Wie viel verdient man in Berufen, in denen besonders viele Fachkräfte fehlen? Daten zeigen: Ausgerechnet dort sind die Gehälter oft nicht besonders hoch.
Pflegekräfte, Handwerker oder Kraftfahrer werden in Deutschland händeringend gesucht. Könnte man sie nicht einfach viel besser bezahlen, um wieder mehr Menschen in die Berufe zu ziehen? Der Gedanke klingt einfach, Angebot und Nachfrage bestimmen nach der Lehre schließlich den Preis. Doch die Realität sieht oft anders aus: In vielen Berufen mit besonders großem Fachkräftemangel lässt sich trotzdem nur unterdurchschnittlich viel Geld verdienen.
Das zeigen Daten der Bundesagentur für Arbeit zu mittleren Gehältern und zum Fachkräftemangel in den 50 häufigsten Berufen in Deutschland, die unsere Redaktion ausgewertet hat. Bei 15 Berufen, die mindestens eine Ausbildung als Qualifikation erfordern, spricht die Arbeitsagentur für 2022 von einem Engpass – doch deren Gehälter liegen meist nahe am oder unter dem bundesweiten Mittel. Große Engpässe gibt es zum Beispiel bei Kraftfahrern oder medizinischen Fachangestellten, die in Vollzeit ein Brutto-Mediangehalt von nur etwa 2800 Euro im Monat verdienen, während der bundesweite Median bei 3522 Euro liegt. Median bedeutet hier: 50 Prozent der Vollzeitbeschäftigten verdienen mehr, 50 Prozent weniger. Als Fachkräfte bezeichnet die Bundesagentur für Arbeit die Berufe, für die in der Regel eine zwei- bis dreijährige Ausbildung nötig ist.
Die folgende Grafik ordnet die Berufe nach ihrer Engpassbewertung, also dem Fachkräftemangel, und ihrem Gehalt. Weiter oben liegen Berufe mit großem Fachkräftemangel, weiter rechts Berufe mit höherem Gehalt. Ein Klick auf einen der Berufe zeigt weitere Details an.
Berufe in der roten Zone sind nach Einschätzung der Bundesagentur sogenannte Engpassberufe. Die schwarze Linie zeigt, wo das mittlere Gehalt über alle Berufe hinweg verläuft. So zeigt sich ein klares Bild: Berufe auf Fachkraft-Niveau mit großen Engpässen liegen überwiegend in der unteren Hälfte der Einkommen.
Fachkräftemangel hat unterschiedliche Gründe
Die Berufe mit der höchsten Fachkräftemangel-Bewertung sind etwas besser bezahlt: Pflegekräfte mit einem Mediangehalt von 3830 Euro, Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klima mit 3360 Euro. Sie liegen aber immer noch nahe am bundesweiten Median. Ausreißer sind in dieser Liste nur Softwareentwickler und Ärzte. Auch hier fehlen Fachkräfte, sie verdienen aber im Mittel mehr als 5500 beziehungsweise 6500 Euro.
„Es gibt zwei Typen von Engpassberufen“, erklärt Malte Lübker vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut der Hans-Böckler-Stiftung (WSI). „Einerseits hoch spezialisierte, gut bezahlte Berufe, für die es nicht genug Qualifizierte gibt“, sagt Lübker, „und andererseits einen Mangel an Menschen, die anstrengende Tätigkeiten mit oft schlechten Arbeitsbedingungen oder familienunfreundlichen Arbeitszeiten für wenig Geld machen wollen. Dafür habe ich volles Verständnis.“
Fachkräftemangel heißt nicht automatisch mehr Geld
Experten beobachten immer wieder, dass Fachkräftemangel gerade in Ausbildungsberufen nicht automatisch zu hohem Gehalt führt. Das unterstreicht auch unsere Auswertung: In Fachkraft-Berufen mit großem Mangel sind die Medianlöhne trotzdem nicht höher als in anderen Ausbildungsberufen, in denen weniger Fachkräfte fehlen. Sie alle bewegen sich in einer ähnlichen Gehaltsspanne, im Mangelberuf Bauelektriker verdient man zum Beispiel mit knapp 3400 Euro ähnlich viel wie als Maschinenzusammensetzer, wo der Engpass viel kleiner ist.
Fragt man Dirk Werner vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, so gibt es verschiedene Gründe für ausbleibende Lohnsteigerungen. In Tarifverhandlungen liege der Fokus oft darauf, die Löhne unterer Gruppen zu steigern und nicht unbedingt, für Engpassberufe zusätzlich mehr zu bezahlen. Viele Firmen müssten kalkulieren: „Wie viel ist dem Privatmann eine Handwerkerstunde wert, wie viel die Brötchen beim Bäcker?“. Dazu kämen öffentlich finanzierte Berufe: „Bei Pflegekräften, bei Sozialarbeitern, bei Erziehern haben die Institutionen wenig Spielraum, höhere Gehälter zu zahlen.“
Zwar seien gerade in der Pflege und bei Erziehern die Gehälter in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, doch trotzdem steige der Bedarf schneller, als Arbeitskräfte hinzukämen, erklärt Werner. Sanitär, Heizung und Klima oder Bauelektrik seien zwar inzwischen „Top-Wachstumsberufe“ für neue Auszubildende, doch der Bedarf habe sich in kurzer Zeit „massiv ausgeweitet“.
Branchen attraktiver gestalten
Auch mit besserem Gehalt, so heißt es immer wieder, sei es schwierig, Arbeitskräfte dorthin zu bringen, wo sie am meisten gebraucht würden. Wortwörtlich, weil sie nicht ohne weiteres umziehen können, aber auch im übertragenen Sinne: Oft müssten sie vollständig umschulen, teils sind die Arbeitszeiten nicht attraktiv.
Malte Lübker vom gewerkschaftsnahen WSI sieht trotzdem Tarifverträge als entscheidendes Mittel, die für alle Beschäftigten einer Branche gelten und sowohl Gehälter als auch Arbeitsbedingungen regeln. Lübker meint: „Ich denke, es gibt ein ureigenes Interesse der Arbeitgeber, Fachkräfte lange an sich zu binden.“Ein positives Beispiel sei der Tarifabschluss im Wach- und Sicherheitsgewerbe im vergangenen Jahr gewesen, ebenfalls ein Engpassberuf. „Hier haben Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam das Ziel verfolgt, die Branche attraktiver zu gestalten“, sagt Lübker. Heraus seien Gehälter deutlich über dem Mindestlohn gekommen, dazu gebe es Zuschläge für Nachtarbeit und Co.
Daten
Gehälter
Die Bundesagentur für Arbeit erfasst die Bruttogehälter aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland. Daraus lassen sich mittlere Gehälter für alle Berufe ermitteln – allerdings nur bis zur sogenannten Beitragsbemessungsgrenze von 6750 Euro, weil die Daten aus der Sozialversicherungsstatistik stammen. Bei einigen Berufen (zum Beispiel Geschäftsführer/Vorstände) liegt das tatsächliche Mediangehalt darüber.
Engpassberufe
Ob in einem Beruf Fachkräftemangel herrscht, misst die Bundesagentur anhand mehrerer Indikatoren. Dazu zählen nicht nur offene Stellen im Verhältnis zu Arbeitssuchenden, sondern auch die Zeit, bis eine Stelle im Schnitt besetzt werden kann, sowie der Anteil ausländischer Fachkräfte und ungewöhnliche Gehaltssteigerungen.