Auf den Waffenhersteller Heckler & Koch kommt ein entscheidendes Jahr 2020 zu. Foto: dpa/Bernd Weissbrod

Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten die Ingenieure Edmund Heckler und Theodor Koch bei den Mauserwerken im Schwarzwald. Später gründeten sie eine Firma, die heute ebenso bekannt wie umstritten ist: Heckler & Koch.

Oberndorf - Managern aus der Waffenbranche ist eins besonders wichtig: fernab der Öffentlichkeit gute Geschäfte zu machen. „Je weniger wir in den Medien sind, desto besser - denn da können wir nur verlieren“, sagte ein Vorstandsmitglied des Schwarzwälder Sturmgewehr-Fabrikanten Heckler & Koch vor einigen Jahren. So gesehen hätte es 2019 für die Firma kaum schlechter laufen können: Ein Prozess ging medienwirksam verloren, und nun sorgt ein Machtkampf zwischen zwei Großaktionären für Aufsehen. An diesem Samstag wird die Firma 70 Jahre alt - so wirklich Anlass zum Feiern ist das mit Blick auf die aktuelle Situation aber nicht.

Sorgenfalten gibt es bei einem Blick in die Bücher. Die Geschäfte an sich laufen zwar gar nicht mal schlecht - die Auftragsbücher sind voll, der Umsatz zog an und zuletzt wurden nach zwei Verlustjahren wieder kleine Quartalsgewinne eingefahren. Doch das Problem des 237 Millionen Euro schweren Schuldenbergs bleibt ungelöst - in etwa gleich hoch ist der Jahresumsatz, den H&K mit Sturmgewehren, Pistolen, Maschinengewehren und anderen Waffen erzielt.

Das G3 als Verkaufsschlager

Der Vorstandsvorsitzende Jens Bodo Koch gibt sich optimistisch. „Wir gehen mit Blick auf das kommende Jahr davon aus, dass wir im Umsatz ein leichtes Wachstum haben und sich unsere Ergebnisse weiter stabilisieren“, sagt der Chef von rund 900 Mitarbeitern, die allermeisten davon in Oberndorf südwestlich von Stuttgart. Mitte Januar trifft sich die Belegschaft zu einer internen Veranstaltung in Erinnerung an die Firmengründung. Dabei dürfte Koch an die Anfänge des Unternehmens erinnern, das 1949 von ehemaligen Mitarbeitern der Mauserwerke gegründet wurde und anfangs nur nichtmilitärische Güter herstellen durfte - Teile für Fahrräder, Nähmaschinen und Radios.

Mitte der 1950er Jahre wurde das Waffenverbot gekippt. Als die Bundeswehr gegründet wurde, lieferte H&K das Standard-Sturmgewehr - das G3, was für die Firma jahrzehntelang ein Verkaufsschlager war. Für den Unternehmenskenner und Buchautoren Jürgen Grässlin steht das G3 jedoch für eins der dunkelsten Kapitel in der Firmengeschichte. Denn das Gewehrmodell sei nicht nur massenhaft exportiert worden, sondern auf Anweisung der Bundesregierung habe es auch Verträge zur Lizenzfertigung in diktatorischen Staaten gegeben - etwa in Myanmar und Persien. In Portugal gab es ebenfalls eine Lizenzfertigung, die Gewehre gingen in die damals noch portugiesischen Kolonien in Afrika - wo sie zum großen Teil auch nach Abzug der Portugiesen blieben und jahrzehntelang immer wieder in Krisenregionen auftauchten.

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Grässlin wertet H&K als „die Nummer 2 der tödlichsten Unternehmen der Welt - allerdings mit großem Abstand hinter Kalaschnikow“.

