Viele junge Frauen ohne Berufsausbildung verdienen zum Beispiel in Gastronomie und Tourismus ihr erstes Geld. Foto: imago/ingimage

Die Zahl junger Arbeitskräfte ohne eine Berufsausbildung wächst. Doch tun sie sich auf längere Sicht am Arbeitsmarkt sehr schwer. Die Bundesagentur für Arbeit warnt vor den negativen Konsequenzen und geht dagegen vor.

Angesichts der Fachkräftemisere hat die Bundesagentur für Arbeit (BA) ein nicht ausgeschöpftes Potenzial ausgemacht: die jungen Menschen, die nach der Schule direkt auf den Arbeitsmarkt springen. Nach einer aktuellen Studie des BA-Forschungsinstituts IAB haben in Baden-Württemberg zwischen 2013 und 2021 mehr als 236 000 unter 25 Jahren ohne abgeschlossene Berufsausbildung die erste sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen. Im Vorjahr arbeiteten gut 110 000 Beschäftigte – also fast ein Drittel der Unter-25-Jährigen – ohne formalen Abschluss.

 

Mehr als die Hälfte steckt in einer Helfertätigkeit

Unter diesen jungen Menschen finden sich relativ viele Schulabgänger mit Abitur oder Fachhochschulreife (53 Prozent) sowie Hauptschüler (22), aber auch ausländische Beschäftigte (24). Mehr als die Hälfte steckt in einer Helfertätigkeit. Ein Anreiz sind die auskömmlichen Verdienste, die auch eine Folge des großen Arbeitskräftebedarfs sind. Gezahlt werden Löhne, mit denen die jungen Betroffenen offenbar gut klarkommen.

Die Männer werden vor allem von den Bereichen Verkehr/Logistik, Metallbau/-bearbeitung, Unternehmensorganisation, Verkaufsberufen und Jobs in der Fahrzeugtechnik angelockt. Junge Frauen sind insbesondere in Verkaufsberufen, in der Organisation von Unternehmen, Verkehr/Logistik sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe zu finden. Noch sind die Chancen günstig, doch der Lockruf des schnellen Geldes führt angesichts von Digitalisierung und Automatisierung in die Sackgasse – einfache Tätigkeiten entfallen auf Dauer, gefragt sind qualifizierte Kräfte. Ein klassischer Arbeitsplatz für An- und Ungelernte findet sich am Fließband der Automobilindustrie. Dort komme eine junge Kraft schnell rein, könne aber auch rasch wieder draußen sein, sagt Christian Rauch, Chef der BA-Regionaldirektion Baden-Württemberg. Der Anteil dieser Arbeitsplätze werde massiv sinken. „Der Job eines heute 30-Jährigen ist dort in zehn Jahren massiv bedroht.“

Ziel der Arbeitsagenturen ist es daher, den Betroffenen das Nachholen von Ausbildungsabschlüssen nahezulegen. Dies zahle sich aus: So schaffen 83 Prozent der Helferinnen und Helfer, die noch eine Ausbildung abschließen, einen beruflichen Aufstieg – gegenüber 42 Prozent der weiter Ungelernten. Und deutlich mehr Geld lässt sich über die Lebensarbeitszeit betrachtet mit einem Abschluss auch verdienen, selbst wenn diese Sicht in jungen Jahren nicht so sehr zählt.

Schon in der Schulzeit das Interesse am Beruf wecken

Genauso wichtig erscheint es den Arbeitsagenturen, „mit unserem umfassenden Beratungsangebot möglichst früh anzufangen“ – damit schon in der Schulzeit und dort nicht erst in der Abschlussklasse eine Affinität zur Berufsausbildung entstehe, wie der Chef der Stuttgarter Agentur, Gunnar Schwab, sagt. Zur Berufsberatung vor dem Erwerbsleben hat sein Amt eine eigene Website eingerichtet; zudem gibt es Sprechstunden in der offenen Jugendhilfe. Bisher mache nur ein kleiner Teil von den Angeboten Gebrauch – vielfach zeige sich noch die Haltung der jungen Menschen: „Es wird schon irgendwie weitergehen“. Da brauche es auch einen „langen Atem“ der Berufsberater. Immerhin habe sich die Landesregierung vorgenommen, die Berufsorientierung in den Schulen zu verbessern, hebt Rauch hervor.

Widersinnig wirkt die verbreitete Abneigung gegen eine Ausbildung auch angesichts der Tatsache, dass zum 30. September 2022 im Land gut 11 000 Ausbildungsstellen unbesetzt blieben. Die Schere, wonach ein Teil der Jugendlichen keinen passenden Ausbildungsplatz findet und zugleich viele Betriebe über offene Lehrstellen klagen, wächst, was die Arbeitsmarktforscher als „äußerst problematisch“ erachten. Damit haben die Arbeitgeber immer mehr Mühe, ihren Fachkräftebedarf zu decken.