Auch im Stuttgarter Augenwald hat der Borkenkäfer zugeschlagen. Foto: dpa

Der Borkenkäfer ist winzig, aber er setzt der heimischen Fichte aufgrund seines massenhaften Auftretens derart zu, dass Waldexperten Alarm schlagen. Bei einem Waldgang ließen sich Bezirksbeiräte aus Feuerbach und Botnang über das Ausmaß der Schäden informieren.

Stuttgarter Norden - Forstamtsleiter Hagen Dilling pult aus einem Stück Rinde eines dieser winzigen Krabbeltiere heraus und setzt es auf seinen Handteller. Selbst dort ist der Borkenkäfer nur bei genauerem Hinsehen für die rund 25 Teilnehmer der Begehung im Augenwald nahe dem Botnanger Schützenhaus erkennbar. Seine Größe liegt im Millimeterbereich. So winzig der kleine braune Holzschädling auch sein mag: Die Schäden, die er derzeit hinterlässt, liegen landesweit bei rund 100 Millionen Euro.

Denn in der Masse macht der gefräßige Krabbler den Fichten reihenweise den Garaus. Nach der Dürre im vergangenen Sommer und den Sturmschäden stieg die Zahl der Schädlinge explosionsartig an. Neben dem „Buchdrucker“ tauche ergänzend noch eine zweite Borkenkäferart – der „Kupferstecher“ – auf, sagt Dilling. Die Esche leide hauptsächlich an dem Eschentriebsterben, einer Pilzerkrankung. Von den rund 10 000 Festmetern, die vergangenes Jahr aus dem Stuttgarter Wald entnommen wurden, waren rund 8000 Festmeter Schadholz. 4000 Kubikmeter entfallen auf die Fichte und weitere 4000 Kubikmeter auf die Esche. „Also 80 Prozent unseres holzwirtschaftlichen Jahresvolumens bestand im letzten Jahr allein aus Schadholz“, betont Fabian Schulmeyer, Leiter des Stadtwaldes und der unteren Forstbehörde in Stuttgart, bei der Waldbegehung am Dienstag. Der Klimawandel, extreme Wetterlagen wie Stürme und die Schädlinge setzen der Fichtenpopulation derart zu, dass sie wohl früher oder später ganz aus dem Stadtwald verschwinden wird. Vom dunklen Tann kann daher in Stuttgart wohl bald keine Rede mehr sein.

Die Eiche spielt in Zeiten des Klimawandels eine wichtige Rolle

Auf einer fast baumfreien Hangfläche wird gerade aufgeforstet: In Wuchsschutzhüllen sprießen bereits einige Eichensetzlinge in mehreren Reihen. „Wir setzen 25 Eichen pro Trupp“, sagt Revierförster Christian Knecht. Ein Eichenbaum bleibe am Ende pro Formation übrig. Auch Weißtannen wären in dem Gipskeuper-Boden ein möglicher Kandidat für ein Aufforstungsprogramm, doch vor allem die Eiche spielt in Zeiten des Klimawandels eine wichtige Rolle. Sie gilt als relativ klimastabil. Eichen kommen mit der Trockenheit zurecht und auch mit dem Untergrund: Revierförster Knecht erklärt den Teilnehmern des Waldrundgangs, dass ein Schutz vor Wildverbiss vor allem bei gedüngten Setzlingen unerlässlich ist: „Rehe lieben nährstoffreiche Pflanzen“, sagt Revierförster Knecht. Sie würden sich sofort über die Jungtriebe hermachen.

Grundsätzlich unterliegt auch der Stadtwald momentan aufgrund der klimatischen Veränderung einem Wechsel, was den Bewuchs angeht: „Zehn Prozent des Fichtenholzes haben wir 2018 verloren, dieses Jahr dürfte der Schwund in ähnlichen Dimensionen liegen“, schätzt Schulmeyer. Momentan macht der Bestand gerade mal noch drei Prozent aus. Besagter Borkenkäfer liebt vor allem die Fichten, frisst sich durch die Rinde und legt dort seine Brut ab. Normalerweise könne der Baum durch die Absonderung von Harz die Insekten abwehren, berichtet der Leiter der unteren Forstbehörde. Ist er aber – wie in diesem Sommer – durch Trockenheit geschwächt, kann ihm auch eine geringere Käferpopulation gefährlich werden.

Kein Einsatz von Spritzmitteln gegen den Borkenkäfer

Eigentlich müssten die vom Befall betroffenen Bäume möglichst schnell aus dem Wald entfernt werden, aber dieser Abtransport gestaltet sich schwierig: Speziell „Langholz-Lkws“ sind offenbar rar, dort gibt es einen Engpass. Hinzu kommt, dass der Stuttgarter Stadtwald mit seinem relativ geringen Fichtenbestand sich eher hinten anstellen muss. „Wir sind kein großer Marktspieler bei Fichtenholz“, sagt Schulmeyer. Und kommt auch der Einsatz von Pestiziden in Betracht? Nein, spritzen wolle man gegen den Borkenkäfer aus ökologischen Gründen nicht, sagen die Forstbeamten. Der Schadholzeinschlag werde selbstverständlich auf die Gesamteinschlagmenge angerechnet, betont Dilling, stellvertretender Leiter des Garten-, Friedhofs- und Forstamtes vor etwa einem Dutzend Bezirksbeiräten, Bürgern und Mitgliedern der Bürgerinitiative Zukunft Stuttgarter Wald.

Bürgerinitiative Zukunft Stuttgarter Wald kritisiert Bewirtschaftung des Stadtwaldes

Dass der Borkenkäfer dieses Jahr „kräftig zugeschlagen hat, ist richtig“, sagt Jörg Noetzel von der Bürgerinitiative. Er bezweifelt aber, dass allein der Borkenkäfer die „Schuld an den Waldzerstörungen“ trage. „Je mehr man den Wald auslichtet und damit anfälliger für Trocken- und Hitzeperioden macht, desto mehr wird er natürlich anfälliger für Borkenkäferschäden“, sagt Noetzel. Neben dem Ausmaß des Einschlags sorgten zuletzt auch der Einsatz von Maschinen auf den sogenannten Rücke­gassen für Diskussionen. Die Befahrung erfolge nach einem festen System: Der Abstand zwischen zwei Fahrlinien betrage 40 Meter. „Auf der Befahrungslinie ist der Boden stark gestört, das gilt bereits nach dem ersten Befahren. Aber genau deshalb, fahren wir immer auf denselben Linien und Wegen, damit es woanders keinen Schaden gibt“, erklärt Forstamtsleiter Dilling.

Waldbeirat soll eingerichtet werden

In Zukunft soll auch ein Waldbeirat als öffentliches Gremium darüber mitentscheiden, wie der Stadtwald in Zukunft gestaltet und bewirtschaftet werden soll. Inzwischen hat der Gemeinderat der Schaffung eines solchen Gremiums zugestimmt. Für den Botnanger Jörg Noetzel und seine Mitstreiter von der Initiative „Zukunft Stuttgarter Wald“ ist dies ein positives und gutes politisches Signal: „Von daher ist die Stadt nun schon recht weit gekommen, was uns sehr freut und uns hoffen lässt, dass nun ein guter Dialog beginnt.“

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