Konrad Walter hilft ehrenamtlich den Geflüchteten im Hotel. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

In manchen Stuttgarter Aufnahmestellen für Geflüchtete leben bis zu 500 Menschen. Sie werden von Ehrenamtlichen und etlichen Profis betreut. Der Notfallhilfe muss jetzt schnell die professionelle Sozialarbeit folgen, fordern sie.

In der Landeshauptstadt gibt es seit den 1990er Jahren erstmals wieder Großunterkünfte. Damals hat der Jugoslawienkrieg die Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, heute ist es der Krieg in der Ukraine. 3496 Geflüchtete versorgt die Stadt derzeit mit Plätzen in Sammelunterkünften, darunter große Hotels.

 

Die Registrierung der Menschen aus der Ukraine scheint weitgehend abgeschlossen, doch auf den Trägern, die für die Betreuung verantwortlich sind, „lastet eine Herkulesaufgabe“, sagt Stadträtin Jasmin Meergans (SPD). Die Fraktionen von SPD und FDP fordern deshalb Informationen darüber, „welche personellen und finanziellen Mittel derzeit am Dringlichsten für die Betreuung der Geflüchteten aus der Ukraine und für die Dolmetscher gebraucht werden“ – in den Ämtern, bei den Freien Trägern und in den Flüchtlingshelferkreisen.

Ehrenamtler als Pannenhelfer

„Wir haben höchsten Respekt davor, was die Stadt bisher geleistet hat. Wir hoffen aber auf weitere Lösungen, denn die Notunterbringung ist auf Dauer sehr belastend“, sagt Johannes Engelhardt vom Flüchtlingssozialdienst der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Der Wohlfahrtsverband hat Mitarbeiter aus der Migrationsberatung in ein Feuerbacher Hotel entsandt, in dem 470 ukrainische Geflüchtete untergebracht sind. Sie tun, was sie können, vieles aber sei kaum noch zu leisten.

Konrad Walter ist Ukraine-Fan, spricht russisch, ist Sozialarbeiter und Verwaltungswissenschaftler. Er stellt seine Expertise und Sprachkenntnis ehrenamtlich zur Verfügung und hat Helfer aus der „ukrainischen Diaspora“ in Stuttgart rekrutiert. „Ohne sie wäre es schwierig. Beispielsweise, wenn die städtischen Mitarbeiter wegen der Registrierung oder der Erfassung Schwerstbehinderter ins Hotel kommen, aber keinen Dolmetscher dabeihaben“, sagt er. Die Ehrenamtlichen seien auch als Pannenhelfer gefragt. „Wir übernehmen weit mehr als für das Ehrenamt üblich wäre. Mich rufen täglich Mitarbeiter mehrerer Behörden an. Ich frage mich, was die eigentlich ohne uns machen würden“, sagt Konrad Walter.

Fraktionen fordern mehr Sozialarbeit

Mehr als 300 Anträge auf Aufenthaltserlaubnis müssten in einer Unterkunft dieser Größe gestellt werden, „wir können jedoch unmöglich alle einzeln auf Vollständigkeit überprüfen“, führt Walter an. Not macht erfinderisch: Man habe einen Antrag exemplarisch übersetzt, ans Schwarze Brett gepinnt und als Bild auf dem Messengerdienst Telegram veröffentlicht, den viele der Geflüchteten auf dem Handy installiert haben. „Nach sechs Wochen sollte die Stadt nicht mehr gänzlich aufs Ehrenamt angewiesen sein. Ich will auch irgendwann mal wieder Vollzeit arbeiten können und die 500 Menschen im Hotel in professionellen Händen wissen“, wünscht er sich.

Die FDP und SPD schlagen zur „pragmatischen und schnellen“ Abwicklung die Bildung eines Ukraine-Budgets oder eines Ukraine-Fonds vor. Jasmin Meergans sagt: „Wir müssen in den Unterkünften jetzt schnell in institutionalisierte Sozialarbeit kommen.“

Träger mahnen Integrationsarbeit an

„Wir wissen auch schon, was wir machen müssten“, sagt Sozialarbeiter Philipp Schwarze vom Caritasverband Stuttgart, „wir sollten jetzt mit dem Casemanagement beginnen.“ Doch im Hotel Dormero in Möhringen, wo die Caritas mit zwei Sozialarbeiterinnen Flüchtlingshilfe leistet, reichten dafür die Anwesenheitszeiten nicht aus. Bisher hätte sich alles um Registrierung und Aufenthaltserlaubnis gedreht, „jetzt sind Schule, Arbeit, Sprachkurse die Themen“. Sabrine Gasmi-Thangaraja, Bereichsleiterin Migration und Integration bei Caritas, beschreibt die Lücken: „Die Leute müssten jetzt erfahren, wo sie Anschluss finden, wo die Kinder zur Schule gehen werden, wo Sprachkurse stattfinden und ähnliches. Dazu müsste man die Nothilfe in reguläre Sozialarbeit überführen. Mein Wunsch wäre ab Mai ein Stellenschlüssel wie in den bestehenden Gemeinschaftsunterkünften.“

Stadt verlängert Vertrag mit Hotel

Die Stadt will die Anfrage der Fraktionen im Sozialausschuss am kommenden Montag beantworten. Vorab ließ sie wissen, auch sie sehe die derzeit tätigen Sozialarbeiterteams als „eine vorübergehende Lösung an, bis in den Notunterkünften dauerhafte Strukturen aufgebaut werden können. Hierfür müssen aber zunächst neue Fachkräfte eingestellt werden“. Das gelte auch für Dolmetscher.

Musicaltickelts für Geflüchtete

In Anbetracht der Wohnungsnot wird der Aufenthalt der Geflüchteten im Hotel andauern. Für Michael Berger, Pressesprecher der Dormero Hotels, stellt das kein Problem dar. „Die Belegung war bis Ende Mai geplant, jetzt haben wir eine Anfrage bis Ende August vorliegen, und wir werden das auch machen.“ Was anfangs noch eine Herausforderung für die Rezeptionisten gewesen sei, „läuft inzwischen reibungslos“, so Berger. Verpflegung, behördliche Betreuung, die Ausgabe von Bekleidung, Bettwäsche und Handtüchern seien gut organisiert, und der normale Hotelbetrieb verlaufe weitgehend getrennt von der Flüchtlingsunterbringung so, „wie sonst bei großen Tagungen, und keiner der Gäste hat sich kritisch geäußert“. Die Stage Entertainment befürchtet ebenfalls keinen Engpass an Hotelzimmern, obwohl sie wieder alle Musical-Sitzplätze verkaufen darf. Den Geflüchtet wolle man nun einen Besuch im Musical anbieten – „ für eine kurze Auszeit von den schrecklichen Erlebnissen“, sagt Pressesprecher Stephan Jaekel.