Der Software-Konzern aus Walldorf hat eine Art „zyklusorientiertes Arbeiten“ eingeführt – es wird Rücksicht genommen auf Frauen, die Probleme in den Wechseljahren oder mit ihrer Periode haben. Nina Straßner, Global Head People Initiatives, erklärt, warum das für Unternehmen wichtig ist.
SAP gilt als mitarbeiterfreundliches Unternehmen: Es gibt dort Achtsamkeitskurse, kostenloses Mittagessen, Mental-Health-Beratung und seit Jahren eine Gesundheitsberatung für Frauen. Viele Arbeitgeber verschließen die Augen vor den hormonellen Umbrüchen im Leben einer Frau – bei SAP hat man dies geändert.
Frau Strassner, warum betreffen Periode und Wechseljahre eine Unternehmensleitung?
Rund 50 Prozent der Menschheit menstruiert – warum sollte das Thema am Betriebstor Halt machen? Wir sind ein globales Unternehmen, wir tauschen uns mit den HR-Chefs in anderen Ländern aus und fragen, ob etwas dort ein Thema ist. Vor allem in UK sind die Menstruation und die Wechseljahre gesamtgesellschaftlich schon viel länger ein öffentliches Thema.
Manche Länder, wie Spanien, führen einen Periodenurlaub ein. In Deutschland heißt es, dies sei rechtlich nicht möglich, weil es dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht.
Bei SAP haben wir Vertrauensarbeitszeit. In Deutschland ist die rechtliche Lage für ein Periodenurlaub bereits gegeben, weil wir erst ab dem dritten Krankheitstag eine Krankschreibung brauchen. Es gibt also keine gesetzgeberische Hürde. Es ist eher ein kommunikatives Stigma. Der Hintergrund der Diskussion ist das Wort „Periodenurlaub“, betroffenen Frauen dreht sich bei dem Wort ja der Magen um. Es ist kein Urlaub. Deswegen denken Frauen selbst oft nicht, dass sie krank sind, sondern schmeißen sich starke Schmerztabletten ein und versuchen den Tag rumzukriegen.
Auch über das Thema Wechseljahre haben sie bei SAP kürzlich einen Workshop gemacht und es kamen sehr viele Männer. Hat Sie das überrascht?
Ja, aber wir unterschätzen bei Männern oft deren Empathie. Viele kamen, weil sie Frauen in dem Alter in ihrem Team haben, viele kamen aber auch aus privaten Interessen. Oft muss man Themen aus der Tabu-Ecke holen und dann kann man offen darüber sprechen. Das war auch so, als wir Tampons auf den Toiletten angeboten haben. Davor war das immer so ein geheimer Schwarzmarkt. Den haben wir gestoppt. Eine Diskussion darüber ist bei uns gar nicht erst aufgekommen, es kamen auch keine Männer, die als Ausgleich unbedingt Rasierschaum wollten.
Als im Stuttgarter Rathaus kürzlich auf den Männertoiletten ein Tamponspender aufgehängt wurde, gab es eine riesige Aufregung in konservativen Kreisen, bei SAP soll es jetzt „zyklusorientiertes Arbeiten“ geben. Da ist gesellschaftlich ja ein Riesenunterschied?
Es ist immer noch ein Kommunikations- und Irritationsthema. Und deshalb ist es völlig in Ordnung, dass einige Menschen erst einmal irritiert sind, wenn es plötzlich Tampons kostenlos und auch für Männer gibt. Aber diesen Diskussionen muss man sich stellen und Angebote machen. Oft sind die Menschen nicht ignorant, sondern schlicht unwissend. Erst Wissen schafft Freiheit im Kopf.
Und wie kommt das zyklusorientierte Arbeiten nun bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an?
Auch wir haben da noch eine Generationenschere. Vor allem für jüngere Kolleginnen sind solche Angebote ein wichtiger Aspekt, wonach sie sich ihren Arbeitgeber aussuchen. Aber letztlich ist es für alle Frauen am Arbeitsplatz ein Thema, aber ältere Frauen sprechen da nicht so gerne darüber. Wir haben bei SAP aber zum Beispiel ein sehr aktives Väternetzwerk, die eben auch Töchter haben. Wir haben sie deshalb auch eingeladen unter dem Titel „Wie funktioniert eigentlich der weibliche Zyklus?“ Die haben uns die Tür eingerannt. Es gibt kaum einen Mann, den das nicht interessiert.
Früher war die Gesundheit der Mitarbeiter eher Privatsache. Muss sich ein Unternehmen heute darum kümmern, auch um die psychische Gesundheit?
Ja, unbedingt. Auch allein aus ökonomischer Sicht. Wir wollen unsere Fachkräfte halten, auch wenn sie in die Wechseljahre kommen, zum Beispiel. Aber auch wenn sie andere Probleme haben wie Suchterkrankungen, Gewalterfahrungen, Liebeskummer oder eine Fehlgeburt. Alles, was in der Gesellschaft vorkommt, kommt auch im Unternehmen vor. Damit wollen wir uns auseinandersetzen. Wenn eine Mitarbeiterin Angst vor einer Fehlgeburt hat, kann sie nicht richtig arbeiten, das ist doch klar – auch wenn sie nicht „körperlich“ krank ist. Die Arbeit soll jemand dann nicht noch einen zusätzlichen Rucksack aufsetzen. Wir setzen da auf Vertrauen in unsere Mitarbeiter. Menschen wollen arbeiten, sie wollen Leistung bringen.
Kostenloses Mittagessen, Mental Health Day und Achtsamkeitskurse – SAP hat oft den Ruf eines Wohlfühlunternehmens?
Ja – und genau das wollen wir sein! Wer arbeitet denn bitte gut, wenn er sich nicht wohlfühlt? Für uns ist das also ein schönes Kompliment. Aber genau wegen dieser Kultur sind wir auch als Unternehmen so gut durch die Pandemie gekommen. Bei uns können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jederzeit mit ihren Anliegen kommen. So haben wir uns zwar am Anfang in der Homeoffice-Zeit hauptsächlich auf das Thema Kinder- und Hausaufgabenbetreuung konzentriert, aber viele Singles kamen dann und haben gesagt, im Homeoffice sind sie einsam und fangen gefühlt schon an mit ihren Pflanzen zu reden. Auch darum haben wir uns gekümmert.
Viele, sogar Feministinnen, kritisieren bei einem Periodenurlaub, dass Frauen unter Umständen dann auf dem Arbeitsmarkt noch mehr benachteiligt werden könnten? Sehen Sie das auch so?
Das glaube ich nicht. Das ist wirklich ein Stigma aus den 1970ern. Dahinter dürfen wir uns nicht verstecken. Tatsächlich waren bei uns die älteren Frauen etwas skeptischer dem Thema gegenüber als die Jüngeren. Vor allem weil sie mehr Scham empfinden. Aber trotzdem ist es für Frauen in den Wechseljahren ein tolles Feedback, wenn sie merken, dass der Arbeitgeber sie auch nach 40 noch auf dem Schirm hat. Es gab auch keine einzige unangemessene Reaktion darauf bei uns.