Arbeiten wie in vorindustriellen Zeiten. Foto: factum/Weise

Viele Weinbergsteillagen, die die Landschaft im Kreis Ludwigsburg prägen, drohen zu verfallen. Mit Geld allein sind sie nicht zu retten. Darum gibt es jetzt Kurse, in denen gezeigt wird, wie Trockenmauern gebaut werden. Einfach ist es nicht.

Kreis Ludwigsburg - Aus der Distanz sah es so aus, als hätten experimentelle Archäologen im Gemmrigheimer Gewann Im Steig ihr Lager aufgeschlagen, um dort eine mittelalterliche Burg zu errichten: Neben Hügeln mit frisch ausgehobener Erde lagen roh behauene Steine und das Arbeitsgerät der etwa 20 Männer und Frauen schien sich auf Hacken, Hämmer und Schippen zu beschränken. Selbst massige Steinquader wurden trickreich per Hand und angewandtem Hebelgesetz an Ort und Stelle gewuchtet. Aber diese Arbeiter wollten keine Ritterburg bauen, sondern nur Mauern, genauer: Weinbergmauern – das aber (fast) genau so, wie es die Tradition verlangt.

Der Landschaftserhaltungsverband (LEV) im Landkreis Ludwigsburg hatte zu einem Kurs in einen terrassierten Weinberg geladen, und die Nachfrage war größer als das Angebot. In zwei Tagen sollten die Seminarteilnehmer lernen, wie man Trockenmauern baut und wie man lang vernachlässigte und verfallene Steillagen reaktivieren kann. Das bedeutete für die Teilnehmer: einen halben Tag Theorie und anderthalb Tage wirklich harte Arbeit.

Initiative Neckarschleife

Die Weinbergsteillagen gelten als Charakteristikum der württembergischen Landschaft, aber sie drohen zu verfallen, weil sich der Weinanbau für die vielen kleinen Winzer nicht mehr rechnet. Von insgesamt 309 Hektar dieser Steillagen im Land befinden sich 110 im Kreis Ludwigsburg. „Darum wollen wir auch hier besonders aktiv werden“, sagt Peter Wendl von der Initiative ILEK Neckarschleife (die Abkürzung steht für Integriertes Ländliches Entwicklungskonzept), die den Landschaftserhaltungsverband unterstützt.

Seit Jahren versuchen die Landesregierung sowie betroffene Kreise und Kommunen diese landestypischen Hangterrassen mit Förderprogrammen zu retten. Doch Geld allein reicht nicht aus. Nicht zuletzt, weil es zwar viele gibt, die die Natursteinmauern sanieren wollen, aber nur wenige, die wirklich noch wissen, wie das geht. Der Praxiskurs in Gemmrigheim war nach einem im Vorjahr in Kleiningersheim der zweite, den LEV und ILEK im Kreis Ludwigsburg angeboten haben. Neben Feierabendwinzern haben auch Landschaftsgärtner und Bauhofmitarbeiter daran teilgenommen.

„Wir geben dem Stein ein Gesicht“

Das Know-how steuerte diesmal die Heidelberger Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) bei. Genauer: Martin Bücheler, der den Kurs leitete. Der Stuttgarter gibt zwar als Berufsbezeichnung Garten- und Landschaftsbau an, hört man ihn aber über Eigenschaften von Steinen und Techniken des Mauerbaus reden, hält man ihn für einen Geologen und Maurermeister – und, wer weiß: Vielleicht steckt auch etwas von einem Archäologen in ihm.

„Dieser Stein dürfte so etwa 220 Millionen Jahre alt sein“, sagt er, als er sich einen großen Sandsteinblock vornimmt, den er an einer statisch besonders wichtigen Stelle einbauen will. „Dem geben wir jetzt erst einmal ein Gesicht.“ Das heißt: Die Kanten müssen geschrägt werden. Um das aber richtig zu machen, müsse man sich sehr genau anschauen, wie der Stein gewachsen ist, erklärt Bücheler: „Die verschiedenen Schichten dürfen nachher nicht nach oben zeigen, denn sonst dringt da Wasser ein – und Sie haben nur eine kurze Freude an Ihrer Mauer.“

Geduld zahlt sich später aus

Das ist nach Ansicht von LEV-Geschäftsführer Dirk Hadtstein der springende Punkt: Die Mauern müssen ohne Mörtel und nur aus Natursteinblöcken gebaut werden – sie sollten aber auch möglichst jahrzehntelang den Hand stützen. Das jedoch kann nur funktionieren, wenn Expertenwissen vorhanden ist. „Wir haben auch schon öfter im Auftrag von Wengertern Trockenmauern gebaut“, sagt Johannes Rosenberger, der für eine Gartenbaufirma in Niederstetten arbeitet. „Aber so haben wir das nicht gemacht.“

„So“ – soll heißen: so penibel, wenn es um die Passgenauigkeit der Steine und ihre Position innerhalb der Mauer geht. Auch wenn man weiß, wie es geht, nimmt das viel Zeit in Anspruch, sagt einer von vier Ausbildern, die den Seminarteilnehmern über die Schulter schauen. Aber das lohne sich, denn „andernfalls ist die Mauer nach sieben bis acht Jahren wieder kaputt, und Sie können von vorn anfangen.“

Kein Mörtel und keine Betonsteine

Was dem Landschaftserhaltungsverband gar nicht gefällt: Wenn Winzer ihre Terrassen einfach mit Betonsteinen stützen. „Die klassische Trockenmauer gehört zum Landschaftsbild“, sagt Hadtstein. Um die zu erhalten, müsse er viel Überzeugungsarbeit leisten. „Es macht keinen Sinn, wenn wir allein einen Vorstoß machen“, so der LEV-Geschäftsführer. „Es ist wichtig, dass wir gemeinsame Lösungen finden.“ Grundstückseigentümer, Landwirte, kommunale Bauhöfe und Umweltvereine müssten an einem Strang ziehen.

Hoffen auf den sanften Tourismus

Auch Aktionen wie der Kurs im Gemmrigheimer Weinberg seien nur sinnvoll, wenn die Eigentümer die Steillage nach der Wiederherstellung pflegten. „In diesem Fall hat sich der Besitzer, ein Hobbywinzer, bereit erklärt, auf den Terrassen Pfirsiche und Feigen anzubauen“, sagt Hadtstein. Was ihm die Zusage erleichtert haben dürfte: Schon vor der Mauersanierung hat der LEV dafür gesorgt, dass der völlig verwilderte Hang „entbuscht“ wurde.

Um die Steillagen zu retten, zählen die Landschaftsschützer inzwischen auch auf die Hilfe der Tourismusbranche. „Wir bauen zwar keine Aussichtskanzeln in die Steillagen, aber wir legen Rundwanderwege an“, sagt Wendl. Angst vor negativen Folgen hat er nicht: „Uns schwebt ein sanfter Tourismus vor. Da werden schon nicht die Massen kommen.“ Viele Winzer seien schon jetzt begeistert dabei. Schließlich sei auch das Werbung für ihren Wein.

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