Wie funktioniert Kunst in Zeiten von Corona? Darüber spricht die Schauspielerin Katja Bürkle, die in der Oper Stuttgart zu Mahlers „Das Lied von der Erde“ einen Text von Elfriede Jelinek spielen wird.
Stuttgart - Eigentlich hätte das Treffen mit Katja Bürkle schon im März stattgefunden: vor der Premiere von Elfriede Jelineks „Rechnitz (Der Würgeengel)“. Die Inszenierung des ehemaligen Stuttgarter Opernchefs Jossi Wieler war im Jahr 2008 an den Münchner Kammerspielen aufgeführt worden.
Intendant Burkhard C. Kosminski wollte die erfolgreiche Produktion in Stuttgart zeigen. „Wir hatten uns vorbereitet, den Text längst wieder gelernt, wir wären montags für die Proben angereist“, sagt die Schauspielerin Katja Bürkle (42). Dann kam Corona, das Theater musste schließen, alle Vorstellungen wurden abgesagt.
Die Premiere ist erst mal verschoben. Ebenso andere Projekte. „Der Umgang mit der ganzen Situation gestaltet sich sehr unterschiedlich“, sagt Katja Bürkle. „Ich würde mir wünschen, dass wir alle zusammen viel grundsätzlicher über das bestehende System und vor allem die Möglichkeit, neue, andere Wege zu gehen, nachdenken – egal ob das jetzt Schulen oder Theater betrifft. Aber jetzt müssen wir erst mal gut durch die nächsten Monate kommen.“
Katja Bürkle spielte zuletzt „Psychose“ von Kane
Anders als manche Kollegin, mancher Kollege traf sie der Lockdown nicht ganz so hart. Schon länger arbeitet die in München lebende Schauspielerin frei. Zuvor war die gebürtige Stuttgarterin lange Jahre am Schauspiel Stuttgart engagiert. Bereits zwei Jahre nachdem sie engagiert worden war, erhielt sie von der Fachzeitschrift „Theater heute“ die Auszeichnung als „Nachwuchsschauspielerin des Jahres“.
Im Jahr 2008 wechselte sie an die Münchner Kammerspiele. Katja Bürkle spielt Theater auf großen Bühnen von Frankfurt bis zum Wiener Burgtheater, arbeitet mit Regisseuren wie René Pollesch, Martin Kusej, Karin Henkel und Stephan Kimmig. Und zuletzt – hoch gelobt – in Sarah Kanes „Psychose“ in der Regie von Ulrich Rasche am Deutschen Theater Berlin. Für ihre Interpretation des Franz Moor in Schillers „Die Räuber“ am Bayerischen Staatsschauspiel München, inszeniert von Ulrich Rasche, war sie für den „Faust“-Preis nominiert.
Sie dreht für Film und Fernsehen, spricht Hörbücher, Hörspiele, unterrichtet an der Falkenbergschule in München und am Mozarteum in Salzburg. „Gedreht werden konnte relativ früh wieder“, sagt Katja Bürkle, „und als Sprecherin konnte ich ohnehin weiterarbeiten.“ Anfang Dezember wird sie in einer Verfilmung zum Mord an dem Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke an der Seite von Joachim Król als Ermittlerin in der ARD zu sehen sein.
Dass die da eine schwangere Frau spielt, ist ein Corona-Kuriosum. Die Schauspielerin, die zunächst die Rolle übernahm, war schwanger, das nahm man mit in die Produktion auf. Die wurde dann aber wegen Corona verschoben. „Irgendwann war die Schauspielerin sozusagen zu schwanger und durfte nicht mehr arbeiten. Die Schwangerschaft als solche hielt man allerdings für eine gute Idee und behielt das bei. Ich bekam einen grandios modellierten Babybauch umgeschnallt und durfte bei hochsommerlicher Hitze ordentlich schwitzen“, sagt Katja Bürkle.
Spielen im Bühnenbild von Richard Strauss
Auch wenn es noch bis nächste Saison (mindestens) dauert, bis Jelineks „Rechnitz“-Abend kommt, ist Katja Bürkle jetzt aber doch schon in Stuttgart und wird – Überraschung – Elfriede Jelinek spielen. Nur eben nicht im Schauspielhaus, sondern nebenan in der Oper, wie sie jetzt bei einem Treffen nach der Probe im Probenzentrum Nord am Pragsattel erzählt.
Mahlers Sinfonie „Das Lied von der Erde“ in Arnold Schönbergs Fassung für Kammerorchester wird von Regisseur David Hermann mit einem Text von der Literaturnobelpreisträgerin Jelinek verknüpft. Und mit der Richard-Strauss-Oper „Die Frau ohne Schatten“, genauer: mit dem halb fertigen Bühnenbild von Jo Schramm. Denn die Produktion wurde Corona-bedingt abgesagt, die Orchesterbesetzung war zu groß für die geltenden Abstandsregeln.
Jelineks kurzer Prosatext „Die Bienenkönige“ handelt von einem Wesen, das über einen Planeten in Endzeitstimmung spricht: Millionen Tote, Menschenexperimente, dann eine Revolte von kinderlosen Frauen, die als Sexarbeiterinnen dienen mussten, und von Männern, die als Arbeitssklaven herangezüchtet worden waren. Die wenigen Überlebenden betreiben nun Ackerbau.
