So geht Kunst in den Augen der Bahn: Ein süßes Vögelchen lädt zur Landesgartenschau nach Endersbach ein. Foto: SDMG

Kunstförderung ist gut und richtig. Aber wenn die Bahn plötzlich Street-Art-Künstler für Auftragsarbeiten engagiert und Motivabsprachen verlangt, hat das mit Kunst mal überhaupt nichts mehr zu tun, kommentiert Sascha Maier.

Stuttgart - Man wünscht sich in dem bunten Bild an der Haltestelle Sommerrain irgendwo einen Penis. Aber egal, wie genau man hinschaut, man findet keinen, nicht mal einen ganz kleinen. Mutloser als die Kunst, die gerade im Auftrag der Bahn in und um Stuttgart entsteht, ist Street-Art wahrscheinlich nie gewesen. Einen bizarreren Akt, als dass die Bahn ihren Erbfeind, die Graffiti-Künstler ins Boot holt und sie allen Ernstes nach Motivabsprachen an Bahnhöfen werkeln zu lassen, vermag man sich nicht auszudenken und offenbart ein gruseliges Kunstverständnis des Konzerns.

Wie Nikolaus Hebding, Leiter des Stuttgarter Bahnmanagements, das Projekt „Bahnhof.Wand.Kunst“ beschreibt, dem ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen: „Für mich ist es aber wichtig, nicht von Graffiti zu sprechen, das ist Sachbeschädigung, sondern von Auftragskunst.“ Auch wenn man 2019 eher von Street-Art als von Graffiti spricht, kann das, unabhängig von der Sachbeschädigung, immer noch richtige Kunst sein, die neben Rap, DJing und Breakdance eine der vier Säulen der Hip-Hop-Kultur darstellt – und keine Auftragskunst wie im Mittelalter. Wem eine andere Definition lieber ist: Der Heidelberger Kunstwissenschaftler Ulrich Blanché beschrieb die Kunstform als „selbstautorisiert angebrachte Zeichen aller Art im urbanen Raum.“

Auch die sixtinische Kapelle war Auftragskunst

Jetzt kann man natürlich dagegenhalten, dass auch Michelangelos Sixtinische Kapelle Auftragskunst war und etliche Graffiti auf städtischen Flächen in Jugendhäusern und sonstwo Auftragsarbeiten und es auch dort Absprachen über Motive gegeben haben mag. Aber wenn die Bahn von „Kunstwerken“ spricht, wenn die Haltestelle in Endersbach mit Vögeln und Blumen in Anlehnung an die kommunale Gartenschau 2019 im Auftrag der Kommune Weinstadt verziert wird, heißt das Werbung – Kunst setzt sich nicht mit Gartenschauen auseinander.

Umso vermessener wirken da weitere Sätze des Bahnmanagers Hebding, wenn er sagt: „Unser Ziel ist durch unterschiedliche Künstler, Vielfalt zu erreichen.“ Bei allem Verständnis für die oft am Bettelstab gehenden Stuttgarter Künstler, die Vögel und Blumen malen müssen, um über die Runden zu kommen – zum Banksy aus dem Ländle wird man mit so was sicher nicht. Genausowenig ist das Projekt „Bahhof.Wand.Kunst“ die Staatsgalerie, die Künstlern wirklich als Sprungbrett dienen kann.

Ehrlicher klingen da schon Nikolaus Hebdings Worte, wenn es um das Thema Schadensbegrenzung geht. So beobachte er, dass Wände, die bereits bemalt sind, nicht mehr großflächig beschmiert würden. Vielleicht würde er sich an einem kleinen Penis an der Haltestelle Sommerrain ja gar nicht so sehr stören.

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