitig dürfte selten so viel Autoren-Film-Originalität in die glamourösen Blockbuster-Sphären eingeführt worden sein.

Dagegen könnten literarische Übersetzer von der schönen neuen Welt der Sprachmodelle besonders betroffen sein, etwa wenn sie künftig nur noch als Nachbearbeiter maschinengenerierter Rohlinge fungieren müssten. Unbestritten ist die Funktionalität der KI bei Gebrauchstexten, bei der Produktion von Dutzendware, der Übernahme zeitraubender Recherchen oder Zusammenfassungen. Dagegen haben sich bisher alle Bemühungen, den Bestsellercode zu knacken, als vergeblich erwiesen.

Wo genau auf künstlerischem Feld die Grenze zwischen einer neuen, vieles erleichternden Technologie und dem Frankensteinland einer anthropomorph übersteigerten Allmachtsphantasie verläuft, ist eine Frage der Urteilskraft. Aber vielleicht sollte man angesichts der Angst um Originalitätsverlust manches Allzumenschliche in den hergebrachten Verfahrensweisen nicht ausblenden. Denn Hohles, Unoriginelles, Abgekupfertes, Stereotypes zu produzieren, ist ganz gewiss nicht erst eine Schlüsselqualifikation Künstlicher Intelligenz.

Ob wir künftig von Imitaten, einem Remix bewährter Muster und schlechten Übersetzungen geflutet werden, liegt in unserer Hand. Vor dem Hintergrund des alten Motivs Mundus vult decipi – die Welt will betrogen werden – könnte die neue Technologie allerdings durchaus Ausmaße annehmen, denen gegenüber schlechte Kunstwerke noch die harmloseste Folge wären.