Hält mit seiner natürlichen Autorität die Abwehr zusammen: Virgel van Dijk vom FC Liverpool. Foto: AP

Seine Stärke ist die Vielseitigkeit. Deshalb hat der FC Liverpool 84 Millionen Euro für Abwehrspieler Virgil van Dijk bezahlt – und die Summe ist offenbar bestens angelegt: Die Elf von Trainer Jürgen Klopp steuert zielstrebig auf den ersten Meistertitel seit 1990 zu.

Liverpool/London - Ein Jahr ist es her, dass Jürgen Klopp gegen seine Ideale verstieß. Als Manchester United im Sommer 2016 die damalige Rekordsumme von mehr als 100 Millionen Euro für Paul Pogba ausgab, hatte der Trainer des FC Liverpool moralische Bedenken angemeldet. Wenn solche Beträge im Fußball zur Regel würden, werde er aus dem Geschäft aussteigen, hatte Klopp sinngemäß gesagt. Zwischen Weihnachten und Silvester 2017 hat sein Verein dann selbst eine Fabelsumme investiert. Für angeblich 84 Millionen Euro verpflichtete Liverpool den Innenverteidiger Virgil van Dijk vom FC Southampton und machte ihn damit zum teuersten Abwehrspieler der Welt.

Klopp vergleicht Spieler mit Autos

Klopp hatte plötzlich kein Problem mehr mit Ausgaben in dieser Höhe. Mittlerweile hält er es sogar für möglich, mit Van Dijk ein Schnäppchen gemacht zu haben: „Qualität kostet einen bestimmten Preis. Das ist mit Autos genau so wie mit Spielern. Vielleicht denken die Leute jetzt, dass er zu billig war“, sagte der Trainer im August über den 27 Jahre alten Niederländer. Man kann Klopp Scheinheiligkeit vorwerfen, weil er teure Transfers bei der Konkurrenz verdammt, sie zum eigenen Vorteil aber gerne tätigt. In diesem Sommer kam ja noch Torwart Alisson für mehr als 60 Millionen Euro vom AS Rom. In England sieht man die Sache eher so: Der Trainer hat gelernt, dass es nur mit Idealismus nicht geht im Kampf um Titel und Trophäen, sondern, wenn man ganz oben mitspielen will, auch die besten Spieler braucht. Und die haben ihren Preis.

Lohnende Investition

Wenn man sieht, wie Van Dijk den FC Liverpool besser gemacht hat seit seiner Ankunft, muss man festhalten, dass sich die Investition gelohnt hat. Er ist hauptverantwortlich dafür, dass Klopps Mannschaft ihre Anfälligkeit in der Defensive in den Griff bekommen und in dieser Saison erst sieben Tore kassiert hat. Man kommt nicht an Van Dijk vorbei bei der Suche nach Schlüsselfiguren, warum Liverpool an diesem Samstag gegen den FC Arsenal als ungeschlagener Tabellenführer in die zweite Saisonhälfte startet und auf dem Weg zur ersten Meisterschaft seit 1990 ist. „Alles, was Liverpool erreicht, wird um seine Aura gebaut“, schrieb die „Times“ über den womöglich besten Innenverteidiger der Welt, mit dem auch die deutsche Nationalelf schon Bekanntschaft gemacht hat. Zum Abschluss der Nations League traf Van Dijk in der Nachspielzeit zum 2:2 für die Niederlande.

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Es war nicht neu für ihn, in der Schlussphase nach vorne geschickt zu werden. Er kannte das aus den Anfangstagen seiner Karriere beim FC Groningen. Auch da operierte er in den letzten Minuten oft als Aushilfs-Stürmer, um mit seiner Größe von 1,93 Metern Verwirrung zu stiften. Aus seiner Heimat wechselte er zum FC Celtic in Glasgow. Von dort machte er den Sprung in die Premier League nach Southampton. Er etablierte sich schnell, es war eine Frage der Zeit, bis ein größerer Club Interesse an Van Dijk zeigen würde.

Van Dijk trat in den Streik

Der Transfer nach Liverpool wurde von einem Getöse begleitet, das als Beleg für den Verfall der Sitten im Fußball gedeutet werden kann. Im Sommer untersagte Southampton den Wechsel und zeigte die Reds bei der Liga an wegen zu offensiven Werbens um einen vertraglich gebundenen Profi. Van Dijk trat in den Streik, und im Winter bekamen alle Seiten, was sie wollten: Liverpool seinen Wunsch-Verteidiger, der Spieler den Wechsel – und Southampton eine deutlich höhere Ablöse.

Auf dem Platz überzeugt Van Dijk durch Vielseitigkeit. Er hat nicht diese eine Stärke, sondern beherrscht alle Disziplinen seines Fachs. Mit seinem Stellungsspiel verhindert er Chancen, dank seiner Kopfballstärke sind Flanken ein nutzloses Mittel gegen Liverpool. Mit seiner natürlichen Autorität hält er die Abwehr zusammen und lässt seine Nebenleute Dejan Lovren, Joe Gomez oder Joel Matip gut aussehen. Außerdem ist er wichtig für den Spielaufbau. Van Dijk ist Liverpools Profi mit den meisten Ballkontakten, den meisten Pässen. Wird über ihn gesprochen, dann in Superlativen. Liverpools Abwehr-Legende Jamie Carragher vergleicht ihn mit Tennis-Ikone Roger Federer, weil bei beiden alles so einfach aussehe. Da ist es erfrischend, wenn der niederländische Nationaltrainer Ronald Koeman kritisiert, dass Van Dijk manchmal zu lässig agieren würde.

Noch Luft nach oben

Der Spieler selbst sagt, dass er „in jedem Aspekt meines Spiels“ stärker geworden sei seit seinem Wechsel nach Liverpool. Aber natürlich sei noch Luft: „Ich muss mich weiter verbessern, wir müssen einfach weitermachen und erreichen dann hoffentlich gute Sachen“, sagt er. Damit sind Titel gemeint. Das ist es ja, wofür Liverpool so viel Geld ausgegeben hat.

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