Nach fünfeinhalb Gala-Stunden regnet es Ballons und Blumen. Foto: Stuttgarter Ballett

Mit einem langen Gala-Abend im Opernhaus und draußen im Park verbeugt sich das Stuttgarter Ballett von Reid Anderson. Der Intendant darf viele Erinnerungen und eine besondere Auszeichnung in den Ruhestand mitnehmen.

Stuttgart - Nach zehn Festwochentagen ist er tatsächlich da, der Moment, auf den dieser Tanztanker mit Ankündigung, aber dennoch ungebremst zugesteuert ist. Am Sonntagabend um 22.40 Uhr heißt es für das Stuttgarter Ballett und sein Publikum drinnen im Opernhaus und draußen im Park Abschiednehmen von Reid Anderson, der die Kompanie 22 Jahre lang auf Erfolgskurs gehalten hat. Nach fünfeinhalb Stunden Gala-Marathon hat die „Reid-Retrospektive“, die der demnächst amtierende Intendant Tamas Detrich im XXL-Format für seinen Vorgänger geplant hat, doch die Ziellinie erreicht. Nichts gibt’s da mehr zu tanzen, nachdem in tapferer Chronologie jede einzelne Spielzeit von Andersons Intendanz mit einem eigenen Programmpunkt gewürdigt war.

Gerahmt von zwei Pas de deux aus John Crankos großen Handlungsballetten war diese Gala ein Abend der sehr großen Gefühle. Die heitere Partylaune, für die Reid Anderson selbst im Verlauf der Festwoche mit seiner „One Man Show“, den „Party Pieces“ und seinen „Fantastischen Fünf“ im Schauspielhaus gesorgt hatte, war gestern. Nun öffnet sich im Opernhaus ein letztes Mal der schwere Vorhang für den Noch-Intendanten. Eben hat Alicia Amatriain als Tatjana ihren Onegin Friedemann Vogel mit der berühmten Geste aus ihrem Zimmer und ihrem Leben geworfen. Und während man noch überlegt, ob dieser rigorose Fingerzeig aus John Crankos erfolgreichstem Ballettdrama von der Hauptperson des Abends nicht auch missverstanden werden könnte, hat das Ensemble mit „A Chorus Line“-Glamour zum Finale der Gala übergeleitet: Ehemalige Tänzer und Reid Andersons Team stehen Schlange, um rote Rosen zu reichen, es regnet Luftballons und Girlanden, das Klatschen im Publikum verstummt, weil alle Hände damit beschäftigt sind, kleine Plakate mit roten Herzen und einem „Danke Reid“ hochzuhalten.

Tanzeinlage statt Tränen

Und gerade da geschieht eines der kleinen Wunder, für welche die Bühne des Stuttgarter Balletts immer wieder gut ist. Auf diesen hoch emotionalen Abschiedsabend antwortet Reid Anderson, vom Staatsorchester entsprechend angespornt, nämlich nicht mit Tränen, sondern mit einer so locker hingeswingten Tanzeinlage, dass jeder sehen konnte: Da geht einer, der alles erreicht hat.

Viele Weggefährten waren gekommen, um diesen Moment mit Reid Anderson zu teilen. Evan McKie war aus Kanada angereist, Robert Tewsley aus Frankreich, Sue Jin Kang aus Seoul, Christian Spuck aus Zürich, Bridget Breiner mit ihrem vier Wochen alten Baby aus Gelsenkirchen, Marijn Rademaker und Daniel Camargo aus Amsterdam. Auch Choreografen wie Hans van Manen und Mauro Bigonzetti. Sie alle sorgten für eine schöne Festatmosphäre im Sinne des Familiengeists, für den das Stuttgarter Ballett seit John Crankos Tagen bekannt ist. Wer nicht zur Sippe gehört und eher zufällig in diese Gala geraten war, der mag sich über manches gewundert haben. Darüber zum Beispiel, mit welcher Aufmerksamkeit das Publikum fast eine Stunde lang den Reden eines designierten Ballettintendanten, zweier Politiker und einer Laudatorin folgten.

Doch das erste Wort hatte an diesem Abend der Tanz. Und mit den „Etüden“ gehörte die Bühne zu Beginn den Jüngsten aus der John-Cranko-Schule und damit der Zukunft. Die konnte man in den 16 Augenpaaren wirklich leuchten sehen, bevor dieses Stück in unvergleichlicher Dynamik alle Schüler auf die Bühne perlen ließ, während eine Projektion des neuen Schulgebäudes im Hintergrund verdeutlichte, wie Zukunft nicht nur in Tanz, sondern auch in einem Bauwerk Form annehmen kann. Bühne frei für das ganze Stuttgarter Ballett machte dann ein „Defilée“ und tröstete für wenige Minuten darüber hinweg, dass diese Bühne in den folgenden Stunden von 14 tanzenden Solisten bespielt werden würde.

