So sieht es Pavillon des Gastlandes Kanada aus. Foto: dpa/Arne Dedert

Eine Sehnsucht nach Nähe eilt dem Comeback der Buchmesse in Frankfurt voraus. Doch das so lange entbehrte Gespräch spielt sich zunächst einmal vor allem in der Warteschlange ab.

Frankfurt - Überall bilden sich maskierte Menschentrauben, die darauf warten, abgeholt und hygienetechnisch abgefertigt zu werden. Die kollektive Freude über das wiedergefundene Messeleben organisiert sich in chaotischen Masseneffekten: Hier machen sich ein paar Maskenträger auf den Weg, schon setzt sich ein ganzer Trupp in Bewegung – bis sich herausstellt, dass der erste Impuls möglicherweise nur von einer vollen Blase kam. Also wieder zurück.

 

Über allem schwebt die Angst, möglicherweise eine Registrierung verpasst zu haben und das endlich wieder von Mensch zu Mensch stattfindende Veranstaltungsprogramm am Ende doch wieder nur als digitale Aufzeichnung zu erleben. „Die Buchbranche hat den Coronatest bestanden“, kann man die Vorsteherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Karin Schmidt-Friderichs, sagen hören, hat man es endlich zur Eröffnungskonferenz in die riesige Festhalle geschafft. Der Messe steht ihr Coronatest erst noch bevor. Unter dem imposanten Passagenwerk des Kuppeldachs finden die meisten der Veranstaltungen statt.

Brainstorming für die Zukunft

Um für etwas Behaglichkeit zu sorgen, hat man links und rechts der Bühne kleine Wohnecken eingerichtet, mit 50er-Jahre-Gestühl, Zimmerpflanzen und Kühlschrank. So haben wir einmal gelebt. Was die nächsten Tage im Mittelpunkt stehen soll, ist dagegen die Frage „Wie wollen wir leben?“. Unter der Regie des Senders Arte haben sich acht kluge Köpfe, darunter die Künstlerin Katharina Grosse, der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen, der russische Autor Dmitry Glukhovsky und seine deutsche Kollegin Mithu Sanyal acht Stunden lang auf einem alten Kahn auf dem Main darüber Gedanken gemacht. Ab Donnerstag kann man ihr Brainstorming bei Arte online verfolgen, am Freitag im linearen Fernsehen.

Ein erstes Ergebnis nimmt sich noch etwas dürftig aus. Slogans wie „Nicht dem animalischen Instinkt folgen, um menschlich zu bleiben“ finden sich da oder „Lobbyisten im Bundestag durch Künstler ersetzen“ und „Jeder Mensch ist eine Künstlerin“. Weil dieser letzte Satz natürlich je nach Schreibweise eine andere Bedeutung annimmt, steht die Frage gendergerechten Sprechens als eines der zentralen Themen dieser Messe im Raum. Die neue Buchpreisträgerin Antje Rávik Strubel hat sie am Vorabend angeschlagen – in zahllosen Glottisschlägen hallt sie durch die Eröffnungsbeiträge.

Der erste Eklat wegen rechter Verlage

Nur der Buchmessen-Chef Juergen Boos hat mit anderen Problemen zu kämpfen. Dem sonst so sprachmächtig auftretenden Spiritus Rector der Buchkultur durchkreuzt ausgerechnet bei der Präsentation des hygienologischen Gesamtkunstwerks ein Frosch im Hals seine Rede. Womöglich hat er sich einen Zug zugezogen. Für den frischen Wind, den man sich von der Messe erhofft, soll auch eine hundertprozentige Frischluftzufuhr in den Innenräumen sorgen.

Mit dem diesjährigen Motto „Reconnect“ – Wiederverbinden – stellen sich auch manche alten Probleme wieder ein, von denen man sich gerne für immer verabschiedet hätte. Dürfen auch rechte Verlage ausstellen? Nein, findet die Schriftstellerin Jasmina Kuhnke. Aus Protest gegen die Präsenz des umstrittenen rechten Verlags Jungeuropa hat sie die Buchvorstellung ihres Debüts „Schwarzes Herz“ abgesagt. So hat die Messe ihren ersten Eklat. „Meinungsfreiheit ist unser höchstes Gut, die Buchmesse steht dafür“, sagt Juergen Boos, „was von den deutschen Gesetzen gedeckt ist, wird man hier finden. Es muss uns nicht gefallen, aber es muss möglich sein.“ Dmitry Glukhovsky weiß aus schmerzvoller russischer Erfahrung, wie kostbar das Recht der freien Meinungsäußerung ist. Mithu Sanyal und Raul Krauthausen sehen das etwas entspannter oder strenger – je nachdem: Man dürfe den Intoleranten nicht zu viel Toleranz zollen. Unter den Slogans, die sie auf ihrem Ideenboot ausgebrütet haben, findet sich auch: Streit konstruktiv lernen.

Papierfabrik als Landschaftskunst

„Suchen wir das Verbindende? Bauen wir Brücken oder Gräben? Lassen wir alle zu Wort kommen? Hören wir ihnen zu?“, so lauten einige der Grundsatzfragen, die Karin Schmidt-Friderichs ihrer Branche nicht nur für die kommenden Tage ans Herz legt.

Das Gastland Kanada baut in seinem Pavillon Berge, Täler, Meere und verbindet dies auf eindrucksvolle Weise mit der Produktion des in diesen Tagen immer wieder knapper werdenden Rohstoffs, auf dem alles beruht. Der Schattenriss einer Papierfabrik wird zur Projektionsfläche für die Elemente, aus denen die kanadische Landschaft besteht: Wasser, Licht, Mineralien, Erde, Gebirge, Luft. Wie aus Zauberbergen treten Hologramme der teilnehmenden kanadischen Autorinnen und Autoren aus den Spiegelwänden der Installation. Hybride Erscheinungen haben ihren eigenen Charme, dafür lohnt es sich, auch lange Warteschlangen in Kauf zu nehmen.