Zum Stadtbezirk Stammheim zählen 12 000 Einwohner, aber nur drei Hausärzte. Einer von ihnen ist Dr. Dieter Vogel Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In Stammheim, Zuffenhausen und Weilimdorf fehlen die Allgemeinmediziner. In den kommenden fünf Jahren könnte bis zu ein Drittel aller Hausärzte in Stuttgart in den Ruhestand gehen.

Stuttgart - In fünf Jahren geht ein Drittel aller Hausärzte in Stuttgart in den Ruhestand. Experten warnen vor einem bevorstehenden Mangel in der hausärztlichen Versorgung. Heute in unserer Serie: In drei Stadtbezirken werden Hausärzte händeringend gesucht – wir blicken auf die Brennpunkte.

Brennpunkt Stammheim

Zum Stadtbezirk Stammheim zählen 12 000 Einwohner, aber nur drei Hausärzte. Damit ist Stammheim von den Stuttgarter Stadtbezirken vom Hausärztemangel am schlimmsten betroffen. Auf 4000 Einwohner kommt hier nur ein Hausarzt, während beispielsweise ein Hausarzt in Stuttgart-Mitte durchschnittlich nur rund 550 Patienten versorgen muss.

„Neulich kam eine junge Frau auf mich zu, weil sie akute Bronchitis hatte und dringend einen Arzt brauchte, aber keinen gefunden hat“, erzählt Susanne Korge, Bezirksvorsteherin von Stammheim. Immer häufiger würden sich Einwohner mit der Bitte an sie wenden, etwas gegen den Ärztemangel zu unternehmen. Denn auch bei Kinderärzten ist Stammheim mit nur einer halben Stelle dramatisch unterversorgt.

„Der Ärztemangel ist hier schon genauso schlimm wie auf dem Land im Osten Deutschlands “, bringt sie es auf den Punkt.

„Wir sind an der Grenze angelangt“

Mit dieser Meinung steht sie nicht alleine da: „Wir sind an der Grenze angelangt“, sagt auch Dr. Dieter Vogel, der als Hausarzt in Stammheim seine Praxis hat. Seit die vierte Praxis im Bezirk ohne Nachfolger schließen musste, lehnt er täglich neue Patienten ab. Er hat ohnehin schon alle Hände voll zu tun. Obwohl er am Freitagabend eigentlich schon Feierabend hat, sitzt noch ein Patient bei ihm im Sprechzimmer.

„Als ich mich entschlossen hatte, Hausarzt zu werden, nahm ich in Kauf, dass es keine Grenze zwischen Privatem und Beruf gibt“, sagt der 65-Jährige. Zwölf Stunden am Tag ist er für seine Patienten im Einsatz, dazu kommt die lästige Büroarbeit, die er am Wochenende erledigen muss. Auch seinem Engagement ist es zu verdanken, dass viele Patienten in Stammheim noch gut versorgt sind.

Bezirksvorsteherin Susanne Korge versucht ebenfalls alles, was in ihrer Macht steht, um Abhilfe zu schaffen: „Ich nehme Kontakt zu jungen Medizinern auf und zeige ihnen den Bezirk“, sagt sie.

„Infrastruktur und Betreuungsangebote sind hervorragend“

Eine Erklärung dafür, warum gerade in Stammheim der Mangel am größten ist, hat sie nicht: „Infrastruktur und Betreuungsangebote sind hervorragend, an geeigneten Praxisräumen scheitert es auch nicht. Dazu kommt, dass Stammheim super schön ist", schwärmt sie. Deshalb geht sie davon aus, dass der Ärztemangel nur zufällig Stammheim getroffen hat: „Das ist kein Stammheimer Problem, das wird auch andere Stadtteile betreffen“, ist sie sich sicher.

Hoffnung gibt es zumindest für die Patienten von Dr. Vogel: Er sorgt mit seinen zwei Söhnen einfach selbst für Praxisnachfolger: „Meine Söhne studieren beide Medizin und wollen anschließend zu mir in die Praxis kommen.“ Sein älterer Sohn will auch Allgemeinmediziner werden, in zwei Jahren kann er in der väterlichen Praxis das Zepter übernehmen. „Dann wird mein Sohn hier der Chef sein. Das üben wir schon fleißig.“

Brennpunkt Zuffenhausen

Brennpunkt Zuffenhausen

Die 37 000 Einwohner des Stadtbezirks Zuffenhausen werden von 19 Hausärzten betreut. Einer von ihnen ist Dr. Werner Baumgärtner mit seiner Praxis im Ärztehaus Zuffenhausen. „Wir haben auch in Zuffenhausen das Problem, dass Praxen nicht mehr nachbesetzt werden“, sagt er. Viele junge Mediziner bevorzugen eine Anstellung in einer Klinik: „Da tut man sich draußen schwer, einen Nachfolger zu finden.“