Bemühen um größtmögliche Klarheit
„Ich bin auf der Suche nach größtmöglicher Klarheit. Dem apokalyptischen Science-Fiction-Szenario von Jelineks Text ist nicht ganz einfach zu folgen“, sagt Katja Bürkle. „Und ich möchte die Leute gerne abholen und nicht vor den Kopf stoßen, zumal es ja schon ungewöhnlich genug ist, dass in der Oper erst einmal gesprochen wird.“ Vielleicht wird sie wie Kommissar Columbo in der Krimiserie auf die Bühne kommen und „wie einen Tatort inspizieren“. Eher schlendernd vermutlich, sich in dem Fragment gebliebenen Bühnenbild umschauen – eine Art Schiffshalbrund mit einem Steg wie ein Zeiger, der sich drehen kann, unfertig, Decken, Kunststoffgegenstände, die herumliegen.
Und dann wird sie sagen: „Da haben wir also wieder mal einen, der sich selber zerstört hat. Wenn man unseren Informationen Glauben schenken darf, so hat es dieser Planet schon längere Zeit vorher vorausgesehen, dass es mit ihm so weit kommen wird, wenn er so weitermacht.“
Nur kein Pathos!
Katja Bürkle stellt die Kaffeetasse ab, spielt das plötzlich kurz an. So wie ein Sänger kurz eine Melodie summt. Heller Ton, ein bisschen abschätzig, hochgezogene Augenbrauen, kritischer Blick. Eher „pragmatisch, geerdet“, wie sie sagt. Nur kein Pathos, keine Seelenzergliederung. Und schon möchte man das gern sehen und stellt sich vor, dass dies lapidar Schlichte im Zusammenspiel mit dem jenseitigen Wehen der Musik und jenseitsverliebten Liedzeilen wie „Die Welt schläft ein“ spannend werden könnte.
Eine Situation wird zu erleben sein, die davon zeugt, dass die Welt nicht gut in Schuss ist – passend zur aktuellen Wirklichkeit, egal, ob man nun zuerst an die Pandemie oder an den Klimawandel denken mag.
Und so erklärt sich auch die Idee zu dem Mix von einem Science-Fiction-Text von Jelinek aus dem Jahr 1976 und dem Mahler-Werk von 1911, das auf Gedichten von Hans Bethge beruht: „Ist das überhaupt zum Aushalten? Werden sich die Menschen nicht darnach umbringen?“, so soll Gustav Mahler den Dirigenten Bruno Walter gefragt haben, nachdem er ihm „Das Lied von der Erde“ geschickt hatte. Tatsächlich stimmt wohl selbst den Fidelsten mindestens das letzte Lied „Abschied“ nachdenklich, wenn nicht todtraurig.
Liebe, Leid, Intrigen – und Hoffnung
Nachdem also Katja Bürkle ins endzeitliche Geschehen eingeführt haben wird, sind die Sängerinnen und Sänger – Simone Schneider, Evelyn Herlitzius, Thomas Blondelle und Martin Gantner – an der Reihe. Interaktion zwischen Sängern und Schauspielerin wird kaum stattfinden, „Corona-bedingt, was natürlich schade ist. Ich spiele normalerweise viel lieber mit anderen zusammen, als ganz allein auf der Bühne zu sein“, sagt Katja Bürkle. Am Ende wird die Schauspielerin auf die Bühne kommen, das Geschehen rahmen. „Ich hole die Sänger und Sängerinnen ab. Transformiere sie quasi in eine neue Energieform.“
Kenner von Richard Strauss horchen jetzt auf und freuen sich, weil sich so auch erklärt, wie das Ungespielte das Gespielte beeinflusst und gerade Mahler und Jelinek ins Bühnenbild von „Frau ohne Schatten“ kommen. Auch in der Oper finden Verwandlungen von Figuren statt, bevölkern eigenartige Wesen die Szene, das Totenreich kommt vor, kinderlose Frauen, Leid, Intrigen, Liebe. Und Hoffnung auf ein gutes Ende. In der Kunst wie im Leben.
Info zur Premiere und anderen Produktionen
Die Produktion
Die Premiere von „Das Lied von der Erde“ mit Katja Bürkle im Stuttgarter Opernhaus am 27. Oktober um 19 Uhr ist ausverkauft. Regie: David Hermann, musikalische Leitung: Cornelius Meister. Ausverkauft sind auch die Vorstellungen am 29. Oktober und 7. November, für den 14. November gibt es Restkarten.
Die Schauspielerin
Die 1978 in Stuttgart geborene Katja Bürkle ist demnächst auch im Fernsehen zu sehen: „Schuss in der Nacht“, der Lübcke-Film von Raymond Ley, läuft am 4. Dezember in der ARD. Die Schauspielerin ist zudem beim MDR die neue Radio-„Tatort“-Kommissarin. „Erster Angriff“ von Dirk Laucke heißt die erste Folge. Die läuft dann auch auf SWR 2 Anfang Dezember 2020.