Anderson zähmte viele Widerspenstige

Davor gehörte sie zwei Vertretern von Stadt und Land. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte für Reid Anderson nicht nur die selten verliehene große Staufermedaille in Gold dabei, sondern würdigte den scheidenden Intendanten mit so viel Humor, wie ihn ein Entertainer vom Format eines Anderson verdient hat. Ja, eine hohe Auslastung, wie sie Anderson hingekriegt habe, freue auch das Finanzministerium. Und dass die Qualität der Kompanie mit dem der Schule zusammenhänge, hätten nach langem Kampf auch die Politiker kapiert. „Ob Sitzungssaal oder auf der Bühne: Die Inszenierung von ,Der Widerspenstigen Zähmung‘ ist Ihnen an beiden Orten gelungen“, verbeugte sich Kretschmann vor Andersons Hartnäckigkeit.

Auch der Stuttgarter OB Fritz Kuhn blickte auf die Verdienste Andersons zurück, die Tamas Detrich mit seiner Gala dann aufs Schönste ausmalte: Wie pflegt man das Erbe Crankos, ohne das Stuttgarter Ballett zum Museum zu machen? Wer an diesem Abend miterleben durfte, wie Elisa Badenes an der Seite von Daniel Camargo im engen Rahmen eines Pas de deux die Entwicklung der widerspenstigen Katharina zum sanften Kätzchen lebendig werden ließ, wie Hyo-Jung Kang und Jason Reilly dem Publikum Romeo-und-Julia-Schmetterlinge in den Bauch zauberten, der kennt die Antwort.

Gern hätte man der zweiten Säule von Andersons Intendanz, nämlich der Förderung von Choreografen, mehr Standfläche im Gala-Reigen zugebilligt. So ließen Ausschnitte aus Spucks „das siebte blau“, „Le Grand pas de deux“ und „Lulu“, aus Marco Goeckes „Orlando“ und aus Demis Volpis „Krabat“ das choreografische Potenzial des Stuttgarter Balletts hoch leben – und erinnerten an die kreative Aufbruchstimmung dieser Jahre und mittels vieler Originalfotografien an Tänzer wie Julia Krämer und Robert Tewsley. Marijn Rademaker tanzte die Rolle in „I fratelli“ persönlich, die Mauro Bigonzetti für ihn schuf und beeindruckte wie auch in van Manens „Two Pieces for Het“ durch große Reife.

Marcia Haydée bedankte sich für ihr Comeback

Dafür, dass er sie in vielen Charakterrollen zurück auf die Bühne geholt habe, bedankte sich Marcia Haydée bei ihrem Nachfolger herzlich im Plauderton, der auch Reid Andersons Qualitäten als Tänzer streifte. Die schwierigen Hebungen, die John Neumeier den beiden in seiner „Kameliendame“ und Kenneth MacMillan in „Requiem“ auf den Leib choreografiert hatten, ließen nun die Paare Alicia Amatriain und Roman Novitzky sowie Hyo-Jung Kang und Marti Fernández Paixà verblüffend leicht aussehen.

Keine Gala ohne Gäste: Superballerina Polina Semionova spielte an der Seite von Friedemann Vogel in „Herman Schmerman“ wunderbar mit Forsythes flottem Wechsel von Beiläufigkeit und Konzentration. Und Anna Laudere vom Hamburger Ballett kostete mit Jason Reilly in einem „Othello“-Duett so berückend die Zerbrechlichkeit der Liebe aus, dass dem Publikum selbst nach drei Gala-Stunden kein einziges Hüsteln entwich. Ob in der „Suite“ von Uwe Scholz, die Alicia Amatriain leicht und biegsam wie eine Kalligrafie durch die Hände ihrer beiden Kollegen fließen lässt oder in der schönen romantischen Linie, die Miriam Kacerova ihrer Giselle gibt, ob wie Elisa Badenes als feurige Kitri in „Don Quijote“ oder sinnlich wie David Moore und Anna Osadcenko in Jirí Kyliáns „Rückkehr ins fremde Land“: Der Abend formulierte auf vielfältige Weise auch den Dank der Tänzer an einen Intendanten, der vielen ungeahnte Chancen gab. „Viele von uns sind so gestartet und mussten schnell wachsen. Wenn Tänzer spüren, dass jemand an sie glaubt, wachsen sie über Erwartungen hinaus“, fasste Bridget Breiner diese Herausforderung in Worte. Dem Publikum, das diesen Mut zum Risiko immer mitgetragen hatte, galt Reid Andersons letzte Verbeugung an diesem Abend und ein herzliches „Dankeschön!“.

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