Der 63-Jährige hatte die Zeichen der Zeit erkannt und sich mit seiner Praxis darauf eingestellt: „Bis vor zehn Jahren hatte ich immer einen Weiterbildungsassistenten bei mir in der Praxis.“ Einer von ihnen sei als angestellter Arzt geblieben. Vor vier Jahren meldete Baumgärtner noch einen zusätzlichen Arztsitz an seiner Praxis an. Deshalb sind inzwischen zwei Ärzte in Vollzeit und ein Arzt mit einer viertel Stelle zusätzlich in seiner Praxis angestellt.

„Diese Ärzte erledigen in etwa das gleiche Pensum, das ich früher alleine gestemmt habe“, sagt Baumgärtner. Damit beschreibt er eine Entwicklung, die nicht nur auf seine Praxis zutrifft – denn der Medizinernachwuchs möchte nicht mehr rund um die Uhr im Akkord arbeiten.

„Es wird ein Konzentrationsprozess stattfinden"

Flexible Arbeitszeitmodelle, wie sie im Ärztehaus Zuffenhausen durch die Zusammenarbeit möglich sind, erleichtern vielen die Entscheidung für den Hausarzt-Beruf. Auch für die Patienten hat dies Vorteile: „Wir sind von 7 bis 19 Uhr für die Patienten da“, sagt Baumgärtner.

Da er rechtzeitig vom Einzelkämpfer auf eine stabile Praxisstruktur mit Angestellten umgeschwenkt hat, ist es ihm auch möglich, noch einige Jahre weiterzupraktizieren. Für die Situation in Zuffenhausen sieht er dennoch schwarz: „Im Stadtbezirk gibt es einige Kollegen, die in meinem Alter sind und in absehbarer Zeit aufhören werden.“

Generell vergleicht er die Situation der Hausärzte mit der des Einzelhandels: „Es wird ein Konzentrationsprozess stattfinden, und wir stehen erst ganz am Anfang.“

Brennpunkt Weilimdorf

Brennpunkt Weilimdorf

Der Stadtbezirk Weilimdorf hat rund 32 000 Einwohner, um die sich derzeit nur 18 Hausärzte kümmern. Acht von ihnen sind bereits über 60 Jahre alt, sieben sind unter 49 Jahre.

Jutta Dünkel-Mutschler, stellvertretende Bezirksvorsteherin in Weilimdorf, weiß von einer Praxis im Stadtteil Giebel, die keinen Nachfolger gefunden hat. Ansonsten sind ihr bisher noch keine Klagen der Einwohner zu Ohren gekommen. „Ich habe meinen Hausarzt in der Nähe und bin auch sehr froh darum“, sagt Dünkel-Mutschler.

Hausarzt Dr. Robert Laichinger, der in Giebel praktiziert, bekommt jedoch zu spüren, dass es im Stadtteil seit Dezember 2014 eine Praxis weniger gibt. „Der Druck wird für uns immer größer“, sagt er. Die Patienten der ehemaligen Kollegin, die im Stadtteil zu Hause sind, hat er übernommen. Patienten, die von weiter her kommen, musste er aber ablehnen.

Schwierig während der Grippewelle

„Im Moment können wir keine weiteren Patienten mehr aufnehmen, wie es in Zukunft wird, müssen wir abwarten.“ Er geht aber davon aus, dass die Patienten der geschlossenen Praxis inzwischen alle bei einem neuen Hausarzt in Wohnortnähe untergekommen sind.

Noch kann Robert Laichinger die Arbeit in seiner Praxis allein bewältigen: „Normalerweise kann ich die Patienten in der vorgesehenen Zeit behandeln, lange Wartezeiten gibt es bei uns nicht“, sagt er. Auch für Urlaubsvertretungen findet er im Umfeld genügend Kollegen.

Schwierig wurde es jedoch während der Grippewelle. „In diesen Stoßzeiten merkt man deutlich, dass es weniger Ärzte gibt, auf die sich die Patienten verteilen können.“ In dieser Zeit habe er auch nach Feierabend noch Patienten ­versorgen müssen.

Dass die Hausärzte keine Nachfolger mehr finden, beobachtet er schon seit vielen Jahren. „Ich weiß nicht, ob es daran liegt, wie attraktiv Weilimdorf für junge Leute ist.“ Es seien vermutlich eher die Rahmenbedingungen des Berufes, die nicht förderlich für die Nachfolger-Suche seien.

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