Drei von vier Vätern, die Elterngeld beziehen, tun das nur zwei Monate lang. Warum viele Männer nicht länger in Elternzeit gehen, liegt für Experten an traditionellen Geschlechterrollen und Lohnunterschieden. Foto: IMAGO/Westend61/IMAGO/Jake Jakab

Sie verdienen 180 000 Euro brutto im Jahr und wären von den Streichungen beim Elterngeld wohl betroffen. Sandra und Thomas sehen die Pläne des Familienministeriums zur Streichung des Elterngelds kritisch. Was würden sie stattdessen vorschlagen?

Seit dieser Woche haben die Hofers (Namen geändert) die jetzt so viel genannte Einkommensgrenze überschritten: Zur Rückkehr aus ihrer Elternzeit gab es für Sandra Hofer von ihrem Arbeitgeber aus der Finanzbranche eine Gehaltserhöhung. Nun verdienen sie und ihr Mann Thomas zusammen 180 000 brutto im Jahr. Die Pläne von Familienministerin Lisa Paus (Grüne), das Elterngeld für Paare mit einem zu versteuernden Einkommen von 150 000 Euro und mehr zu streichen, könnten die Hofers aus Stuttgart also treffen. Denn eigentlich wollen sie noch ein zweites Kind.

 

Als die Pläne vergangene Woche bekannt wurden, hat sich Sandra Hofer „furchtbar aufgeregt“. Sie findet, eine mögliche Streichung sei ein Rückschlag für die Gleichberechtigung. Die 32-Jährige vermutet, dass sich dann weniger Männer dazu entscheiden, in Elternzeit zu gehen.

Auch die Hofers müssten erst sparen

Außerdem sei es nicht so, dass sie als Familie die rund 25 000 Euro, die ihnen dann an Elterngeld entgehen würden, einfach ausgleichen könnten. Die Hofers verdienen zwar schon länger beide gut, aber: „Nach dem Studium haben wir mit null Euro angefangen und dann immer auf etwas gespart. Erst auf die Hochzeit, dann auf unsere Wohnung, die wir gerade abbezahlen“, sagt Sandra Hofer. Derzeit hätten sie deshalb auch keine Rücklagen. Wenn sie ein zweites Kind und dann kein Elterngeld bekämen, würden die Hofers länger sparen müssen, um das ausbleibende Elterngeld ausgleichen zu können. „Das würde schon so zwei, drei Jahre dauern, bis wir genug hätten“, sagt Sandra Hofer.

Ihr Mann hingegen ärgert sich nicht darüber, dass Gutverdiener wie sie eventuell kein Elterngeld mehr bekommen. „Wenn gekürzt werden muss, dann bei den Einkommensstarken“, sagt er. Allerdings lehne er die Absicht der Politik ab, den einen etwas zu streichen – ohne dass andere Familien davon profitieren. Anders gesagt: „Würde uns das Elterngeld gestrichen und der Betrag dafür in die Kindergrundsicherung fließen, wäre das für mich in Ordnung“, sagt der 39-Jährige, der als Projektleiter im Anlagenbau arbeitet.

Den Hofers ist eine gleichberechtigte Elternschaft wichtig, sie leben sie auch im Alltag: Nach der Geburt ihres Sohnes vor sieben Monaten ging erst Sandra Hofer in Elternzeit, nun hat ihr Mann für die nächsten sieben Monate übernommen. Sandra Hofer arbeitet wieder in Vollzeit als Projektleiterin, auch Thomas Hofer wird kommendes Jahr in seine Vollzeitstelle zurückkehren. Sie hoffen, dass sie dann einen Kitaplatz für den Sohn haben werden. Die Betreuungsarbeit und das Familienmanagement wollen sie sich dann jeweils zur Hälfte aufteilen.

Beide nehmen sieben Monate Elternzeit

Das Elterngeld sei immerhin ein Anfang gewesen, mehr Männer in Elternzeit zu bringen, findet Sandra Hofer. Viele würden nun zumindest zwei Monate davon übernehmen. Sie befürchtet, dass dieser Effekt bei Gutverdienern verpufft, wenn die Streichung kommt.

Die Statistik scheint diese Befürchtung zu untermauern. Denn drei von vier der Väter, die es beziehen, tun das nur zwei Monate lang, sagt Forscher Mathias Huebener vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Er hat an einer 2022 veröffentlichten Studie zur Wirkung des Elterngeldes mitgearbeitet. Es zeigte sich: „Erst wenn ein Vater drei Monate oder länger in Elternzeit war, was nur jeder zehnte tut, teilt sich das Paar auch dauerhaft Kinderbetreuung und Hausarbeit gleichberechtigter auf.“ Interessant dabei: Das gilt auch dann, wenn der Mann danach wieder in Vollzeit arbeitet. Zwar würden mittlerweile doppelt so viele Väter in Elternzeit gehen wie vor der Einführung dieser Leistung vor 15 Jahren. Vom ursprünglichen Ziel des Elterngeldes, nämlich die gleichberechtigte Aufgabenverteilung innerhalb von Familien zu fördern und Frauen damit Luft für die Erwerbsarbeit zu schaffen, sei man noch ein gutes Stück entfernt.

