Schilder weisen Spaziergänger am Rotwildgehege darauf hin, dass die Wildtiere nicht gefüttert werden dürfen. In dem Gehege landet nämlich alles Mögliche. Vieles davon stellt für die Wiederkäuer eine ernste Gefahr dar. Der Förster erklärt, warum.
Der ältere Herr hat die Taschen voller Futter, das er in aller Selbstverständlichkeit durch den grobmaschigen Zaun des Wildgeheges an das Rotwild reicht, das ihn interessiert beäugt. Was er da genau verteilt, ist undefinierbar. Hoffentlich sind keine Back- oder Teigwaren darunter, keine Kartoffeln, kein Fleisch, keine Tropenfrüchte, keine Gartenabfälle, keine Fisch- und Meeresfrüchte und keine Süßwaren und Snacks. Bis auf die Fisch- und Meeresfrüchte und die Wurstwaren sei schon alles vorgekommen, berichtet Ralf Noack (41). Als Revierförster ist er für das Rotwildgehege im Rotwildpark zuständig und damit für das Wohlergehen der Herde, die aktuell aus 14 Tieren besteht, angeführt von Hirsch Karsten. Zu Noacks Aufgaben gehört es, Leute darüber aufzuklären, was gut für das Wild ist und was nicht.
Zwei Tiere aus der Herde sind verendet, eines wegen Schokolade
Eigentlich sollten Spaziergänger wie der ältere Herr mit den vollen Taschen gar nichts ins Gehege werfen, denn hier gilt: „Füttern verboten!“ So steht es auch auf den Schildern am Zaun, die der Wildfütterer souverän ignoriert. Ralf Noack hat sie vor Weihnachten aufgehängt, weil er den Eindruck hatte, dass es notwendig war. „Wir hatten hier schon zwei Todesfälle“, erklärt er. Die Tiere hatten etwas gefressen, das sie tötet. In einem Fall war es Schokolade. „Für das Rotwild ist das Gift“, sagt der Förster. Generell Zucker. Bei den Wiederkäuern führt das zu einer Übersäuerung des Pansens: „Das Tier verhungert dann mit vollem Bauch.“ Mit energiereicher Nahrung kommt das Rotwild nicht klar, betont Noack, deshalb seien auch Brotreste ungeeignet. Und exotische Früchte sowieso. Er hat auch schon Bananenreste aus dem Gehege gefischt.
Sorge vor der afrikanischen Schweinepest
Ähnliche Beobachtungen macht Götz Graf Bülow von Dennewitz, Leiter des Forstbezirks Schönbuch, zu dem der Rotwildpark gehört. „Die Leute schmeißen alles Mögliche rein.“ Aus einem Gehege in Entringen musste er Verschimmeltes entfernen – und Plastiktüten.
Das Problem stellt sich übrigens nicht nur beim Rotwild, sondern auch beim Schwarzwild auf der anderen Seite der Wildparkstraße. In dem Gehege dort leben sechs Wildschweine, ein Keiler namens Werner, fünf Bachen und acht Frischlinge. Nicht ausgeschlossen, dass es bald mehr Frischlinge werden; eine der Bachen, so hat der Förster beobachtet, zieht sich gerade auffällig zurück. Auch am dortigen Gehege hängen „Füttern verboten!“-Schilder, weil Wildschweine zwar als Allesfresser gelten, aber eben nicht alles vertragen. Noack sorgt sich vor allem wegen der Afrikanischen Schweinepest. Ein Fall sei in Baden-Württemberg registriert. „Wenn sich ein Tier ansteckt, muss die ganze Rotte gekeult werden.“ Dieses Szenario will der Förster unbedingt vermeiden. Deshalb sei es wichtig, das Füttern fachkundigem Personal zu überlassen. So behalte man auch einen Überblick über die Futtermenge.
Dreimal die Woche, montags, mittwochs und freitags, werden die Tiere gefüttert. Vorwiegend mit Heu und Raufutter. Wichtig sei der Ballaststoffanteil. Tierfreunde können sich daran gerne mit einer Futterspende beteiligen. „Geeignet ist alles, was bei uns in der Natur vorkommt: Fallobst, Mohrrüben, Körner, Mais“, erklärt Noack. Abgegeben oder deponiert werden kann das Futter bei der Wildförsterei im Rotwildpark. Alternativ am Pavillon am Rotwildgehege.
Der Förster würde gerne Futterautomaten aufstellen
In Ausnahmefällen gestattet der Förster auch, dass Besucher die Tiere selber füttern. Noack nennt das Beispiel einer alten Frau, die so vertraut mit den Tieren sei – speziell mit Hirsch Karsten–, dass sie ihm behilflich ist, ihnen Medikamente zu verabreichen, wenn es notwendig ist. „Wir wollen, dass es den Wildtieren gut geht, und möglichst lange Freude an ihnen haben“, betont der Revierleiter. Deshalb bietet er beispielsweise auch Schulkindern an, gemeinsam das Rotwild zu füttern. Zudem würde Ralf Noack am Wildgehege gerne Futterautomaten mit geeignetem Inhalt aufstellen.
Die Schilder dort zeigen übrigens durchaus Wirkung, wenn auch nicht bei dem älteren Herrn mit den vollen Taschen. „Seit sie hängen, wird weniger gefüttert“, stellt Förster Noack zufrieden fest.
Gefahren für Wildtiere
Verhalten
Auch für Tiere in freier Wildbahn stellt die Unkenntnis oder das falsche Verhalten von Waldbesuchern eine Gefahr dar. Ralf Noack, Förster und Revierleiter im Rotwildpark, weist darauf hin, dass Wildtiere sterben können, wenn sie im Winter aufschreckt werden und dadurch zu viel Energie verbrauchen. Waldbesucher sollten sich deshalb generell rücksichtsvoll verhalten und auf den Wegen bleiben. Sein Appell: „Das Thema geht alle an, die im Wald unterwegs sind.“