Sven Lindholm und Hannah Hofmann planen ein Kunstprojekt in einer Wohnung Foto: Lindholm&Hofmann

Bei dem experimentellen Kunstprojekt „Familie Weiß“ vom Autorenkollektiv Hofmann&Lindholm ist der Zuschauer zugleich Komplize und handelnder Akteur.

Stuttgart – Frau Hofmann, Sie nennen „Familie Weiß“ eine Stadtraumintervention. Was lässt sich darunter vorstellen?
Wir simulieren mit Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern ein Familienleben, indem wir die Anwesenheit der einzelnen Mitglieder in einem Privathaushalt vortäuschen.
Welchen künstlerischen Wert hat diese Simulation?
Unser Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das So-tun-als-ob eine angewandte Kulturpraxis ist, die nicht nur im Theater zum Einsatz kommt. In einer Zeit, in der IS-Sympathisanten inmitten gutbürgerlicher Ordnung aufwachsen, in der sich gewaltbereite Zellen in Erholungsgebieten wie dem Sauerland bilden und der Keller des Josef Fritzl über zwanzig Jahre unentdeckt bleiben kann, thematisieren wir mit dem Projekt „Familie Weiß“ die bestehenden oder ausstehenden Kontrollmechanismen unserer Gesellschaft.
Wie viel Selbstdarstellungslust oder Schauspieltalent müssen Komplizen haben?
Es gibt keine Rollenzuweisung und wir zielen nicht darauf, dass sich unsere ­Mitwirkenden in bestimmte Situationen einfühlen. Vielmehr geben wir ihnen die Aufgabe, alltägliche Lebenszeichen einer Familie in Stuttgart, die aus einer Privatwohnung nach außen dringen, durch bestimmte Handlungsabläufe, die sich an einer Partitur orientieren, zu suggerieren. Diese Aufgabe wird in Schichtarbeit von all denen übernommen, die das Projekt erleben möchten. Der Zuschauer im klassischen Sinn kommt in unserem Projekt nicht vor.

Vom 2. Oktober bis zum 30. November 2015 täglich von 0-24 Uhr in einem Privathaushalt in Stuttgart Ein Live-Stream zu „Familie Weiß“ ist täglich ab 17 Uhr im Foyer des Schauspiels Stuttgart zu sehen. Die Stadtraumintervention ist In Kooperation mit der Akademie Schloss Solitude und dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart.

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