In der Region Stuttgart sind seit 2016 Zehntausende Flüchtlinge untergekommen. Welcher Kreis hat die meisten untergebracht? Wo gibt es derzeit noch die größten Kapazitäten? Eine Übersicht mit Zahlen und Grafiken.
Landräte schlagen Alarm, Hilferufe aus den Städten und Gemeinden, Streit über die Verteilung und die Kosten – die Unterbringung von Flüchtlingen ist besonders seit dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine eines der bestimmenden Themen auf politischer Ebene in Deutschland. Die Region Stuttgart bildet da keine Ausnahme. Doch was sagen die Zahlen? Wie sieht die Situation bei der vorläufigen Unterbringung aus? Ein Vergleich der Kreise Ludwigsburg, Esslingen, Böblingen, Göppingen sowie des Rems-Murr-Kreises und der Stadt Stuttgart.
Serie „Flüchtlinge: Das ist die Lage in den Landkreisen“
- Teil 1 | Kreis Ludwigsburg: Bei neuen Unterkünften gibt es zunehmend Widerstand
- Teil 2 | Kreis Göppingen: Basis für Integration ist in Gefahr
- Teil 3 | Kreis Böblingen: Städte und Gemeinden oft an der Belastungsgrenze
- Teil 4 | Kreis Esslingen: Schwindet die Akzeptanz in der Bevölkerung?
- Teil 5 | Rems-Murr-Kreis: Fünf weitere Unterkünfte geplant
- Teil 6 | Stuttgart: Konkurrenzlage zwischen Einheimischen und Geflüchteten vermeiden
- Teil 7 | Flüchtlingssituation: Großer Vergleich aller Kreise in der Region Stuttgart
Wo sind die meisten Flüchtlinge in der Region Stuttgart vorläufig untergebracht?
Rund 12 780 Flüchtlinge sind derzeit im Rahmen der vorläufigen Unterbringung auf die Kreise der Region Stuttgart verteilt. Betrachtet man die Anzahl der Flüchtlinge im Verhältnis zur Einwohnerzahl, bringt der Kreis Göppingen (rund 257 000 Einwohner) in der vorläufigen Unterbringung derzeit mit Abstand die meisten Menschen unter: Auf 1000 Einwohner kommen 8,2 Flüchtlinge. Danach folgen die Stadt Stuttgart (4,9 Flüchtlinge) sowie die Kreise Böblingen (4,6), Esslingen (4,1), Rems-Murr (3,8) und Ludwigsburg (3,6).
Aus welchen Ländern kommen die Menschen in der vorläufigen Unterbringung?
Viele Menschen haben vor dem Krieg in der Ukraine Zuflucht gesucht. Im Kreis Göppingen sind das 38 Prozent der Geflüchteten in der vorläufigen Unterbringung. In Stuttgart kommen 40 Prozent in der vorläufigen Unterbringung und der Anschlussunterbringung aus dem von Russland angegriffenen Land. Im Rems-Murr-Kreis und dem Kreis Ludwigsburg kommen die Ukrainer meist direkt in der Anschlussunterbringung unter. Viele Menschen kommen aber auch aus der Türkei. Im Kreis Ludwigsburg etwa ist der Anteil der Leute, die aus der Türkei nach Deutschland kommen, mit 25 Prozent am höchsten. Neben der Türkei und der Ukraine zählen auch Syrien und Afghanistan zu den häufigsten Herkunftsländern.
Welcher Kreis hat die meisten Flüchtlinge seit 2016 in der Anschlussunterbringung untergebracht?
Für die Anschlussunterbringung – nach Abschluss des Asylverfahrens oder nach 24 Monaten, bei Ukrainern nach sechs Monaten – sind die einzelnen Städte und Gemeinden zuständig. Seit 2016 konnten in der Region Stuttgart rund 75 700 Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung untergebracht werden. Betrachtet man die Anzahl dieser Flüchtlinge im Verhältnis zur Einwohnerzahl, sind im Rems-Murr-Kreis (rund 426 000 Einwohner) seit 2016 die meisten Menschen in der Anschlussunterbringung untergekommen: Auf 1000 Einwohner kommen 31,5 Flüchtlinge. Danach folgen die Kreise Esslingen (30 Flüchtlinge), Ludwigsburg (29), Göppingen (27,2), Böblingen (25,5) sowie die Stadt Stuttgart (21,3).
Welcher Kreis hat noch die größten verbleibenden Kapazitäten in der vorläufigen Unterbringung?
Von den in der Region Stuttgart kreisübergreifend rund 16 600 Plätzen in der vorläufigen Unterbringung sind rund 3820 Plätze noch verfügbar, damit sind etwa 77 Prozent der Gesamtkapazität erschöpft. Während die Kreise Esslingen (88 Prozent belegt) und Göppingen (83 Prozent) sowie die Stadt Stuttgart (87 Prozent) in den Unterkünften der vorläufigen Unterbringung zunehmend an ihre Grenzen kommen, scheint die Situation im Rems-Murr-Kreis (59 Prozent belegt) und den Kreisen Böblingen (69 Prozent) und Ludwigsburg (73 Prozent) noch etwas entspannter zu sein.
Wie geht es weiter?
Die Kreise in der Region Stuttgart und ihre Städte und Gemeinden kommen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Oft kommen mehr Menschen in die Unterkünfte, als dass sie sie wieder verlassen. Im Kreis Göppingen etwa müssen monatlich im Durchschnitt 185 Personen in der vorläufigen Unterbringung untergebracht werden. Gleichzeitig konnten in diesem Jahr aber bisher nur 133 Personen durchschnittlich pro Monat in die Anschlussunterbringung wechseln. „Daher kann der Puffer recht schnell aufgebraucht sein“, mahnt eine Sprecherin. Zudem seien Notunterkünfte wie Sporthallen nur kurzfristig als Unterkunft nutzbar.
Wie beurteilen die Landräte die Flüchtlingssituation?
Die Landräte in der Region Stuttgart fordern eine gerechtere Verteilung von Flüchtlingen bundesweit und in Europa, um die Städte und Gemeinden in ihren Kreisen zu entlasten. „Wir brauchen dringend eine stärkere Steuerung des Zugangs“, mahnt Roland Bernhard, Landrat im Kreis Böblingen. Auch sein Kollege aus dem Kreis Ludwigsburg, Dietmar Allgaier, betont: „Ich habe unsere Forderungen nach einer gerechteren Verteilung innerhalb der EU und innerhalb Deutschlands mehrfach dezidiert gegenüber dem Bund formuliert und werde das auch weiter tun.“ Aus dem Kreis Esslingen berichtet Landrat Heinz Eininger: „Beim Zugang von Flüchtlingen, insbesondere aus anderen Herkunftsländern als der Ukraine, hat sich die Lage in den vergangenen Monaten zugespitzt.“
Ein Bürgermeister aus dem Kreis Esslingen sendet einen Hilferuf Richtung Berlin: „Wir appellieren an die Bundesregierung und mahnen an, dass wir am Ende unserer Möglichkeiten sind. Wir sind voll belegt.“ Im Kreis Göppingen sorgt sich Landrat Edgar Wolff um die Integration der Geflüchteten: „Die Städte und Gemeinden geraten immer mehr in eine Situation, in welcher die Rahmenbedingungen für eine gute und nachhaltige Integration nicht mehr gegeben sind.“ Auch die Landeshauptstadt sei längst „an der Grenze des Organisierbaren und Machbaren angelangt“, wie Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper berichtet. Die Bundesregierung müsse handeln.