Für reichlich negative Schlagzeilen sorgte die Ausfuhr von rund 5000 Sturmgewehren im Zeitraum 2007 bis 2010 nach Mexiko - dort landeten sie in Unruheprovinzen, die von den Ausfuhrgenehmigungen eigentlich ausgeschlossen waren. Zwei Ex-Mitarbeiter verurteilte das Stuttgarter Landgericht im Februar 2019 zu Bewährungsstrafen, zudem wurde das Unternehmen zu einer Zahlung von 3,7 Millionen Euro verdonnert.

2016 legte die Firma eine „Grüne-Länder-Strategie“ fest. Die besagt, dass sie nur Waffen in demokratische und nichtkorrupte Nato-Staaten oder Nato-nahe Staaten verkaufen darf. Die Türkei, Brasilien und Indien fielen dadurch aus dem Kundenportfolio. Der Firmenchef von damals hat das Unternehmen inzwischen zwar verlassen, sein Nachfolger bekennt sich aber weiterhin zu dieser internen Vorgabe, die auch von Friedensaktivisten wie Grässlin Lob bekam. Grässlin, Sprecher von „Kampagne Aktion Aufschrei - Stoppt den Waffenhandel!“, warnt aber davor, dass die Strategie wieder aufgeweicht werden könnte.

Investitionen waren Flops

Finanziell gesehen ächzt H&K noch heute unter der Schuldenlast. Im Zeitraum 2002 bis 2015 schnellte die Kreditverschuldung nach Angaben der Firma von 2 auf 295 Millionen Euro nach oben. Derzeit liegt sie bei etwa 237 Millionen Euro und ist damit noch immer sehr hoch. Das wirft kein gutes Licht auf den Mehrheitsaktionär Andreas Heeschen, der 2002 einstieg und Heckler & Koch dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems abkaufte.

Unter Heeschens Regie nahm H&K 2006 einen hoch verzinsten Kredit auf, der inklusive Zinslast mit mehr als 150 Millionen Euro auf der Firma lastete. Mit dem Geld wurde in eine Gartengerätefirma, in Flugzeuge und Schiffe investiert - alle Investitionen waren Flops. Heeschen begründete dies mit der Finanzkrise, welche seine Pläne für eine erfolgreiche Diversifizierung zunichte machte.

Ein anderer Großaktionär, die Luxemburger Finanzholding CDE des französischen Finanzexperten Nicolas Walewski, kreidet dem 59-jährigen Deutschen diese Fehler der Vergangenheit an. Er versuchte unlängst vergeblich, Heeschens Wahl in den Aufsichtsrat zu verhindern. Heeschen verpfändete der CDE 2015 10 Millionen Aktien für ein Darlehen, die CDE will die Anteile nun haben - das grüne Licht von der Bundesregierung fehlt aber noch. Wenn das kommt, würde die CDE die Mehrheit an H&K übernehmen.

Bund entscheidet über Millionen-Auftrag für Bundeswehr

Mit Blick auf die Geschäfte der Firma sagt Großaktionär Walewski: „Ich bin sehr zuversichtlich, was die Zukunft anbetrifft.“ Er lobt den Vorstand und betont, dass die CDE die Waffenschmiede weiterhin „tatkräftig unterstützen“ werde. „Jetzt gilt es, die finanzielle Gesundung weiter voranzutreiben, damit das Unternehmen stärker investieren und seinen Erfolg nachhaltig festschreiben kann.“

2020 dürfte ein entscheidendes Jahr werden für das Unternehmen. Zum einen klären sich die internen Machtverhältnisse - je nachdem zu welchem Ergebnis das führt, dürfte das personelle Konsequenzen haben. Außerdem muss die Führungsspitze beweisen, dass die Quartalsgewinne nicht bloß ein vergängliches Zwischenhoch waren. Und der Bund entscheidet über die Vergabe eines 250 Millionen Euro schweren Auftrags für ein neues Bundeswehr-Sturmgewehr. „Absolut überlebenswichtig“ nennt Branchenkenner Grässlin den Auftrag für die Firma. Es sieht so aus, als bliebe die einst so öffentlichkeitsscheue Waffenschmiede auch 2020 gut vertreten in den Medien.

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