Dazu kommt die katastrophale Versorgung mit Kita-Plätzen, vor allem in den Ballungsräumen. Nach Ansicht vieler Experten ist dieser Mangel das eigentliche Problem bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Dennoch bleibt die Frage: warum gehen so wenige Männer länger in Elternzeit? Warum ist Thomas Hofer in seinem Umfeld eine Art „Einhorn“, wie er sagt? Für die Freiburger Haushaltswissenschaftlerin und Soziologin Uta Meier-Gräwe sind die teils großen Lohnunterschiede in typischen Frauen- und Männerberufen der Hauptgrund dafür, dass sich bei der Aufgabenteilung daheim kaum etwas tut. Denn – auch das zeigen Studien – wer wie viel Elternzeit nimmt, hängt in erster Linie davon ab, wer wie viel verdient.

Dass der Mann mehr verdiene, höre sie oft als Argument, sagt Sandra Hofer. Sie lässt das aber nicht immer gelten: „Bei hohen Einkommen ist es doch egal, ob einer dreihundert oder vierhundert Euro netto mehr verdient. Das muss einem Gleichberechtigung wert sein!“

Der Chef fand es gut

Thomas Hofer hat festgestellt, dass viele Männer gar nicht wissen, dass sie länger als zwei Monate Elternzeit nehmen können. „Die sind ganz erstaunt, wenn ich das erzähle.“ Außerdem hätten einige Angst, dass es dann vorbei sei mit der Karriere. Thomas Hofer hat gute Erfahrungen mit seinem Arbeitgeber gemacht. Dass er sieben Monate Elternzeit nimmt, hat sein Chef unterstützt, die Projektleitung hat ein Kollege übernommen. Thomas Hofer wird entweder in das alte Projekt zurückkehren oder ein neues Projekt übernehmen.

Seine Frau Sandra versteht Vorbehalte von Führungskräften gegen längere Elternzeit ohnehin nicht. Sie ist selbst Chefin und findet: „Für Arbeitgeber und Kollegen ist es einfacher, wenn ein Mann länger Elternzeit nimmt als nur die zwei Monate. Dann kann man einen Ersatz einstellen. Bei zwei Monaten wird die Arbeit einfach auf alle anderen verteilt.“

Für den Forscher Mathias Huebener ist klar, dass die Politik Anreize schaffen muss, dass Väter länger in Elternzeit gehen. „Beispielsweise indem die Höhe des Elterngeldes steigt, je paritätischer sich ein Paar die Elterngeldbezüge aufteilt.“ Klar sei aber auch: Das Elterngeld könne immer nur eine Stellschraube sein, wenn es um mehr Gleichberechtigung in Partnerschaften geht.

Mindestens genauso wichtig scheint eine Abkehr von tradierten Vorstellungen über Familien. Traditionelle Rollenbilder von der Frau als Kümmerin und dem Mann als Ernährer wirkten stark – bei den Paaren selbst, aber auch in der Gesellschaft.

Eine Erfahrung, die die Hofers auch machen: „Ich wurde schon gefragt, ob Thomas das überhaupt kann daheim“, erzählt Sandra Hofer. Es fehlten die Vorbilder. Paare, die wie die Hofers Elternschaft ganz selbstverständlich gleichberechtigt aufteilen.

Elterngeld

Leistung
Seit 2007 erhalten Eltern maximal 14 Monate lang rund 67 Prozent ihres Nettogehaltes, maximal 1800 Euro monatlich. Das Elterngeld soll Mütter und Väter finanziell unterstützen, aber auch Väter dazu bewegen, Elternzeit zu nehmen. Bislang nehmen von jenen, die in Elternzeit gehen, die meisten aber nur rund zwei Monate. Studien haben gezeigt, dass sich ein Paar erst dann, wenn der Vater vier Monate und länger nimmt, auch danach die Betreuung der Kinder und all die Aufgaben rund um das Familienleben gleichberechtigter aufteilt.

Pläne
Unter dem Spardruck des Finanzministeriums will Familienministerin Lisa Paus (Grüne) das Elterngeld für Paare ab einem zu versteuernden Einkommen von 150 000 im Jahr streichen, dafür braucht man laut Steuerexperten rund 180 000 Euro Bruttoeinkommen. Bislang liegt die Einkommensgrenze bei Paaren bei 300 000 Euro.