Schränke als Zufluchtsorte sind ein wichtiges Motiv bei Sven Lindholm und Hannah Hofmann Foto: Veranstalter

Das Duo Hofmann & Lindholm spielt mit dem Unbehagen der Menschen angesichts alles Verborgenen. Am Kammertheater in Stuttgart inszeniert es sein Stück „hiding piece“, in dem das Publikum eine zentrale Rolle spielt.

Stuttgart - Wenn ich mich vor jemandem verstecken müsste, dann auf keinen Fall in einem Metallschrank. Da drin hört man jeden Atemzug.“ Die Theatermacherin Hannah Hofmann schaudert. Seit Monaten bereits erkunden sie und Sven Lindholm für das gemeinsame Tanzstück „hiding piece“, das am 11. Februar seine Stuttgarter Premiere feiert, Szenarien, in denen Menschen Zuflucht suchen in eigentlich alltäglichen Möbelstücken.

So ungewöhnlich dieser Denkansatz zunächst klingt, umso überraschender sind die Geschichten, die das Künstlerkollektiv bei seiner Recherche zusammengetragen hat: Die melancholischen Memoiren einer Obdachlosen zum Beispiel, die ein Jahr lang heimlich im Wandschrank eines berufstätigen Singles in Tokio lebte und nur entdeckt wurde, weil sie beim Duschen Wassertropfen im Bad hinterließ. Oder die Erzählungen des Grafikers Lilian Lepère, der über sechs Stunden in einem winzigen Schrank unter der Spüle einer Druckerei im französischen Dammartin-en-Goele ausharrte, während sich im Vorderzimmer die beiden flüchtigen Charlie-Hebdo-Attentäter verschanzt hatten. Winzige Realitätsschnipsel, die vom Verschwinden und der Sehnsucht nach dem Verborgenen erzählen.

Im fünfstündigen „hiding piece“, während dem die Zuschauer beliebig kommen und gehen können, sollen die Gedanken des Künstlerkollektivs Hofmann&Lindholm zu solchen Ausnahmesituationen nun auf der Bühne des Kammertheaters greifbar werden. Doch statt sie als narrative Szenencollage zu inszenieren, hat sich das Duo, das für sein konzeptuelles Grenzgängertum bekannt ist, für eine experimentelle, publikumsbezogene Performance entschieden: „Wir wollten den Zuschauern die Möglichkeit geben, eine solch beklemmende Situation quasi selbst zu erproben“, sagt Hofmann.

Die Bühne wird zum undurchsichtigen Schauplatz des Verschwindens

Nach einem kurzen Briefing werden die Besucher auf eine scheinbar menschenleere Bühne geführt und sehen sich einer Flut kalter, hoher Schrankfronten gegenüber. Ob sich dahinter jemand versteckt, sie durch einen Spalt mustert oder sich selbst schüchtern vor ihren Blicken verbirgt, können sie zunächst nur vermuten. „Die Zuschauer sind sofort Teil des Geschehens und wissen nicht, ob sie allein sind oder sich andere in den Schränken befinden. Das löst erst einmal Unbehagen und eine Menge Spannung aus“, erklärt Lindholm.

Aufgelöst wird diese Spannung schließlich durch einen Signalton, der alle vier Minuten eingespielt wird und die Zuschauer dazu animiert, in einen der Schränke zu klettern und so die Perspektive zu wechseln – vom Beobachteten zum Beobachter. Dieser kurzen Zeitspanne, in der die Schranktüren auffliegen und all diejenigen, die sich schon darin versteckt hatten, durch den bis dahin reglosen Bühnenraum hasten, verdankt die Performance übrigens auch die Bezeichnung „Tanzstück“: eine Choreografie der Wuselnden, ein tippelnder Rhythmus des Verbergens.

Die Bühne wird also zum undurchsichtigen Schauplatz des Verschwindens. Was zunächst klingt wie eine etwas verspielte Intellektuellenidee, hat ihren gedanklichen Ursprung in gesellschaftspolitischen Problemfeldern. Denn Hofmann&Lindholm beobachten eine Gesellschaft, in der zwar immer deutlicher Gewaltpotenziale zu Tage treten, die Menschen selbst sich jedoch gleichzeitig nur noch schwer kategorisieren lassen: „Das So-tun-als-ob ist zur Kulturpraxis geworden. Anders als in den 80ern lässt die äußere Fassade eines Menschen kaum mehr Rückschlüsse auf ihn zu und die Leute halten mit ihrer Meinung hinter dem Berg“, analysieren die beiden. So wachse das Unbehagen vor dem latent Verborgenen und die Angst, dass jemand hinter seinem Gesicht noch ein weiteres, potenziell gefährliches verstecken könnte.

Es geht um die Inszenierung von Wahrheiten und Lügen

Verdinglicht werden soll diese Erfahrung nun auf der Bühne. Inmitten der kaleidoskopischen Sammlung verschiedener Schränke werden die Zuschauer nämlich gezwungen, das eigene Befremden genau ins Visier zu nehmen. Unwissend, ob sie aus dem Dunkel der Schrankinnenräume beobachtet werden oder nicht, erleben sie Ohnmacht, Zweifel, die Möglichkeit, sich zu verstecken oder sich im Hinterhalt auf die Lauer zu legen.

Die Erprobung dieses Gefühlsspektrums findet im Rahmen des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes statt, aus dem Kooperationen zwischen staatlichen und freien Kulturinstitutionen finanziert werden können. Insgesamt zwei Spielzeiten lang dockt das freie Künsterkollektiv Hofmann&Lindholm dabei nun für das Großprojekt „Res Publica“ am Staatstheater Stuttgart an – zuletzt ermöglichte der Fond die Kooperation mit dem Performancekollektiv „She She Pop“.

Die Zusammenarbeit, die sich konzeptuell um die Inszenierung von Wahrheiten und Lügen drehen soll, findet mit dem experimentellen Versteckspiel „hiding piece“ nun ihren Auftakt. Auf dass Hofmann&Lindholm nicht gleich wieder verschwinden mögen.

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