Der niederländische Abwehrspieler Denzel Dumfries (li.) im Laufduell mit Leroy Sané – bei der 0:3-Niederlage der DFB-Elf vergangenen Oktober. Foto: AFP

Der niederländische Fußball benötigte eine verpasste EM und WM, um sich auf pragmatische Art neu zu erfinden. Trainer Ronald Koeman profitiert von der Arbeit in Vereinen wie Ajax Amsterdam.

Amsterdam - Mitunter reicht ein kleiner Zettel: handgeschrieben, nicht mal handgroß. Das Erinnerungsstück blieb am 19. November vergangenen Jahres in der Arena auf Schalke zurück, aber es dokumentiert auf seine Weise die Entwicklung des niederländischen Fußballs. Nur die Vornamen der zehn Feldspieler standen drauf, dazu deren taktische Anordnung in einem 3-2-3-2-System, um damals den 0:2-Rückstand gegen Deutschland noch aufzuholen. Es lief der letzte Spieltag der Nations League und die Niederlande benötigten ein Unentschieden, um sich den Gruppensieg abzuholen.

Auch Brechstange als Stilmittel

Das Besondere auf dem Karopapier: Der Vorname Virgil stand ganz oben und war unterstrichen: Virgil van Dijk, dieser Verteidigerhüne der FC Liverpool, teuerster Abwehrspieler der Welt, hatte Bondscoach Ronald Koeman für die Aufholjagd nach vorne beordert. Mit Erfolg: „Stürmer“ van Dijk drückte in der Nachspielzeit den Ball zum 2:2 über die Linie und bescherte seiner Elf die Teilnahme an der Nations-League-Endrunde mit einem Halbfinale am 6. Juni gegen England im portugiesischen Guimarães. Notfalls nutzt der holländische Fußball eben auch die Brechstange als Stilmittel.

„Talent tritt in Zyklen auf“

Ein gewisser Pragmatismus zählt zu einem hervorstechenden Merkmal bei der Renaissance in Orange. Es brauchte allerdings erst eine verpasste EM (2016) und WM (2018), um sich neu zu erfinden. Der vor 13 Monaten installierte Koeman hat für den Aufwärtstrend eine einfache Erklärung: „Ich glaube, Talent tritt immer in Zyklen auf, jedenfalls gibt es da keine unerschöpfliche Quelle. Holland hatte über weite Strecken außergewöhnliche Spieler zur Verfügung, aber kleinen Ländern wie uns muss klar sein, dass es immer auch magere Zeiten geben wird.“ Was allerdings einem fußballbegeisterten Völkchen wie den Holländern nur schwer zur vermitteln war.

Memphis Depay überragt

Als stimmungsvollstes Erweckungserlebnis der jüngeren Vergangenheit gilt das erste Nations-League-Duell gegen den zeitweise weit enteilten Nachbarn. Das zweite Oktober-Wochenende 2018 haben die Fußballfans aus Amsterdam bis heute nicht vergessen: Es herrschte prächtiges Spätsommerwetter, das Grachtenfestival hatte Abertausende Touristen angelockt – und diese ausgelassene, fröhliche Atmosphäre entlud sich in der Johan Cruijff Arena zum mitreißenden Freudenfest, als van Dijk, der überragende Memphis Depay und Giorginio Wijnaldum die torkelnden Deutschen sturmreif geschossen hatten. Endlich einmal mussten nicht die beleuchteten Bilder aus den ruhmreichen Tagen zwischen den Rolltreppen des schicken Stadions angeschaut werden, um sich in ein Hochgefühl zu versetzen. Doch wer glaubt, dass sich solch ein 3:0 auf Knopfdruck wiederholt, der irrt – zumindest für Koeman. „Wir hatten es sehr schwer gegen die Deutschen.“ Und spielerisch hatte ihm ohnehin immer das Heimspiel gegen Frankreich (2:0) viel mehr gefallen.

Topclubs als Zulieferer

Der 56-Jährige profitiert davon, dass ihn die niederländischen Topclubs wieder besser versorgen als seine Vorgänger. Nicht zufällig hat es Ajax Amsterdam mit einer Gala gegen Real Madrid ins Viertelfinale der Champions League geschafft. Mit Abwehrass Matthijs de Ligt, Linksverteidiger Daley Blind und Mittelfeldhoffnung Frenkie de Jong sind drei Ajax-Kräfte auch Stammspieler im Nationalteam, das die Pflichtaufgabe zum Start in die EM-Qualifikation gegen Weißrussland (4:0) souverän erledigte. Wie schon gegen Deutschland war vor allem der zwischen Genie und Wahnsinn schwankende Irrwisch Depay nicht zu halten, der sich mit zwei Toren und zwei Vorlagen zum Matchwinner aufschwang. Gleichwohl war Koeman anschließend in Rotterdam nicht richtig zufrieden. Offen rügte er die vielen „hakballetjes“, die vielen Hackentricks, die seine Stars im Überschwang einstreuten. Aus seiner Sicht eine unnütze Spielerei, die er im Klassiker nicht sehen will.

Gelassener Bondscoach

Ansonsten lebt Koeman aber eine angenehme Gelassenheit vor. Die früheren Feindschaften, die er ja selbst nach dem EM-Halbfinale 1988 in Hamburg mit seiner obszönen Trikotgeste aufleben ließ, stachelt der Ex-Libero der Generation Gullit-Rijkaard-van Basten nicht mehr an, sondern erfreut sich lieber an der Entwicklung der Elftal. „Ich habe das Gefühl, dass es generell wieder aufwärts geht.“ Und wenn es mal hakt, gibt es ja noch die Allzweckwaffe van Dijk. Am Donnerstag setzte der 27-Jährige übrigens auch wieder den Schlusspunkt. Ganz ohne Zettel.

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