Wenn in dieser Woche die Buchwelt wieder in Frankfurt zusammenkommt, könnte davon ein Signal für das Ende der globalen Kontaktstörung ausgehen. Wir brauchen das Debattenkraftwerk Buchmesse dringender denn je, kommentiert Stefan Kister.
Stuttgart - Mit der Absage der Frühjahrsbuchmesse in Leipzig im letzten Jahr fing das ganze Desaster an. Weit über die Buchwelt hinaus wurde jedem plötzlich klar, was die Stunde geschlagen hat. Die virale Cancel-Kultur der Pandemie kassierte in der Folge eine Großveranstaltung nach der anderen. Wie schön wäre es, wenn von der in dieser Woche stattfindenden Buchmesse in Frankfurt nun ein entsprechendes Zeichen in umgekehrter Richtung ausginge. Das leitende Motto „Reconnect“ beschwört ein Ende der weltweiten Kontaktstörung. Der globale Buchhandel rückt wieder leibhaftig und nicht nur digital zusammen, um die Fliehkräfte des Abstandhaltens zu bannen – unter Einhaltung geltender Hygieneregeln, versteht sich.
Trotz Lockdown hat die Branche das Coronajahr besser überlebt als befürchtet. Die Einbrüche wurden vielfach wieder wettgemacht, kaum durften die Geschäfte wieder öffnen. Die großen Publikumsverlage haben mit ordentlichen Ergebnissen abgeschlossen. Doch daraus sollte man keine falschen Schlüsse ziehen. Zum Beispiel den, es könnte auch ohne Messe gehen.
Pandemische Nachwehen
Einige der großen Verlage teilen sich in diesem Jahr nur Gemeinschaftsstände. Die Zahl der internationalen Teilnehmer ist um zwei Drittel geschmolzen. Und wo es sich in der Vergangenheit die Staatsoberhäupter der jeweiligen Gastländer nicht nehmen ließen, in Frankfurt persönlich ihre Aufwartung zu machen, ist am Dienstagabend der kanadische Premier Justin Trudeau bei der Eröffnungsfeier nur zugeschaltet. Wenn sich das Branchentreffen weiterhin stolz als „weltgrößtes“ verstehen will, steht zu hoffen, dass es sich dabei nur um pandemische Nachwehen handelt und nicht um dauerhafte digitale Lerneffekte.
Denn die Frankfurter Buchmesse ist nicht nur ein merkantiles Ereignis. Mögen andere vergleichbare Veranstaltungen zum Thema haben, wie wir leben, essen, reisen, geht es hier um die grundlegendste aller Fragen: zu welchem Zweck. So viel Pathos muss sein, um einen Begriff zu geben, was auf dem Spiel steht. So wichtig selbstfahrende Autos und smarte Häuser für unsere Zukunft sein mögen: Sollten spätere natürliche und Künstliche Intelligenzen einmal wissen wollen, was uns umgetrieben hat, solange wir noch selbstdenkende Wesen waren, was wir gefühlt und gehofft haben – sie werden keine Typenkataloge studieren, sondern sich in jene Archive der Seele versenken, die das zentrale Handelsgut einer Buchmesse sind.
Mehr Käufer als Bücher
Zumindest, solange es noch Papier gibt. Hing über früheren Messen das Gespenst des Leserschwundes, so ist man dieses Mal paradoxerweise vom Gegenteil bedroht. Die Lieferkettenkrise und die Neuausrichtung der Papierindustrie auf Verpackungsmaterialien verknappen den Rohstoff, aus dem Bücher gemacht sind. Im diesjährigen Weihnachtsgeschäft könnte es mehr potenzielle Käufer als Bücher geben, was sich wohl auch in höheren Preisen niederschlagen dürfte.
Das könnte die Stunde des E-Books sein. Doch damit ziehen neue Probleme auf. Wenn ein wachsender Teil der digitalen Leser nur noch leiht statt kauft, gefährdet dies das Geschäftsmodell von Autoren und Verlagen. Unter dem Motto „Fair lesen“ haben sich 150 prominente Schriftsteller und Schriftstellerinnen zusammengeschlossen, um für einen gerechten Interessenausgleich zu werben zwischen dem Bildungsauftrag von öffentlichen Bibliotheken und dem nachvollziehbaren Wunsch, von Büchern leben zu können.
Es gibt in den nächsten Tagen also einiges zu besprechen. Höchste Zeit, dass das Debattenkraftwerk Buchmesse wieder seinen Betrieb aufnimmt.