Jossi Wielers fulminanter Abschied von der Stuttgarter Oper Als Ade gibt’s Festspiele am Eckensee

Von Tim Schleider 

Oper im Grünen: Die „Puritaner“ wurden von den Zuschauern begeistert gefeiert. Foto: dpa
Oper im Grünen: Die „Puritaner“ wurden von den Zuschauern begeistert gefeiert. Foto: dpa

Opernintendant Jossi Wieler schenkt der Stadt ein Finale, das Maßstäbe auch für die Zukunft setzt

Stuttgart - Kaum hatte das Ballett am sehr späten Sonntagabend die Abschieds-Luftballons für seinen Intendanten Reid Anderson von der Bühne gefegt, übernahm das Musiktheater noch einmal für drei letzte Spieltage das Opernhaus. Und natürlich hatte der nach acht Jahren von Stuttgart scheidende Intendanten Jossi Wieler seine Produktionen zum Finale nicht ohne Bedacht ausgewählt; dreimal kamen noch Inszenierungen vom Regiegespann Jossi Wieler und Sergio Morabito ins Haus: am Montag die letzte Stuttgarter Uraufführung, „Erdbeben.Träume“ von Toshio Hosokawa, am Dienstag und Mittwoch Vincenzo Bellinis „Puritaner“, am Mittwoch Beethovens „Fidelio“. In Wielers Oper ging es halt nie nur um schöne Töne oder emotionale Überwältigung. Es ging auch um Freiheit oder Unterdrückung, Humanität oder Barbarei, Liebe oder Hass. Damit hat Wieler die große Operntradition der Stadt fortgesetzt.

Wen wundert’s also, dass sich die Besucher am Montag schon zur Einführung in „Erdbeben.Träume“ drängeln und im Opernfoyer kaum noch Platz zu finden ist? Über die Katastrophen-Ästhetik des Abends lässt sich zweifellos streiten; immerhin sind Wieler und Morabito am intellektuell völlig verquasten und frappierend eindimensionalen Libretto Marcel Beyers nicht gescheitert. In der Vorstellung halten sich die beim zeitgenössischen Musiktheater kaum vermeidbaren vorzeitigen Abgänge im Publikum sehr in Grenzen – zum Schluss gibt es begeisterten Beifall für Chor und Ensemble, vor allem aber für den Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling, der am Mittwoch zur Ehren von Jossi Wieler auch den „Fidelio“ dirigierte und da wie dort zeigen konnte, welch ein Meister des modernen Klangs er ist, wie fein er mit seinen Musikern die komplexe Tonwelt aufzubauen versteht, die sich gleichwohl zu einem großen Ganzen fügt.

Opern-Picknick vor großer Leinwand

Am Dienstag dann ein großer Schritt hinaus: Bellinis üppiger „Puritaner“-Opernschmelz, in Stuttgart platziert in die zwischenmenschliche Düsternis religiöser Fundamentalisten, entfaltet als verzweifelter Kampf um Liebe und Mitmenschlichkeit in einer leider aufgrund mentaler Wirrnis völlig durchgeknallten Welt – und dann aus dem Opernhaus nochmals hinauskatapultiert auf eine große Leinwand im Schlossgarten, vor der sich beim schönstmöglichen Wetter eines Hochsommerabends mehrere Tausend Menschen zum kostenlosen Opern-Picknick versammeln. Da macht sich Festspiel-Atmosphäre breit, die man schöner in Salzburg oder Bayreuth auch nicht erleben kann.

Festspiel-Atmosphäre, die sich hier aber eben nicht nur aus der Qualität der Inszenierung ergibt – sondern ebenbürtig auch aus der musikalischen Qualität. Rund dreieinhalb Stunden hält das Publikum schier den Atem an, um nichts zu versäumen von der Sangeskunst Ana Durlovskis und Diana Hallers, vom wieder mal umwerfend präsenten Adam Palka, vom Bass-Urgestein Roland Bracht, vom überragenden Staatsopernchor. Auch hier zeigt sich ja ein wichtiges Stück Wieler-Erbe: Alle bisher genannten Protagonisten zählen fest zum Haus, zum Ensemble, waren über die Jahre in verschiedensten Rollen zu erleben. Und werden hier prachtvoll ergänzt durch die Sängergäste René Barbera und Gezim Myshketa, die sich scheinbar mühelos in die komplexe Inszenierung einfügen – nach den letzten Klängen entbrennt für all das im Publikum ein geradezu hemmungsloser Jubel.

Musiktheater auf höchstem inhaltlichem Niveau, die Pflege des Repertoires und die Achtung vor einem starken Ensemble am Haus: Jossi Wieler hat zu seinem Abschied in Stuttgart all das noch einmal bewiesen und setzt so Maßstäbe, an denen sich auch Nachfolger werden messen lassen müssen. Das gilt auch für den dann wirklich allerletzten Abend in Stuttgart: den „Fidelio“, dessen musikalischer Triumph und Glanz zum Schluss von den beiden Regisseuren so nachdenklich-zweifelnd und deshalb drängend infrage gestellt wird.

Das Stuttgarter Opernpublikum möge bitte weiterdenken, so lautet die klare ­Botschaft. Ein Wieler-Finale nach Maß – und ein Vorbild für regelmäßige Staatsopern-Open-Airs am Eckensee hoffentlich auch in kommenden Sommern!

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