Bei der Reihe „Sichten auf Bach“ des Musikfests Stuttgart war Helmuth Rilling zu Gast. Foto: Holger Schneider

Vor vier Jahren hat der Gründer der Internationalen Bachakademie, Helmuth Rilling, sein Amt übergeben. Seither hat sich die Institution stark verändert – wie stark, konnte man hören und spüren, als Rilling jetzt als Gast zum Festival kam.

Stuttgart - Er ist wieder da. Fast genau vor vier Jahren hat die Internationale Bachakademie die Stabübergabe ihres Gründers Helmuth Rilling an seinen Nachfolger Hans-Christoph Rademann mit einem Konzert in der Liederhalle festlich begangen; Bachs Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ hat Rilling damals dirigiert. Seither hat der Mann, der Stuttgart zur Bachstadt machte, der Mann, der als Erster Bachs sämtliche Kantaten auf Schallplatte aufnahm und den viele als „Bach-Papst“ bezeichnen, das wohl bestellte Feld dem Mann überlassen, der mit der historisch informierten Aufführungspraxis groß geworden ist. Als Rilling am Dienstagmittag – endlich! – erstmals als Gast zum Musikfest kam, empfing ihn das Publikum in der Stiftskirche wie einen verlorenen Sohn. Es fehlte nicht viel, und die Zuhörer wären schon zu Beginn des Konzerts aufgestanden, um ihrer Wiederhörensfreude Ausdruck zu verleihen.

84 Jahre ist Helmuth Rilling mittlerweile alt, und das kann man jetzt auch sehen. Langsam, sehr langsam nähert sich der Dirigent dem Podium. Im Stehen leitet er diese „Sichten auf Bach“ nicht mehr, sondern nimmt auf einem Hocker Platz. Auch seine Bewegungen sind kleiner, seine Mimik ist starrer geworden. Nur selten hebt sich noch die linke Hand, und die rechte, die den Stab hält wie einen Stift, wechselt zwischen zartem Taktieren und der Andeutung kurzer Akzente. Nur wenig spiegelt sich in Rillings Gesicht. Aber seine Lippen formen den Text der Kantaten, die er – wie früher schon, wie immer, wie es ihm zur Gewohnheit wurde – auswendig dirigiert, und in den Augen ist ein Leuchten. Man kann es sehen, wenn man im linken Mittelschiff sitzt, und wenn man es wahrnimmt und dazu noch die Aufmerksamkeit verfolgt, mit der die Nachwuchsmusiker des Jungen Stuttgarter Bach-Ensembles im Chor und im Orchester an Rillings minimalistischen Zeichen hängen: Dann spürt man, wie groß die Aura dieses Dirigenten immer noch ist. Dann spürt man die Energie, die nach wie vor von ihm ausgeht, und dass jene, die da vor ihm sitzen, um mit ihm zu musizieren, Zauberlehrlinge sind, und Rilling ist der Hexenmeister, der sich zuvor nur wegbegeben hatte.

Liebevolle Zuwendung zu den Gesangssolisten

Retten wie in Goethes Ballade muss Helmuth Rilling allerdings nichts. Hans-Christoph Rademann hat mit der Bachakademie einen stilistisch-ästhetischen Wandel vollzogen, ohne den das Institut aus der Zeit (und aus dem Markt) gefallen wäre, und er hat diesen Wandel im Griff. Dennoch wehte jetzt etwas von einer guten alten Zeit in die Stiftskirche hinein, in welcher der Stuttgarter Bach-Stil noch ein unangefochtener Solitär war, der sich gegen nichts und niemanden verteidigen musste. Wobei jetzt wieder deutlich zu hören war, dass der Klang unter Rilling, auch wenn er deutlich weniger detailklar, weniger solistisch und nicht so kontrastreich aufgerauht ist wie unter seinem Nachfolger, das ehedem sehr Flächige schon lange aufgegeben hat. Auch Rilling ist mit der Zeit gegangen.

Die liebevolle Zuwendung, mit der er die Gesangssolisten seit jeher gestützt hat, erlebt man jetzt auch bei den Kantaten BWV 149 („Man singet mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten“, mit sehr präzise jubelnden Trompeten) und BWV 146 („Wir müssen durch viel Trübsal in das Reich Gottes eingehen“). Gerade Letztere erweist sich mit ihrer langen Orgel-Sinfonia, mit dem harmonisch eingetrübten Eingangschor und mit Arien, in denen dem expressiven Gesang konzertierende Instrumente beigesellt sind, als wahre Fundgrube des vertieften Ausdrucks, deren Schönheiten das Ensemble mit konzentriertem Blick auf Rillings Augen und Hände wirkungsvoll aufbereitet. Das ist mehr als Entschädigung für manchen Einsatz, der nicht ganz auf den Punkt kommt. Dass bei der Kantate BWV 149 außerdem noch eben jener „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“-Choral erklingt, den die zweite Fassung der Johannespassion im Eröffnungskonzert eben nicht mehr enthielt, war ein hübscher Nebeneffekt. Die Zuhörer sind berührt – von der Musik, von Helmuth Rillings Präsenz. Ihr Jubel ist lang, laut und dankbar.

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