Bilder, die man nicht vergessen soll: die „Uraufführung“ von Hofmann & Lindholm Foto: Theater

Die Performer aus Köln schlagen wieder ihr Theaterlabor auf: in der Spielstätte Nord des Stuttgarter Schauspiels besorgen Hofmann & Lindholm eine Uraufführung, die schlicht „Uraufführung“ heißt.

Stuttgart - Konfektionsware von der Stange ist im Theater von Hofmann & Lindholm nicht zu haben. Kein Stoff von Shakespeare, Molière oder Schiller, ja, kein Stoff eines toten oder lebenden Dramatikers überhaupt – das Kölner Performerduo hat sich darauf spezialisiert, eigene Projekte zu entwickeln und mit Hilfe des Publikums auf die Welt zu bringen. Diese Welt kann eine Dreizimmer-Wohnung in einem Mietshaus sein, wo Hannah Hofmann und Sven Lindholm „Familie Weiß“ von Laien aufführen lassen, sie kann aber auch eine Theaterbühne sein, die sie für „Hiding Piece“ mit Schränken bestücken, um darin Zuschauer zu verstecken – zwei partizipative Stücke der Performer, die sie bereits mit Erfolg in Stuttgart gezeigt haben. Am Freitag folgt im Nord, wiederum im Auftrag des Schauspiels, ihr drittes. Uraufgeführt wird schlicht die „Uraufführung“ – und mit diesem sich auf den Theaterbetrieb beziehenden Titel lösen Hofmann & Lindholm sofort Meta-Alarm aus: Achtung! Wir denken über unsere Arbeit nach, öffentlich und grundsätzlich, nicht im Büro, sondern auf der Bühne!

Will man das sehen? Modische Selbstreflexion, in der das Theater nur um sich selbst kreist? Nun, wenn die Nabelschau von Hofmann & Lindholm stammt, darf man zumindest gespannt sein. Ihre Unternehmungen beschweren die beiden zwar gerne mit einem gewaltigen theoretischen Überbau, ihre Inszenierungen aber streifen glücklicherweise alle seminaristischen Gewichte ab und entpuppen sich oft als verblüffend leicht, witzig, spielerisch. Ob bei „Familie Weiß“, wo man Techniken der Simulation einübte, ob bei „Hiding Piece“, wo man den Vorgang des Verschwindens beobachtete – wer an diesen Experimenten teilnahm, wurde nicht nur mit Spaß, sondern auch mit Erkenntnissen belohnt. Und diesen doppelten Gewinn könnte man nun auch bei der ominösen „Uraufführung“ im Nord einfahren. Um es mit Hannah Hofmann zu sagen: „Wir wollen das schlaue Lachen des Publikums hören.“

Es geht um die blutige Wurst

Simulation, das So-tun-als-ob, wird auch im neuen Bühnenlaborversuch von Hofmann & Lindholm wieder eine Rolle spielen. Der Ausgangspunkt: Goethes „Abstieg zu den Müttern“ aus „Faust II“, eine Reise ins Unbewusste, die schon bei Goethe insofern nur eine Behauptung ist, als er sie szenisch kaum ausführt. Und genau dies, eine schiere Behauptung, soll sie auch in der offensiv mit Leerstellen arbeitenden Inszenierung des Duos bleiben, das aber – der Clou der Sache – mit dem Publikum einen faustischen Pakt schließt: Die Zuschauer sollen sich dazu überreden, Goethes Drama trotz allem gesehen zu haben, komme, was da wolle. Als Überredungshilfe werden ihnen deshalb auf der Vorder- und Hinterbühne zwei Dutzend wuchtige und symbolgeladene Szenen präsentiert, die sie – so das Kalkül der Theatervortäuscher – nicht so schnell vergessen werden. Aber mehr darf von der „Uraufführung“ nicht verraten werden. Höchstens noch dies: Es geht um die blutige Wurst – und um die „Konstruktion einer kollektiven, auch nach Wochen noch belastbaren Erinnerung“.

Seit beinahe zwei Jahren arbeiten Hofmann & Lindholm nun mit dem Stuttgarter Schauspiel zusammen. Sie nehmen am „Doppelpass“ teil, einem Projekt der Bundeskulturstiftung, das freie Gruppen zum Erfahrungsaustausch mit festen Häusern zusammenbringt. Dass sich Spielformen und Produktionsabläufe eines Staatstheaters noch immer stark von den Arbeitsweisen der freien Szene unterscheiden, mussten die beiden Ideentüftler auch bei den Proben zur „Uraufführung“ feststellen. Aus dem ursprünglichen Plan, mit Schauspielern aus dem Ensemble zu arbeiten, wurde nichts. Zu groß waren die künstlerischen Differenzen. Jetzt reisen aus Köln drei alte Bekannte von ihnen an, um im Nord die Arbeit an der kollektiven Erinnerung auf sich zu nehmen: die Performer Robert Christott und Lara Pietjou sowie der Sprecher Roland Görschen.

Premiere der „Uraufführung“ am Freitag, 16. März, um 20 Uhr im Nord

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