Marcel Hild (rechts) überwacht die Herstellung der Maultaschen. Foto: Caroline Holowiecki

15 junge Menschen mit Down-Syndrom haben im Steinenbronner Wirtshaus zum Löwen Maultaschen zubereitet. Perfekt geworden sind die nicht. Aber es ging auch um viel mehr.

Mehl rieselt durch die Luft, Maultaschenfüllung landet auf der Tischplatte, und in der Abfallschüssel liegt längst nicht nur Kartoffelpelle. In Marcel Hilds Küche geht es ein bisschen drunter und drüber, den Küchenchef und Geschäftsführer des Wirtshauses zum Löwen in Steinenbronn stört das an diesem Abend aber nicht die Bohne. „Kontrolliertes Chaos“, sagt er, lächelt breit und drückt sich durch den überfüllten Raum. Heute geht es eng zu zwischen Kochtöpfen und Servierschüsseln. 15 junge Leute im Alter zwischen zwölf und Mitte 20 wuseln durch die Küche. Allein schon das erzeugt Stau und eine gewisse Unordnung. Doch auch die Köche selbst sind kein klassisches Gastropersonal. „Ich musste erst mal lachen über den Zeitplan“, sagt Petra Hauser und betrachtet amüsiert die geschäftige Gruppe. „Das klappt nie bei uns.“

 

„Mir liegt es am Herzen, mit Kindern was zu machen.“

Im Wirtshaus zum Löwen haben diese Woche 15 junge Leute mit Down-Syndrom Maultaschen für sich und ihre Angehörigen gekocht. Sie alle sind Mitglieder im Stuttgarter Verein 46Plus und haben gemeinsam einen geselligen Abend im schwäbischen Restaurant verbracht. Initiiert haben das der Moderator Benjamin Layer, selbst Mitglied im Verein, der Künstler Sven Seeburger und eben Marcel Hild. Für den 31-jährigen Koch ist es nicht die erste ehrenamtliche Aktion mit beeinträchtigten Menschen. „Mir liegt es am Herzen, mit Kindern was zu machen.“

Mit viel Liebe wird die Fleischmasse auf den Teig gequetscht. /Caroline Holowiecki

Die Teigtaschen gibt’s nach hauseigenem Rezept, dazu selbstgemachten Kartoffelsalat. „Das schmeckt jedem“, sagt Marcel Hild. Jeder, der schon mal Herrgottsbscheißerle zubereitet hat, weiß allerdings: Leicht ist das nicht. Es geht um die richtige Roll-Technik. „Die Kinder werden da schon beansprucht“, sagt der Küchenchef und betont: „Man darf schon sehen, dass sie selber gemacht sind.“ Während Anton (20) und Fabian (23) den ausgerollten Teig mit gequirltem Ei bepinseln, drückt Johanna (16) einen gleichmäßigen Streifen aus Fleischmasse aus der Spritztüte. „Ich liebe Maultaschen“, ruft sie fröhlich durch den Raum. Das Selbermachen sei gar nicht schwer, lautet ihr Urteil, man müsse mit dem Drücken der Füllung aber vorsichtig sein. „Sonst ist Matschepampe!“

Simone Kollberg aus dem Vorstandsteam ist mit ihrem 20-jährigen Sohn Tim zum Kochen gekommen. Ihr geht es an diesem Abend vor allem darum, Öffentlichkeit zu schaffen. „Auch Menschen mit Down-Syndrom möchten kochen und essen und eine gute Zeit haben“, sagt sie. Die Behinderung sei hierbei kein Hemmnis. Freilich, den einen oder anderen müsse man vielleicht ein bisschen mehr anleiten, aber schließlich sei auch nicht jeder Mensch ohne Down-Syndrom automatisch ein begnadeter Koch.

Die Fellbacherin betont: „Es sind keine Aliens, sondern ganz normale Menschen in der Mitte der Gesellschaft.“ Personen mit Down-Syndrom würden leicht auf Dinge reduziert, die sie nicht könnten. Kochen wird bei 46Plus allerdings großgeschrieben, und nicht nur, weil zuletzt Gutsle miteinander gebacken wurden. Unter dem Titel „Voll lecker“ ist 2018 ein vereinseigenes Kochbuch erschienen. Dafür haben Promiköche mit Menschen mit Down-Syndrom ausgewählte Speisen zubereitet. Das literarische Ergebnis hat 2019 den renommierten Gourmand World Cookbook Award gewonnen.

Einfach miteinander eine gute Zeit verbringen

Der Verein 46Plus wurde im September 2003 gegründet und zählt aktuell mehr als 230 Mitgliedsfamilien rund um die Landeshauptstadt. Zielsetzung: über das Down-Syndrom informieren und dadurch Vorurteile und Berührungsängste abbauen. Darüber hinaus möchte der Club betroffenen Familien Mut machen. Sie werden mit Beratungen, Erstinformationen und Themenabenden unterstützt. In Spiel- und Sportgruppen, bei Festen und Ausflügen können Mütter, Väter und Kinder Kontakte knüpfen und sich austauschen. Und: Sie können einfach miteinander eine gute Zeit verbringen.

Wie beim Maultaschen-Event in Steinenbronn. Petra Hauser aus dem 46Plus-Vorstand jedenfalls ist beim Anblick des fröhlichen Durcheinanders in der Löwen-Küche voll des Glücks und strahlt. „Ich finde es ganz arg toll, dass alle richtig Spaß haben“, sagt die Stuttgarterin. „Das liebe ich.“

Rund 1200 Neugeborene mit Down-Syndrom pro Jahr

Trisomie 21
Bei Menschen mit Down-Syndrom ist das Chromosom 21 in jeder Zelle drei- statt zweifach vorhanden, daher rührt auch der Begriff Trisomie 21. Statistisch gesehen ist unter 600 bis 700 Babys, die geboren werden, eines mit Down-Syndrom, so der Stuttgarter Verein 46Plus. Demnach kommen bundesweit pro Jahr etwa 1200 Kinder mit Down-Syndrom zur Welt. Trisomie 21 ist keine Krankheit, sondern eine Genveränderung. Sie beeinflusst die geistige, motorische und sprachliche Entwicklung und ist bei jedem individuell ausgeprägt.

Welt-Down-Syndrom-Tag
Am 21. März, dem Welt-Down-Syndrom-Tag, wird auf die Belange von mit Trisomie 21 geborenen Menschen und ihrer Familien aufmerksam gemacht.